Der untypische Chef der Baumeister

Die Gewerkschaften drohen im Baugewerbe mit Streiks. Ihr Gegenpart ist der noch weitgehend unbekannte neue Präsident der Baumeister, Gian-Luca Lardi.

Wohlgesinnte sagen, er sei «modern, dynamisch und ehrgeizig»: SBV-Präsident Gian-Luca Lardi. Foto: Ruben Hollinger

Wohlgesinnte sagen, er sei «modern, dynamisch und ehrgeizig»: SBV-Präsident Gian-Luca Lardi. Foto: Ruben Hollinger

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Am Dienstag verschärften die Gewerkschaften Unia und Syna den Ton im Streit um einen neuen Landesmantelvertrag für das Bauhauptgewerbe. «Sie bereiten einen Angriff auf die Rente mit 60 vor!», riefen sie den Journalisten zu und drohten mit einem «heissen Herbst», sollten die Baumeister sich nicht an den Verhandlungstisch setzen. Der aktuelle Vertrag läuft Ende Jahr aus.

Der Baumeisterverband (SBV) gab am Mittwoch zurück: «Wir stehen zur Rente ab 60!» In einer Blitzaktion wurden am Donnerstag 1300 Plakate mit diesem Slogan auf Baustellen aufgehängt. Das Baugewerbe habe einen guten und gültigen Landesmantelvertrag, sagte Präsident Gian-Luca Lardi vor Journalisten. «Er ist der beste GAV des Schweizer Gewerbes.» Das ewige Jammern der Gewerkschaften sei «hart zu ertragen».

Stand da eben Gian-Luca Lardi? Wer ist das? War nicht Werner Messmer der Baumeisterpräsident? Diese Fragen werden gestellt, wenn man sich in der Wirtschaft nach Lardi erkundigt. Nicht einmal im Tessin, wo er lebt und arbeitet, sei er in Erscheinung getreten, sagt ein bekannter Tessiner Politiker. Und selbst bei Wikipedia ist nicht Lardi, sondern der von «Arena»-Auftritten her bekannte Alt-Nationalrat Messmer als Präsident verzeichnet. Dabei war Lardi bereits vor 15 Monaten zu seinem Nachfolger gewählt worden, seit Januar ist er im Amt. Mit ihm zieht ein politischer Nobody gegen die mächtigste Gewerkschaft des Landes, die Unia, in den Arbeitskampf.

Den Gotthardtunnel mitgebaut

Der Tagesanzeiger.ch/Newsnet trifft Lardi in Biel am Rande der zweitägigen Delegiertenversammlung des Baumeisterverbandes. An der Pressekonferenz wirkt er sorgenvoll. Seine Botschaft liest er ab. Fragen von Journalisten beantwortet er zögerlich. Nicht weil er die Antwort nicht wüsste, sondern weil er sie vorsichtig abwägen will. Er ist nicht einer, der zuerst schiesst und erst dann überlegt.

Der Tessiner Lardi spricht perfekt Schweizerdeutsch mit Bündner Akzent. Aufgewachsen ist der 45-Jährige im Puschlav in einer italienischsprachigen Grossfamilie. Mit 16 schickte man ihn ins Internat der Klosterschule Disentis. Das Gymnasium sei für ihn eine kalte Dusche gewesen, sagt er. Plötzlich allein, kaum des Deutschen mächtig und ohne Eltern, Grossonkeln, Tanten und Cousins, die ihn zu Hause begleitet hatten, musste er sich zurechtfinden. Doch die vier Jahre sollten ihn reif machen.

Mit einer Latein-Matur im Sack ging er 1990 nach Zürich an die ETH, um Bauingenieur zu werden. Lardi als Studenten muss man sich vorstellen als einen, der die Woche hindurch den Studienstoff büffelt und dann am Wochenende sein Surfbrett auf den VW Golf schnallt, an den Urnersee fährt und im Föhnsturm über die Wellen fliegt.

Als Ingenieur reizten ihn schon früh Tunnel – zu einer Zeit, als die Schweiz daran war, grosse Bahnprojekte wie den Lötschberg-Basistunnel und die Neat zu planen. Tunnel sollten dann auch den beruflichen Werdegang von Gian-Luca Lardi bestimmen. Drei Jahre nach seinem Hochschulabschluss heuerte er 1999 in London beim grössten britischen Baukonzern Balfour Beatty an – heute macht dieser einen Umsatz von 12 Milliarden Franken. Balfour bewarb sich damals um ein Baulos am Lötschberg. 2000 war es so weit: Lardi war der Balfour-Verbindungsmann, durfte nach Bern übersiedeln und wurde zum Projektmanager ernannt.

Was Lardi deutlich von vielen Mitstreitern seines Verbands unterscheidet, ist seine Eleganz.

