Deutsche Bank beschenkte Chinas Elite

Wie sich die Grossbank mit Luxusgütern und Jobs für die Kinder an die Funktionäre heranmachte.

Treffen von Staatspräsident Jang Zemin und Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann (2. v. r.) Anfang April 2002 in Deutschland. Foto: Picture Alliance

Treffen von Staatspräsident Jang Zemin und Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann (2. v. r.) Anfang April 2002 in Deutschland. Foto: Picture Alliance

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Josef Ackermann hat in seinem Leben etliche Staatschefs getroffen, aber kaum einer hat ihn offenbar so beeindruckt wie der Chinese Jiang Zemin. «Er begrüsste mich auf Deutsch und zitierte Goethes ‹Faust›», erzählte Ackermann noch Jahre später.

Im Jahr 2002 begegneten sich die beiden Männer gleich zweimal: Im Februar stellte sich Ackermann in Peking als künftiger Chef der Deutschen Bank vor, im April reiste Jiang zum Staatsbesuch nach Berlin.

Die Nähe zu Jiang Zemin nährte die nahezu übermenschliche Aura, die Ackermann umgab. Inzwischen zeigt sich, dass mindestens sein Treffen mit Präsident Jiang in Peking unter irdischen Bedingungen zustande kam. Die Bank besorgte für Jiang nicht nur einen Kristalltiger im Wert von gut 15'000 Dollar als Gastgeschenk, sie liess sich die Begegnung noch deutlich mehr kosten: Einem internen Dokument zufolge zahlte die Deutsche Bank damals 100'000 Dollar an eine rätselhafte Beraterfirma, um das Treffen zu ermöglichen.

Zugang gegen Geld

Ackermann teilt schriftlich mit, er habe von dieser Zahlung nichts gewusst und von der Firma nie gehört. Für die Organisation solcher Treffen sei der Chef des China-Geschäfts zuständig gewesen, der nicht direkt an ihn berichtet habe.

Die 100'000-Dollar-Zahlung gehört zu einem Muster, das die China-Geschäfte der Deutschen Bank von 2002 bis 2014 prägte: Mit Geschenken, Gefälligkeiten und der Hilfe hoch bezahlter Mittelsmänner ebnete sich die Bank den Weg ins Wirtschaftswunderland. Dies zeigen Recherchen von «Süddeutscher Zeitung», WDR und «New York Times».

Neben Château-Lafite-Wein, Jahrgang 1945, Louis-Vuitton-Taschen und Kaschmirmänteln für chinesische Amtsträger oder deren Familien setzte die Bank auch auf dubiose Berater. Einer von ihnen kassierte zwei Millionen Euro – wohl weil er der Familie von Wen Jiabao nahestand, dem Ministerpräsidenten des Landes von 2003 bis 2013. Ferner gehörte es zur politischen und geschäftlichen Landschaftspflege, mehr als einhundert Söhne und Töchter von Parteikadern oder Chefs staatlicher Firmen als Angestellte in den Reihen der Deutschen Bank unterzubringen.

Seit Jahren jagt ein Skandal den nächsten

Deutschlands wichtigste Bank machte sich mit Geschenken und Günstlingswirtschaft an die Elite eines autoritären Regimes heran. Josef Ackermann erklärt auf Anfrage, er habe Gastgeschenke nach seiner Erinnerung höchstwahrscheinlich nicht selbst überreicht und deren Wert auch nicht gekannt.

Die Deutsche Bank ist seit Jahren in etliche Skandale verwickelt. Im August 2019 hat die US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) erklärt, die Deutsche Bank habe mit ihrer Personalpolitik gegen US-Antikorruptionsrecht verstossen. Sie habe in China – und auch in Russland – rechtswidrige Vorteile gewährt. Die Bank räumte kein Fehlverhalten ein, zahlte aber als Teil eines Vergleichs 16 Millionen Dollar.

Die Deutsche Bank erklärt in einer Stellungnahme: «Diese Vorfälle reichen bis ins Jahr 2002 zurück und wurden entsprechend behandelt […] Wo Schwachstellen identifiziert wurden, haben wir Gegenmassnahmen ergriffen.»

Jeden Abend fanden die Gäste in ihren Hotelzimmern Früchte, Blumen und Schokolade vor, sie wurden mit Spa-Besuchen bedacht, bekamen Taschen und Portemonnaies geschenkt. 

Allerdings ist nicht bekannt, ob die Bank alle Geschenke, Reisen und zweifelhaften Beraterhonorare offengelegt hat – vor allem die fragwürdigen Aktivitäten ihres langjährigen starken Mannes in China: Lee Zhang. Der stand im Mittelpunkt fast aller dubiosen Vorgänge. Er war ein typischer Profiteur jener Jahre, weil er Investoren aus dem Westen durch das Dickicht des erwachenden China lotste. Zhang kam 2001 zur Deutschen Bank. Er hatte sein Büro in Hongkong. Es dauerte nicht lange, da hiess er intern «Mister China».

Im Mai 2004 lud die Deutsche Bank auf Veranlassung Zhangs vier Vertreter des chinesischen Kohleministeriums zu einer Reise ein: Frankfurt, Heidelberg, Füssen und Genf. Jeden Abend fanden die Gäste in ihren Hotelzimmern Früchte, Blumen und Schokolade vor, sie wurden mit Spa-Besuchen bedacht, bekamen Taschen und Portemonnaies geschenkt. Die Reise soll insgesamt 40'000 Dollar gekostet haben. Eine konkrete Gegenleistung liess sich nicht ermitteln. Womöglich hatte die Bank Interesse am Kohlegeschäft – und die Pekinger Beamten auf Europareise waren für die Aufsicht zuständig.

