«Die Chinesen schauen zu und lernen»

Was wird sich bei Syngenta ändern? Bei den Stellen? Und der Firmenkultur? Einschätzungen von Joachim Rudolf, Geschäftsführer von China Intelligence.

Ein Angebot von 43 Milliarden Dollar für die Übernahme von Syngenta: Ren Jianxin, CEO von Chemchina.

Ein Angebot von 43 Milliarden Dollar für die Übernahme von Syngenta: Ren Jianxin, CEO von Chemchina. Bild: Reuters

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Was bedeutet es generell für ein Schweizer Unternehmen, wenn es von einem chinesischen Staatskonzern übernommen wird?
Die chinesischen Investoren setzen tendenziell keine Restrukturierungen durch. Sie lassen die Unternehmen arbeiten, sie schauen zu und lernen. Sie legen Wert auf die Stabilität der Unternehmen. Das zeigt auch eine vor zwei Jahren erschienene Studie aus Deutschland, die 15 Firmenübernahmen analysiert hat. Dasselbe dürfte auch für die chinesisch kontrollierten Firmen in der Schweiz gelten. Wenn Chinesen eine westliche Firma übernehmen, werden eher Arbeitsplätze geschaffen, als dass sie gestrichen werden. Aus der Sicht der Belegschaft kann ein chinesischer Investor eine gute Lösung sein.

Gehen Chinesen tendenziell anders vor als etwa amerikanische Investoren, bei denen praktisch immer mit Restrukturierungen und Stellenabbau zu rechnen ist?
Ja. Im Fall von Syngenta kommt dazu, dass es nicht viele Überlappungen mit Chemchina gibt. Ausserhalb von China sind Syngenta und Chemchina auf unterschiedlichen Märkten tätig. Bei einem Zusammengehen des US-Konzerns Monsanto und Syngenta wäre die Ausgangslage eine ganz andere gewesen. Da hätte es viele Überschneidungen und somit Potenzial für Kostensynergien gegeben. Dementsprechend hätte wahrscheinlich ein Abbau von Stellen stattgefunden.

Chinesische Investoren halten in der Regel an den Strukturen übernommener Firmen fest, wie Sie betont haben. Wie sieht es bei der Unternehmenskultur aus?
Für die Belegschaft dürfte sich nichts Wichtiges verändern. Dagegen wird es für das Management Änderungen geben, so wie dies bei jeder Firmenübernahme der Fall ist. Es wird neue Köpfe in Geschäftsführung und Verwaltungsrat geben, und die Unternehmensführung muss sich mit den Eigenheiten der neuen Eigentümer auseinandersetzen. Die chinesische Führungskultur ist eher konsensbasiert. Die Entscheidungsprozesse sind zwar lang, die Umsetzung ist aber sehr zielbewusst. Im Fall von Syngenta ist es denkbar, dass sich an der Firmenkultur nicht viel ändert.

Bei der Syngenta in Basel atmet man auf. Warum, sagen die Mitarbeiter in einer Umfrage. (Video: Fiona Endres, Lea Koch)

Dass Chemchina Syngenta übernehmen möchte, ist also unter dem Strich keine schlechte Nachricht für die Angestellten und den Standort Schweiz.
Die Übernahme von Syngenta wäre die bisher grösste eines chinesischen Käufers im Ausland. Aber es wird nicht der letzte grosse Kauf sein. Um ähnliche Transaktionen im Ausland in der Zukunft nicht zu gefährden, werden die Käufer von Syngenta darauf bedacht sein, niemandem wehzutun. Die Syngenta-Übernahme soll auch noch in drei oder fünf Jahren von den Angestellten und dem Standort Schweiz als positiv wahrgenommen werden. Dies spricht gegen harte Restrukturierungen und Kostensparmassnahmen. Die chinesischen Investoren sind keine Heuschrecken, die aus einer Firmenübernahme möglichst viel Geld herauspressen wollen.

Hinter Chemchina stehen letztlich die Interessen der kommunistischen Führung Chinas. Ist die Übernahme von Syngenta Teil eines Masterplans Pekings?
Ja, es gibt tatsächlich einen Masterplan. Das oberste Ziel der Regierung ist die Aufwertung der Volkswirtschaft Chinas. Im Fall von Syngenta steht die Landwirtschaft im Fokus. Einerseits geht es den Chinesen um eine markante Effizienzsteigerung in der Landwirtschaft, anderseits um eine deutliche Verbesserung der Selbstversorgung. Um diese Ziele zu erreichen, braucht China das wissenschaftlich-technische Know-how eines Unternehmens wie Syngenta. Syngenta ist strategisch wichtig für China. Darum wird China in die Forschung und Entwicklung von Syngenta investieren, mit möglicherweise auch positiven Auswirkungen auf den Standort Schweiz.

«Kein grosser Abbau»: Christoph Mäder, Mitglied der Syngenta-Geschäftsleitung, erklärt, was der Verkauf von Syngenta für den Standort Schweiz bedeutet. (Video: Fiona Endres und Lea Koch)

Der Verkauf von Syngenta an einen chinesischen Staatskonzern hat schon vor seiner Bekanntgabe Kritik ausgelöst. BaZ-Chefredaktor Markus Somm schrieb in einem Editorial, dass es ein Desaster sei, wenn ein Schweizer Unternehmen in das Imperium des kommunistischen Chinas eingegliedert werde. Was sagen Sie dazu?
Das ist ein Thema, mit dem sich die Aktionäre von Syngenta auseinandersetzen müssen. Vermutlich werden sie ihre Aktien Chemchina andienen, so wie dies auch vom Syngenta-Verwaltungsrat empfohlen wird. Ob es relevant ist, dass hinter Chemchina der chinesische Staat steht, ist eine ideologische Frage. Für den Forschungs- und Arbeitsstandort Schweiz gehe ich davon aus, dass diese Transaktion nicht viel ändern wird. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.02.2016, 16:53 Uhr

«Für den Forschungs- und Arbeitsstandort Schweiz gehe ich davon aus, dass diese Transaktion nicht viel ändern wird»: Joachim Rudolf, Geschäftsführer von ChinaIntelligence, Finanz- und Unternehmensberatung zu China.

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