Dieses Know-how interessierte auch den italienischen Baukonzern Salini Impregilo, der heute 5 Milliarden Franken Umsatz macht. 2001 warb er Gian-Luca Lardi ab, um ihn beim Bau des südlichen Loses des Gotthard-Basistunnels einzusetzen. So übersiedelte er – bereits liiert mit der Zürcherin Nicole Alther – nach Lugano zur Schweizer Tochterfirma CSC Impresa Costruzioni des Milaneser Konzerns. Der Wert des Neat-Auftrags belief sich auf 700 Millionen Franken und sollte schliesslich dreizehn Jahre für Arbeit sorgen.

In dieser Zeit stieg Lardi, der Tunnel­ingenieur, bis zum Geschäftsführer der CSC auf. Er liess sich in Rovio TI nieder und wurde Vater von zwei Töchtern. Das Rüstzeug zum Chef holte er sich mit einem nebenberuflich absolvierten Betriebswirtschaftsstudium an der Hochschule St. Gallen. Seit 2007 führt er die Firma offenbar mit Erfolg und hat seitdem alle Grossen der Branche kennen gelernt, denn Grossaufträge – so etwa der Bau des Zürcher Uetlibergtunnels oder die Umfahrung Visp – werden immer von Konsortien gewonnen und ausgeführt.

Erfahrungen mit Streiks

Mit Streiks war Lardi erstmals 2007 und 2008 konfrontiert. Damals blockierte die Unia auch seine Neat-Baustelle. Der Bundesrat wurde auf den Plan gerufen und begann im Konflikt zwischen der Unia und dem Baumeisterverband, angeführt von Messmer, zu schlichten. Lardi sagt, ihm sei damals aufgegangen, dass eine Gewerkschaft nicht immer dieselben Ziele verfolge wie die von ihr vertretenen Arbeiter. Er spricht vom Arbeitskampf als einer Form des Marketings, um Mitglieder zu gewinnen. Die Bauarbeiter seien doch nicht an Streiks, sondern an guten und geregelten Bedingungen interessiert.

Was er nicht sagt, ist, dass sein Vorgänger Messmer – damals die Ikone der Baumeister – mit seiner harten Haltung und seiner Ablehnung aller Zusatzforderungen der Gewerkschaft die Unia zur Weissglut trieb. Damit stand Messmer auch im Gegensatz zu den grossen Firmen und den Westschweizer Baumeistern, die den Arbeitsfrieden suchten und zu Konzessionen bereit waren. Doch Messmer behielt mit Stimmen der kleineren Deutschschweizer Unternehmer lange Zeit die Oberhand, bis ihn der Bundesrat zum Kompromiss zwang.

Frühes Nachgeben unmöglich

Diese Gegensätze spielen noch heute eine Rolle. Es grenzte deshalb an ein Wunder, als 2014 Lardi als «Lateiner» und erst noch als Vertreter «der Grossen» Präsident wurde, halten doch die kleinen und mittelgrossen Baumeister ungefähr zwei Drittel der Stimmen in der Delegiertenversammlung. Als «hart» gelten die Ost- und Innerschweizer. Sie würden den Landesmantelvertrag am liebsten auslaufen lassen. Sie sagen, von der Unia lasse man sich nicht erpressen. «Die nächsten sechs bis zwölf Monate werden zeigen, ob sich Lardi gegenüber der Unia durchsetzen kann», sagte ein Vertreter dem Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Ein frühes Nachgeben wird sich Lardi verbandspolitisch nicht leisten können.

Wohlgesinnte sagen, er sei «modern, dynamisch und ehrgeizig». Er habe als Vertreter einer Minderheit das Zeug zu Kompromissen. Und er habe das «Baumeister-Gen», obwohl er nicht Baumeister, sondern nur Baumanager sei. Er selber sieht sich als Unternehmer und kandidiert als solcher für den Nationalrat auf der FDP-Liste im Tessin, um das Image des politischen Nobodys abzuschütteln. Was ihn deutlich von vielen Mitstreitern seines Verbandes unterscheidet, ist seine Eleganz. Modischer Anzug, perfekt sitzende Krawatte, passende Schuhe, man merkt ihm den Tessiner an. Damit steht er natürlich in klarem Gegensatz zur verstaubt wirkenden Verbandszentrale.

Spätestens aber, wenn er einmal von streikenden Bauarbeitern mit Eiern empfangen werden sollte, wird er in der SRF-«Arena» die Ärmel hochkrempeln, die Krawatte ablegen und auch mal kämpfen müssen. Kommt die Unia erst einmal in Fahrt wie 2007, wird sie nicht so schnell zu bremsen sein.

Erstellt: 01.10.2015, 23:01 Uhr

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