Der Umweltschwindel

Die US-Justiz prüft eine Klage gegen Exxon Mobil. Der Erdölkonzern soll die Öffentlichkeit bewusst über die Ursachen des Klimawandels belogen haben.

Hillary Clinton stellt den Erdölkonzern Exxon Mobil an den Pranger. Foto: Reuters

Hillary Clinton stellt den Erdölkonzern Exxon Mobil an den Pranger. Foto: Reuters

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Der weltgrösste Ölkonzern wusste bereits 1977, dass das Klima durch das Verbrennen fossiler Rohstoffe verändert wird. Exxon Mobil betrieb damals bahnbrechende Forschung und war der öffentlichen Meinung zum Klimawandel weit voraus. Dennoch investierte der Konzern mehr als 30 Millionen Dollar in irreführende Kampagnen und verhinderte eine Einigung auf ein wirksames Klimaabkommen. Dies machen knapp 50 Umweltschutzverbände sowie die demokratischen Kandidaten Hillary Clinton und Bernie Sanders geltend. Das US-Justizministerium will die einmalig breit abgestützte Eingabe prüfen.

Die Forderung der Umweltschützer stützt sich auf interne Dokumente sowie die Aussagen zahlreicher ehemaliger Angestellter von Exxon, Wissenschaftler sowie Behördenvertreter. «Inside Climate News» wertete diese Unterlagen aus und kommt zum Schluss, dass das Unternehmen bereits seit dem Juli 1977 vom Klimawandel wusste und sogar an vorderster Stelle den Zusammenhang zwischen fossiler Verbrennung und Erderwärmung untersuchte. Elf Jahre bevor die Öffentlichkeit dank der Weltraumbehörde Nasa für das Thema sensibilisiert wurde, trat James Black, einer der Top-Wissenschaftler von Exxon, vor dem Management auf. Es gibt eine «grosse wissenschaftliche Übereinstimmung darüber, dass die Menschheit das Weltklima durch die Emission von Kohlendioxid aus dem Verbrennen von fossilen Rohstoffen verändert», sagte er. Ein Jahr später hatte Black bereits eine Rechnung erstellt, die bis heute Bestand hat: Er warnte, dass eine Verdopplung des CO2-Ausstosses die Temperaturen weltweit um zwei bis drei Grad erhöhen werde und der Menschheit nur wenig Zeit bleibe, um Gegensteuer zu geben. Exxon richtete danach sogar einen Öltanker ein, um zu erforschen, ob und wie viel CO2 die Ozeane aufnehmen können.

Exxon bestreitet die Vorwürfe

Die Forschung beweist aus Sicht der Umweltverbände, dass der Konzern um die Risiken der fossilen Verbrennung wusste und unbeabsichtigt dazu beigetragen habe, die Debatte voranzutreiben. Heute gilt dies alles nicht mehr: Exxon Mobil bestreitet, dass die Erkenntnisse von damals grosse Bedeutung hatten und etwas vertuscht werden sollte. «Diese Leute ziehen einige Dokumente, die bereits öffentlich waren, aus den Archiven und stellen sie als grosse Enthüllung dar», richtete ein Konzernsprecher aus.

Tatsache ist, dass Exxon bereits 1988 eine Desinformationskampagne gestartet hatte, als Nasa-Wissenschaftler James Hansen vor dem US-Kongress über den Klimawandel sprach und das Thema erstmals breit bekannt machte. Hansen gehört heute zu jenen Kritikern, die eine Strafuntersuchung gegen Exxon fordern. Der Konzern war anschliessend an der Gründung des Global Climate Council beteiligt, einer einflussreichen Lobbygruppe, der es gelingen sollte, die ­Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls durch die USA zu verhindern. Exxon Mobil habe mehr als 30 Millionen in Diffamierungs- und Verwirrungskampagnen gesteckt, schätzt Greenpeace, und dies mit fataler Wirkung. Kenneth Kimmell, Präsident der Union of Concerned Scientists verweist im Fachmagazin «Scientific American» darauf, dass die Hälfte aller Treibhausgasemissionen nach 1988 ausgestossen wurde. «Wären die grossen Unternehmen damals schon Teil der Lösung statt Teil des Problems gewesen, hätten wir heute grosse Fortschritte zu verzeichnen.»

In ihren Eingaben vergleichen die Umweltverbände das Vorgehen des Erdölkonzerns mit dem der Tabakindustrie, die mehr als 30 Jahre die Öffentlichkeit über die gesundheitlichen Risiken des Rauchens hinwegtäuschte, obwohl interne Untersuchungen das Gegenteil sagten. Die Tabakindustrie wurde deswegen zu Bussen und Wiedergutmachungen von mehr als 200 Milliarden Dollar verurteilt.

Ein Prozess gegen Exxon dürfte aus Sicht von Verfassungsrechtlern allerdings schwieriger zu führen und zu gewinnen sein. Aussagen zum Klimawandel seien grundsätzlich der Meinungsäusserungsfreiheit unterstellt, solange keine konkreten Beweise für eine bewusste Irreführung vorliegen würden. Politisch dürfte Exxon zudem im Vorteil sein, da die Regierung Obama bisher nur sehr zurückhaltend gegen die Erdölindustrie vorging und alle republikanischen Kandidaten der Branche günstig gesinnt sind.

Erstellt: 02.11.2015, 23:55 Uhr

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