Dubioser Berater

Bereits Ende 2004 regte sich zum ersten Mal Widerstand gegen Zhangs Spendierfreudigkeit. Ein hochrangiger Manager der Bank sagte, ihn sorgten Zhangs Geschäftsgebaren, dessen Geschenke an Geschäftspartner und dessen Beziehung zur Familie von Premier Wen. Die Deutsche Bank liess Zhang und einige seiner Mitarbeiter befragen. Es stellte sich heraus, dass die Bank tatsächlich 100000 Dollar an eine Firma namens Goodrich Overseas Limited gezahlt hatte. Es wurden neue Kontrollen beschlossen, viele davon wurden aber offenbar nicht umgesetzt oder verfehlten ihr Ziel. Und Zhang? Er stieg zum Co-Chef des Global Banking in Asien auf, später sogar zum Chairman für China.

Im Mai 2005 empfahl Zhang den nächsten externen Helfer. Dieser sollte, so hiess es intern, ein «politischer Berater» sein. Konkret brauchte die Deutsche Bank Hilfe dabei, einen Anteil an der staatlich kontrollierten Bank Huaxia zu kaufen. Es sollte der bislang grösste Coup der Deutschen in der Volksrepublik werden. Der Berater sollte für seine Dienste mindestens zwei Millionen Euro kassieren.

Das Verhältnis zwischen Josef Ackermann und seinem China-Chef Lee Zhang wirft etliche Fragen auf.

Die Compliance-Abteilung heuerte zur Sicherheit eine Wirtschaftsdetektei aus Singapur an, um den Lebenslauf des von Zhang angeworbenen Beraters zu überprüfen. Die Ernüchterung war gross: «Niemand kennt ihn. Das ist mehr als merkwürdig für einen, der sich als Dealmaker gibt.» Wer also war dieser Fremde? Ein Strohmann für einen hochrangigen Politiker? Dies hätte bedeutet, dass die Bank womöglich ein als «Honorar» getarntes Bestechungsgeld an einen Kader zahlt.

Die Strategie-Abteilung der Bank setzte sich über die Bedenken hinweg und verpflichtete den Berater. Kurz darauf kam eine weitere E-Mail aus Singapur: Der Berater sei nicht nur mit dem Sohn des Premiers Wen befreundet, er sei auch Manager einer Diamantenfirma, die der Ehefrau von Premier Wen gehöre.

Viele offene Fragen

Eine solche Konstellation lässt Korruptionsexperten aufhorchen. Für Premier Wen und seine Leute wäre es leicht gewesen, Insiderinformationen der Huaxia-Bank zu beschaffen und weiterzugeben. Und womöglich zu Geld zu machen.

Die Verantwortlichen bei der Deutschen Bank interessierten sich für diese Warnungen nicht. Fast ein Jahrzehnt später geriet die Deutsche Bank dann ins Visier der US-Aufsichtsbehörde SEC und beauftragte externe Anwaltskanzleien, ihr China-Geschäft zu durchleuchten. Die Untersuchung offenbarte, dass der ominöse Berater und Vertraute der Familie Wen womöglich gezielt Informationen über den Huaxia-Kaufpreis durchgestochen hatte. Demnach könnte die Deutsche Bank herausgefunden haben, wie viel ihre Rivalen zahlen wollten – um diese zu überbieten.

Das Verhältnis zwischen Ackermann und seinem China-Chef Lee Zhang wirft etliche Fragen auf. Ackermann wusste, dass Zhang bis an die Spitze des chinesischen Staats vernetzt war.

Dieser hat die Deutsche Bank im Jahr 2010 verlassen. 2014 verklagte sie ihn, weil er knapp vier Millionen Dollar veruntreut habe. Zhang bestritt das.

In seinen späteren Jahren als Bankchef soll Ackermann immer mehr erpicht darauf gewesen sein, auf seinen Auslandsreisen wichtige Politiker zu treffen. Wenn dies nicht gelang, war er offenbar sehr enttäuscht. Ackermann erklärt heute, er habe nie Probleme gehabt, wichtige Politiker zu treffen. In China jedenfalls, schreibt Josef Ackermann, habe es nie einen Grund zur Klage gegeben.

Mitarbeit: Petra Blum

Erstellt: 14.10.2019, 23:12 Uhr

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Die Deutsche Bank hat einem Insider zufolge verdächtige Geldwäscherei-Transaktionen im Zusammenhang mit der Danske Bank jahrelang nicht offengelegt. Mehr als eine Million Fälle seien von dem Geldhaus erst im Februar 2019 bekannt gemacht worden, sagte eine mit der Sache vertraute Person der Nachrichtenagentur Reuters.

Bereits fünf Jahre zuvor hatte ein Whistleblower den Geldwäschereiskandal bei der Danske Bank ins Rollen gebracht. Mit 1,1 Millionen Transaktionen aus den Jahren 2014 und 2015 würden sich nun die Ermittlungsbehörden befassen, sagte der Insider. So werde etwa untersucht, ob die Verantwortung für die verdächtigen Geldtransfers bei einzelnen Mitarbeitern oder bei der Führung des grössten deutschen Geldinstituts liege. Die Deutsche Bank lehnte einen Kommentar dazu ab, zu welchem Zeitpunkt sie die betreffenden Transaktionen bei den Behörden gemeldet hat. (sda)

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