Angriff auf Rabatte bei Schweizer Onlineapotheke

Zur Rose soll in Deutschland nicht länger Preisrabatte anbieten können. Doch Chef Walter Oberhänsli arbeitet längst an einem neuen Geschäftsmodell.

Wegen der Zukäufe wächst das Logistikzentrum von Zur Rose in Heerlen (NL). Foto: Ulrich Baumgarten (Getty)

Wegen der Zukäufe wächst das Logistikzentrum von Zur Rose in Heerlen (NL). Foto: Ulrich Baumgarten (Getty)

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Die Schweizer Onlineapotheke Zur Rose sieht sich einem Angriff der deutschen Bundesregierung ausgesetzt. Die stört sich daran, dass ausländische Onlineapotheken wie die Zur-Rose-Tochter Doc Morris beim Vertrieb von rezeptpflichtigen Medikamenten Patienten einen Preisrabatt bieten können. Deutsche Apotheken dürfen das nicht. Sie sind an die Preisbindung gefesselt, die in Deutschland gilt.

Um auch Zur Rose den Einheitspreis aufzuzwingen, greift der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn zu einem Trick. Er will die Vorgabe für den einheitlichen Medikamentenpreis aus dem Arzneimittelrecht streichen und in das Sozialrecht überführen. Dort haben EU-Staaten mehr Spielraum.

Für Zur Rose wäre das schmerzhaft. In Deutschland macht der Schweizer Onlinemarktführer zuletzt 671 Millionen Franken Umsatz, in der Schweiz waren es im vergangenen Jahr 527 Millionen. Ist das Wachstum im wichtigsten Markt nun in Gefahr? Zur-Rose-Chef Walter Oberhänsli winkt ab. Spahns Vorhaben widerspreche klar den Vorgaben der EU-Kommission. Ausserdem: «Wir glauben, dass nach der Einführung des elektronischen Rezepts Boni eine geringere Bedeutung haben werden», so Oberhänsli.

Wachsender Onlinehandel

In Deutschland hat sich laut Oberhänsli das Wachstum bei rezeptpflichtige Mitteln im vierten Quartal bereits abgeschwächt – trotz Rabatten. Wichtiger als die Boni sei das elektronische Rezept, und das soll in Deutschland 2020 kommen. Damit können Patienten ihre Medikamente einfacher von einer Onlineapotheke beziehen. Oberhänsli hofft, dass dann in Deutschland der Anteil der per Versand bezogenen Medikamente von derzeit 1,3 Prozent auf 10 Prozent ansteigt. Diesen Anteil hat der Onlineversand zum Beispiel in der Schweiz, wo es E-Rezepte schon länger gibt. Analysten halten das für ein glaubwürdiges Szenario.

Die juristischen Scharmützel mit Berlin lenken Oberhänsli nicht davon ab, seine Marktführerschaft in Europa auszubauen. Seit dem Börsengang 2017 hat Zur Rose vier Wettbewerber übernommen. Mit dem Kauf des spanischen Marktplatzes Promofarma ist das Thurgauer Unternehmen nun daran, das Geschäftsmodell zu erweitern.

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Bisher betreibt Zur Rose einen Webshop für rezeptpflichtige und rezeptfreie Medikamente und beliefert Patienten und Ärzte selbst aus einem seiner Logistikcenter. Nun wendet sich Zur Rose mit der spanischen Tochter dem Marktplatzkonzept zu: Dabei betreibt die Firma nur noch den Webshop. Auf diesen registrieren sich verschiedene Produktanbieter, und diese wickeln auch den Versand ab.

Zur Rose wandelt damit auf den Spuren von Alibaba und Amazon. Beim US-Onlineriesen stammen bereits über die Hälfte der Verkäufe nicht aus den eigenen Lagern, sondern von auf Amazon registrierten Händlern.

Der Vorteil: «Wir können mit Promofarma zum einen unser Produktangebot stark ausbauen und zum anderen schneller in neue Länder vorstossen», sagt Oberhänsli. So expandieren die Thurgauer mithilfe ihrer spanischen Neuerwerbung nun nach Frankreich und Italien – ohne zunächst selbst die teure Lieferlogistik vorhalten zu müssen. Selbst Analysten sind voll des ­Lobes: «Die Erweiterung des Geschäftsmodells Richtung Marktplatz ist brillant», sagt Sibylle ­Bischofberger, Analystin der Zürcher Kantonalbank.

Grossaktionärin steigt aus

Zunächst verkauft die spanische Tochter in den neuen Märkten nur Pflege- und Schönheitsprodukte. Hier ist der Margendruck zwar gross, doch gibt es keine regulatorischen Hürden. Ist der Onlinemarktplatz einmal etabliert, kann Oberhänsli später rezeptpflichtige Medikamente dranhängen. Die wichtigste Ressource, die Kundenverbindungen, ist bereits da.

Oberhänsli will schnell expandieren. «Im E-Commerce gilt die Regel: The winner takes it all», begründet er. «Es ergibt Sinn, ­aktiv an der Konsolidierung des Marktes mitzuwirken», sagt ZKB-Analystin Bischofberger, denn Zur Rose droht ein gefährlicherer Gegner als die Bundesregierung in Berlin: Amazon. Der US-Riese ist in den USA ins Apothekengeschäft eingestiegen. Und es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis Amazon den Schritt in Europa wagt. «Sollte Amazon in Europa ins Apothekengeschäft einsteigen, so rechne ich damit, dass dies via eine Übernahme geschieht», sagt Oberhänsli.

Nun hat der grössten Aktionär, die KWE Beteiligungen AG, die Vanessa Frey gehört, kalte Füsse bekommen. Frey und KWE-Vertreter Heinz Baumgartner scheiden bei der nächsten Generalversammlung aus dem Verwaltungsrat aus. «Art und Geschwindigkeit der Wachstumsstrategie» seien der Grund für das Zerwürfnis. KWE hält 10,5 Prozent an Zur Rose. Ob Frey die Aktien verkauft, ist offen. «Ich kann dazu keine Stellung nehmen», sagt Oberhänsli. Auch Frey schweigt. Seit kurzem hat die Firma aber einen neuen Aktionär. Laut dem Finanzportal «The Market» ist der aktivistische Investor Verizon eingestiegen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.04.2019, 06:53 Uhr

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