Kirchen verhindern 5G-Antennen in Glockentürmen

Kirchtürme sind ideale Standorte für Sendemasten. Doch nun wehrt sich das Kirchenvolk dagegen – nicht nur aus gesundheitlichen Bedenken.

In Oberburg BE sollte eine Antenne auf den Kirchturm. Gläubige wehrten sich dagegen. Foto: Adrian Moser

In Oberburg BE sollte eine Antenne auf den Kirchturm. Gläubige wehrten sich dagegen. Foto: Adrian Moser

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Der Teufel ist los, seitdem die Mobilfunkanbieter Swisscom und Sunrise in diesem Jahr mit der Lancierung des schnellen Standards 5G begonnen haben. Die Gegner haben sich erstmals landesweit organisiert und einzelne Kantone gesetzeswidrige Baustopps für Sendeanlagen verhängt. Nun erreicht die Kontroverse um gesundheitliche Folgen von Mobilfunkstrahlung eine eher unverdächtige Gruppe – die Kirchgemeinden.

In Oberburg im Emmental, in Alpnach im Kanton Obwalden, im bündnerischen Thusis sowie im solothurnischen Kriegstetten hat es das Kirchenvolk abgelehnt, dass die Swisscom ihre Mobilfunkantennen in den Kirchtürmen mit der neuen Technologie aufrüsten kann. Im zürcherischen Kyburg liebäugelt der staatsnahe Betrieb ebenfalls mit einer 5G-Anlage auf dem Turm der reformierten Kirche, prüft aber auch andere Standorte.

Emotionale Debatten

Berichte der lokalen Zeitungen zeigen, dass es während der Kirchgemeindeversammlungen zu emotionalen Debatten gekommen ist. Nebst gesundheitlichen Bedenken spielten auch religiöse Argumente eine Rolle. «Für mich ist die Kirche das Haus Gottes», zitiert die «Obwaldner Zeitung» einen Antennengegner aus Alpnach. Ein Anwesender in Kriegstetten sagte gemäss der «Solothurner Zeitung»: «Die Seele ist verkauft.»

Inzwischen regt sich auch in der Westschweiz Widerstand. Mitglieder der Kirchgemeinde im freiburgischen Belfaux haben den blauen Riesen daran gehindert, im Glockenturm einen 5G-Sender zu installieren. In Font, ebenfalls im Kanton Freiburg, ist Salt mit demselben Vorhaben gescheitert. Der kleinste Mobilfunkbetreiber hat vor, im Herbst erste kommerzielle 5G-Angebote auf den Markt zu bringen.

Die zunehmende Skepsis in der Basis zeigt Wirkung: Das katholische Bistum von Lausanne-Genf-Freiburg sucht nun den Dialog mit den Gegnern des neuen Mobilfunkstandards. Es lädt Vertreter der neu gegründeten Vereinigung «Stop 5G» ein, damit diese ihre Bedenken vortragen können. Die Argumente der Mobilfunkbetreiber haben sich die Geistlichen bereits angehört. Auf Grundlage aller vorliegenden Informationen dürfte die ­Diözese eine Empfehlung an ihre Kirchgemeinden abgeben.

Die Netzabdeckung ist wegen der Höhe der Kirchtürme ideal, da sie andere Gebäude überragen. 

In der Schweiz betreiben Swisscom, Sunrise und Salt auf über 80 Gotteshäusern Sendemasten für Mobilfunk. Aus technischer Sicht gibt es keine besseren Standorte: Meistens sind sie mitten in einer Ortschaft gelegen und decken so einen grossen Radius ab. Somit erübrigen sich mehrere Antennen an weniger gut gelegenen Lagen, die dasselbe Gebiet versorgen.

Die Netzabdeckung ist wegen der Höhe der Kirchtürme ideal, da sie andere Gebäude überragen. Und die Antennen lassen sich in einem Glockenturm gut verbergen, womit das Ortsbild ungestört bleibt.

7000 Franken pro Jahr

Die Kirchgemeinden wiederum profitieren finanziell, wenn sie ihre Kirchen an die Anbieter vermieten. Pro Jahr kommt so ein Zustupf von 6000 bis 7000 Franken zusammen. Das basisdemokratische Gefüge der katholischen und reformierten Landeskirchen verhindert, dass sich die Organisationen des Themas Mobilfunkantennen und 5G auf nationaler und kantonaler Ebene annehmen können. «Es gibt keine offizielle Position der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz», sagt Generalsekretär Daniel Kosch. «Das ist Sache der Kirchgemeinden.»

Auch der Evangelische Kirchenbund und seine Kantonalkirchen haben keine Handhabe, Verbote gegen den Bau von Antennen in Kirchtürmen auszusprechen. «Die Entscheidung über den Einbau von Mobilfunkantennen in kirchlichen Gebäuden liegt grundsätzlich in der Kompetenz der Kirchgemeinden», sagt Frank Worbs von der Reformierten Kirche Aargau, die sich wegen des öffentlichen Interesses intensiv mit der Frage auseinandergesetzt hat. Der Dachverband könne einzig Empfehlungen abgeben, die jedoch nicht verbindlich seien.

«Für mich ist die Kirche das Haus Gottes», sagt ein Antennengegner.

Die Mobilfunkbetreiber ihrerseits relativieren das Ausmass des Widerstands. Sunrise hält fest, dass das Unternehmen derzeit keine 5G-Anlagen in Gebetshäusern betreibt. Um bis Ende Jahr eine Abdeckung in allen Regionen zu erreichen, sei in einem ersten Schritt geplant, bestehende Antennenstandorte aufzurüsten. «Auch in Kirchtürmen», sagt Sunrise-Sprecher Rolf Ziebold.

Einsprachen seien kein neues Phänomen, heisst es bei der Swisscom. «Rund ein Drittel unserer Baugesuche ist mit Eingaben belegt. Es gelten auch bei Kirchen die üblichen Bewilligungsprozesse», so Swisscom-Sprecher Armin Schädeli. Zudem stelle die Firma fest, dass Gemeinden von sich aus Kirchen als Standorte vorschlagen.

Manchmal steckt der Teufel eben im Detail.

Erstellt: 21.06.2019, 10:54 Uhr

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