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Des Bundes schönste Tochter

2013 wird aus der Postfinance eine eigene Aktiengesellschaft. Damit wird ein neues Kapitel der Unternehmensgeschichte geschrieben. Es wird die Geschichte einer riskanten Freiheit.

Auf Gewinnkurs: Postomat am Bärenplatz in Bern. Wo Postfinance draufsteht, ist aber nicht immer Staat drin.
Auf Gewinnkurs: Postomat am Bärenplatz in Bern. Wo Postfinance draufsteht, ist aber nicht immer Staat drin.
Keystone
Beispielsweise vergibt die Postfinance Kredite für KMU über die Bank Valiant, die dann auch die Kreditrisiken trägt.
Beispielsweise vergibt die Postfinance Kredite für KMU über die Bank Valiant, die dann auch die Kreditrisiken trägt.
Keystone
Die Waadtländer Kantonalbank (BCV) führt in ihrer Funktion als Depotbank und Effektenhändlerin sämtliche E-Trading-Depots und Konten der Postfinance.
Die Waadtländer Kantonalbank (BCV) führt in ihrer Funktion als Depotbank und Effektenhändlerin sämtliche E-Trading-Depots und Konten der Postfinance.
Keystone
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Es war einmal ein Zahlungssystem. Seine formelle Bezeichnung lautete «Verfahren Einzahlungsschein mit Referenznummer» (VESR), sein umgangssprachlicher Name war Postcheck- und Girodienst der Schweiz. Sein Vater war der Staat und seine Mutter die Post: In die Welt gesetzt im Jahr 1906, entwickelte sich VESR im behüteten Umfeld prächtig. Arbeitsam wie es war, wickelte das Staatskind bald 60 Prozent aller Zahlungen im Land ab. Um die Kunden an sich zu binden, wurden bald Depositenkonten, elektronisches Zahlen, Online-Wertschriftenhandel und sogar Lebensversicherungen im Angebot geführt. Die Eltern durften zufrieden sein: 2011 erwirtschaftete die Postfinance, wie das Kind inzwischen hiess, die stolze Summe von 591 Millionen Franken für die gemeinsame Haushaltskasse.

Dank ihrer Ertragskraft ist die Postfinance heute des Staates schönste Tochter. Doch bald ist Loslassen angesagt: 2013 wird aus der Konzernsparte eine eigenständige Aktiengesellschaft. Was das bedeutet, weiss die Familie nur zu gut: Die volljährige Postfinance muss nun auf eigenen Beinen stehen und ist gegenüber den Behörden rechenschaftspflichtig. Um den Übergang zu erleichtern, werden die Eltern dem Kind noch einige ihrer Immobilien überschreiben. Sogar zusätzliche Schulden von 1,3 Milliarden Franken nimmt Mutter Post auf, damit das nötige Startkapital für die Tochter zusammenkommt. Mit einem Eigenkapital von rund 5 Milliarden Franken wird die Postfinance nun in die Freiheit geschickt. Ob dies wirklich genügt, ist Bankenexperte Martin Janssen zufolge alles andere als sicher. Auch Finanzprofessor Maurice Pedergnana sähe die Posttochter lieber mit etwas mehr Eigenkapital unterwegs.

Braves Mädchen oder Femme fatale?

Die Weisen der Branche zweifeln, ob die junge Postfinance auf dem richtigen Weg ist. Einige wollen ihr deshalb ein engeres Korsett anlegen. Zum Beispiel Niklaus Blattner, ehemaliger Nationalbankvizedirektor und viel beachtete Stimme im Bankengeschäft. Er würde die junge Dame am liebsten zur «Narrow Bank» machen, die für jede Verbindlichkeit eine Forderung mit gleichzeitiger Frist in den Büchern führt. «Das gegenwärtige Risikoprofil, geprägt von Gegenpartei-, Zins-, Währungs- und Marktrisiken, wäre herunterzufahren», schreibt Blattner in der NZZ – und spricht damit anderen Beobachtern aus dem Herzen. Auch Maurice Pedergnana ist der Ansicht: Von den festverzinslichen Wertpapieren in der Bilanz der Postfinance geht eine grössere Gefahr aus, als es der Politik und Öffentlichkeit bewusst ist.

