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Die diffuse Angst vor Big Brother

Die heute veröffentlichten Twitter-Zahlen setzen ein geschäftliches Fragezeichen vor Social Media. Doch auch gesellschaftspolitisch stehen Facebook, Amazon & Co. unter Beschuss.

Philipp Löpfe

Die Literatur geht hart mit Twitter & Co. ins Gericht. So erklärte der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen kürzlich, wir befänden uns in einem Zeitalter des «Quatschens, Twitterns und Wichtigtuns». Er bezeichnet Amazon und Facebook als «infernale Maschinen des Techno-Konsumerismus», die alle menschlichen Werte zerstören. «Mit dem Techno-Konsumerismus wird die humanistische Rhetorik von ‹Empowerment›, ‹Kreativität›, ‹Freiheit›, ‹Verbindung› und ‹Demokratie› zu einem Freipass für ein Monopol der Techno-Titanen», stellt Franzen fest. «Die neuen infernalen Maschinen gehorchen scheinbar zunehmend nur noch ihrer eigenen Logik.»

Der Schriftsteller Dave Eggers ist zwar nicht so berühmt wie Franzen. In seinem Roman «The Circle» rechnet er aber ebenfalls mit dem Silicon Valley ab. Er schildert eine Gesellschaft, die aus dem Gleichgewicht geraten ist, in der jegliche Privatsphäre verschwunden ist. «Privatheit ist Diebstahl», lautet das Motto. Der Albtraum von George Orwells Big Brother in «1984» ist dank den sozialen Medien Wirklichkeit geworden.

Treiben uns die sozialen Medien in den Ruin?

Auch wirtschaftlich haben die sozialen Medien derzeit eine gemischte Presse. Twitter will ein börsenkotiertes Unternehmen werden und erhofft sich von seinem IPO einen Milliardenertrag. Zwischen 12 und 15 Milliarden Dollar soll die Firma wert sein – ein stolzer Betrag, wenn man berücksichtigt, dass Twitter im ersten Halbjahr 2013 nur 253 Millionen Dollar einnahm und unter dem Strich 69 Millionen Dollar verlor. Twitter kann keinen plausiblen Businessplan vorweisen, wie sich dies künftig ändern soll. Es mehren sich daher die Stimmen, die eine Neuauflage der Dotcomblase der 1990er-Jahre befürchten.

Treiben uns die sozialen Medien in die geistige Verblödung und in den wirtschaftlichen Ruin? Es gibt auch ganz andere Einschätzungen. Der Politologe und Vordenker Jeremy Rifkin sieht in den sozialen Medien die Wegbereiter für eine neue und bessere Gesellschaft. «Statistiken belegen, dass in den Industrienationen noch keine Generation so tolerant war, so nachdrücklich die Gleichberechtigung unterstützte und für die Rechte Benachteiligter eintrat wie die heutige», stellt Rifkin in seinem Buch «Die empathische Zivilisation» fest und betont, dass gerade Medien wie Facebook und Twitter diese Entwicklung möglich gemacht hätten.

Die Privatsphäre werde überbewertet

Die Angst vor Big Brother hält der Internetprophet Jeff Jarvis für überflüssig. Privatsphäre sei erstens ein Phänomen einer untergehenden bürgerlichen Gesellschaft und zweitens weit überbewertet. Transparenz führe zu mehr, nicht weniger Freiheit. «Indem wir alles öffentlich machen, auch unsere Schwächen, müssen wir uns nicht mehr am Ideal der Perfektion messen lassen», stellt er fest. «Und indem wir Perfektion als Ideal zurückweisen, gewinnen wir die Freiheit, alles, was wir tun, besser zu machen.» Jarvis hält sich konsequent an diese Devise, bloggt selbst über Intimstes wie seine Potenzschwierigkeiten nach einer Prostataoperation und seine Pornovorlieben.

Das Beispiel von Facebook relativiert auch die wirtschaftlichen Bedenken. Der Börsengang war zwar mehr als holprig, der Kurs brach zunächst massiv ein. Inzwischen sind die Facebook-Aktien jedoch auf einem Höchstwert, und allein die 20 Prozent, die der Firmengründer Mark Zuckerberg besitzt, sind rund 24 Milliarden Dollar wert.

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