Die BLS könnte den SBB beim Doppelstock-Debakel aushelfen

Die BLS erhält Ende Jahr acht neue Zugkompositionen geliefert, weiss aber noch nicht, wie sie eingesetzt werden sollen. Die SBB dagegen brauchen dringend neue Züge.

Die BLS hat Züge bestellt, die man vorderhand nicht braucht: Ein Lokomotivführer der BLS im Einsatz. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Die BLS hat Züge bestellt, die man vorderhand nicht braucht: Ein Lokomotivführer der BLS im Einsatz. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Die SBB blockieren derzeit mit einer Beschwerde einen Entscheid des Bundesamts für Verkehr. Das Amt hatte 2018 entschieden, dass die Konkurrentin BLS zwei Fernverkehr-Strecken erhält. Die BLS verzichtet zumindest für das Jahr 2020 darauf, wie das Unternehmen vergangene Woche mitteilte.

Doch die BLS hat wegen der Zusage des Bundesamts im vergangenen Jahr acht neue Doppelstockzüge des Typs Mutz beim Schweizer Hersteller Stadler Rail bestellt. Geliefert werden sollen die Züge Ende 2019. Und die will die BLS nicht einfach herumstehen lassen.

Die BLS ist nun einem Deal mit der Konkurrentin nicht abgeneigt. «Die BLS ist grundsätzlich dazu bereit, mit den SBB über eine Nutzung der neuen Züge zu diskutieren», sagt eine Mediensprecherin. Die SBB ihrerseits sind auf zuverlässiges und vor allem vorhandenes Rollmaterial angewiesen. Noch immer bereiten die neuen Bombardier-Doppelstöcker Sorgen. Am Mittwoch machte die «Rundschau» weitere Probleme publik.

Eine fliegende Tür

So wurde etwa bei einer Testfahrt im Ausland eine Tür während der Fahrt abgerissen; sie flog 700 Meter weit durch die Gegend: Das markiert den spektakulären Tiefpunkt der Enthüllungen der vergangenen Jahre rund um den neuen Doppelstöcker der SBB. Hersteller Bombardier bestätigt den Vorfall. Das Unternehmen merkte aber an, dass das im kommerziellen Betrieb nicht passieren könne.

Insider sprachen in der Sendung zudem davon, dass in der Produktion bei Bombardier einiges nicht so läuft, wie es sollte. Deshalb warnen die Mitarbeiter davor, dass es zu Qualitätsmängeln kommen könnte.

SBB und Bombardier betonen, dass keine sicherheitsrelevanten Mängel aufgetaucht seien, seit die Züge im Einsatz sind. Die SBB sahen sich gestern Abend gar noch einmal gezwungen, mit einer Medienmitteilung auf die Sendung zu reagieren. Die SBB übernehmen nur Züge, die den hohen Qualitäts- und Sicherheitsstandards genügen, hiess es darin.

«Die BLS ist grundsätzlich dazu bereit, mit den SBB über eine Nutzung der neuen Züge zu diskutieren.»Mediensprecherin BLS

Gegenüber der «Rundschau» sagte ein Experte zudem, dass die geplante Ablieferung – mit Enddatum 2021 – zu ambitioniert sei, eine weitere Verspätung also möglich werde. Die ersten Fahrzeuge lieferte Bombardier bereits mehrere Jahre zu spät ab. Anfang Mai hatten Bombardier und die SBB von Fortschritten bei den neuen Zügen gesprochen. Sie fahren nun zuverlässiger, und zumindest bei einzelnen Fahrzeugen konnte das starke Wackeln bei tiefen Geschwindigkeiten reduziert werden.

Verbesserungen sind dringend erforderlich. Denn die SBB brauchen bis Dezember insgesamt 25 der neuen Doppelstöcker, um die geplante Angebotserweiterung zu ermöglichen. Und die Züge müssen zuverlässig sein. Bombardier sagt, dass die erforderlichen 13 zusätzlichen Züge pünktlich geliefert werden können. Momentan stehen zwölf im Einsatz. Bis zu fünf würden in den nächsten Wochen übergeben, hiess es damals. Zwei Wochen später sind aber noch keine neuen Züge übernommen worden, wie SBB-Sprecher Raffael Hirt bestätigt.

Doch was machen die SBB, falls die Züge nicht pünktlich geliefert werden? Einerseits werden weiter alte Züge eingesetzt, die man länger am Leben erhält als ursprünglich gedacht. Die Fahrzeuge sind aber punkto Ausstattung und Komfort nicht mit heutigen Zügen zu vergleichen. Ausgerechnet auf der Strecke vom Flughafen Zürich nach Basel, also dort, wo viele Touristen mitreisen, kommen sie immer wieder zum Einsatz. Und verärgern Reisende.

Man prüfe bezüglich Miete verschiedene Optionen

Eine andere Möglichkeit: Die SBB mieten Fahrzeuge zu. Wie die «Zürichsee-Zeitung» vergangene Woche schrieb, stehen die SBB in Verhandlungen mit der Südostbahn (SOB), um Züge leihweise zu übernehmen. «Möglicherweise werden wir den SBB mit einer Mietlösung von ein bis zwei Flirt-Zügen aus dem regionalen Personenverkehr helfen können», sagte SOB-Mediensprecher Christopher Hug. Ein Deal mit der SOB würde die Situation zwar entschärfen, doch das Problem nicht lösen. Denn die SBB brauchen mehr Züge.

Rollen also künftig die acht BLS-Züge für die Bundesbahnen durchs Land, um allfällige Engpässe zu überbrücken? Die kurze Antwort der SBB: Man prüfe bezüglich Miete verschiedene Optionen. Gespräche haben laut BLS bisher keine stattgefunden.

Die Zeit drängt. Steht im Dezember nicht genügend Rollmaterial zur Verfügung, leiden die Passagiere darunter. Sie müssten auf einigen Strecken mit weniger Sitzplätzen rechnen. Und damit, dass sie weiter in uralten Zügen von A nach B gefahren werden.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 16.05.2019, 22:51 Uhr

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