Unter Experten gilt eines als sicher: Die Postfinance ist kein braves Mädchen, sondern eine richtige Femme fatale. Den Schweizer Stimmbürger hat sie mit ihren 4,3 Millionen Kundenkonten schon längst um den Finger gewickelt. Und auch in der Privatwirtschaft hat die Postfinance schon vielfach angebandelt. Kredite für KMU werden heute in Zusammenarbeit mit der Bank Valiant angeboten, die Waadtländer Kantonalbank führt die Kundendepots. Für die UBS übernimmt die gelbe Konzerntochter sogar die Abwicklung des gesamten beleggebundenen Zahlungsverkehrs. 600 Millionen Gewinn bei einem Hüftumfang von 3400 Angestellten und einer Oberweite von 92 Milliarden Kundenvermögen: Das sind Masse, mit denen die Postfinance heute locker jeden Schönheitswettbewerb gewinnt.

Systemrelevante Postfinance

Ob der gesetzliche Vormund mit diesen Anlagen umzugehen weiss, wird bezweifelt. Sieben Verwaltungsräte seien zu wenig für die Postfinance, meint Maurice Pedergnana: Es genüge nicht, um eine ausreichende Zahl unabhängiger Vertreter für den Risiko- und Prüfungsausschuss zu stellen. Zumal das Gremium des Finanzunternehmens – das faktisch ein Informatikdienstleister ist – nicht mit übermässig viel IT-Kompetenz ausgestattet ist. «Übergrosses Selbstvertrauen hinsichtlich dem strategischen Hauptrisiko einer Transaktionsbank» attestiert der Finanzprofessor der neuen Postfinance. Ihre Unschuld verlor die Bank bereits 2011: Damals wurde die Postfinance als erstes Schweizer Unternehmen wegen Geldwäscherei verurteilt. Ganz mit der Verarbeitung hoher Geldzuflüsse beschäftigt, vergass die Bank, bei einer Barauszahlung über 4,6 Millionen Franken genauere Abklärungen vorzunehmen.

250'000 Franken Busse erhielt die Post-Tochter damals aufgebrummt – ein Ärgernis für den Staat, der eben nicht nur Eigner, sondern letztlich auch Zahlmeister der Postfinance ist. Dass sich dies in Zukunft ändern wird, daran mag niemand im Land recht glauben. Niemand werde die Postfinance künftig fallen lassen, sagt sogar der Postfinance-Sprecher spontan am Telefon. Und dies trotz formeller Abschaffung der Staatsgarantie. Die Postfinance sei faktisch «too big to fail», sagen auch die Experten. Anders sieht dies offenbar die Schweizerische Nationalbank. Halten sich die bösen Onkel aus Zürich sonst kaum mit Bankenschelte zurück, so attestieren sie der ihrer Ansicht nach artigen Postfinance keine Systemrelevanz fürs Finanzsystem. Was bei Experten wie Maurice Pedergnana Stirnrunzeln verursacht. «Die Schweiz kann im Zahlungsverkehr nicht auf die Postfinance verzichten», sagt er.

Wohin des Weges, schöne Frau?

Womit sich die Frage stellt, ob hier ein Wettbewerb mit gleich langen Spiessen stattfindet – und ob die Postfinance nicht doch in eine höhere Risikoklasse gehört als die Klasse zwei, in der auch die Zürcher Kantonalbank oder Raiffeisen sind. Würde die Genossenschaft im Krisenfall vom Staat gerettet? Wahrscheinlich nicht, meinen die Experten. Auf der einen Seite muss die Postfinance wenig Eigenkapital halten, auf der anderen Seite wundert sich die Wissenschaft über das blinde Behördenvertrauen in sie. Man habe das konservative Geschäften sozusagen in der DNA, heisst es dort. «Die Finma schaut uns auf die Finger», fügt der Postfinance-Sprecher hinzu. Doch die Wissenschaftler wissen, dass Staatsgarantien stets zum Eingehen von Risiken verleiten, die nicht entschädigt werden. «Hier entscheiden Quasi-Staatsbeamte, ohne dass sie die finanziellen Konsequenzen tragen müssen», beschreibt Martin Janssen das Ungleichgewicht.

Mit dem Grundsatz «Papa kann zahlen» im Rücken strebt die Postfinance bereits nach Höherem. So denkt Chef Hansruedi Köng bereits laut über den Einstieg in den Effektenhandel und die selbstständige Führung von Kundendepots nach. Ob wohl auch die eigene Hypothekenvergabe bald zur Disposition steht? Als erwachsene Tochter wird sich die Postfinance in solchen Lebensfragen immer weniger reinreden lassen. Aus ökonomischer wie aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist das Hypothekenverbot für die Staatsbank Nummer eins jedenfalls ein Nachteil – darin stimmen die Experten mit Ex-PWC-Mann Köng überein. Womit die Geschichte des Zahlungssystems VESR eigentlich nur ein Ende kennt: Vater Staat wird seine schönste Tochter irgendwann doch ganz aus den Händen geben. Und dem privaten Publikum zum Kauf anbieten.

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