«Die elektronische ID ist zu wenig benutzerfreundlich»

Online selber Bankkontos eröffnen und Versicherungen abschliessen: Dies könnte bald möglich sein mit elektronischer ID und Unterschrift. Doch das System hat seine Tücken, wie Rechtsanwalt Martin Steiger erklärt.

Wird (noch?) nicht von Nutzern überrannt: Eine Suisse-ID-Karte bei ihrer Lancierung im Mai 2010 in Bern, präsentiert von Projektleiter Christian Weber.

Wird (noch?) nicht von Nutzern überrannt: Eine Suisse-ID-Karte bei ihrer Lancierung im Mai 2010 in Bern, präsentiert von Projektleiter Christian Weber. Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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Künftig soll man online mit elektronischem Identitätsnachweis und elektronischer Signatur selber Bankkontos eröffnen und Versicherungen abschliessen können, falls die revidierte Geldwäschereiverordnung der Finma in Kraft tritt. Nötig ist für solche Geschäfte die Suisse-ID (siehe Box), auf der entsprechende Daten gespeichert sind. Was halten Sie davon?
Eines vorweg: Die Digitalisierung ist positiv zu beurteilen, weil sie viele Chancen bietet wie schnellere Kommunikation, weniger Hürden beim Einkaufen und neue innovative Geschäftsmodelle. Das System des Trägervereins Suisse-ID, unter dessen Dach die meisten Anbieter für elektronische Signaturen vereint sind, ist jedoch auch fünf Jahre nach seinem Start nicht massentauglich und geniesst wenig Akzeptanz bei Kunden und Firmen.

Was sind die Gründe?
Die Suisse-ID ist im Alltag viel zu wenig benutzerfreundlich: Nur mit bürokratischem Aufwand erhält man überhaupt erst eine kostenpflichtige Suisse-ID für die eigene digitale Identität und elektronische Signatur. Für die Verwendung braucht es standardmässig einen USB-Stick oder eine Smartcard mit Cardreader. Auch das Einrichten einer neuen Suisse-ID ist kompliziert. Die mobile Nutzung, also mit Tablets oder Smartphones, ist nicht direkt möglich, man muss zusätzlich den kostenpflichtigen Suisse-ID-Mobile-Service nutzen. Ausserdem gibt es im Alltag nur wenige Gelegenheiten, wo eine elektronische Signatur notwendig ist. Im Bereich E-Commerce, etwa bei Onlinebestellungen von Waren, braucht es keine digitale Identität und elektronische Signatur, sondern es genügen einige persönliche Informationen und Kreditkartenangaben.

Was müsste an der Technologie verbessert werden?
Sie müsste zum einen benutzerfreundlicher werden, also ohne weiteres und auch mobil für alle Nutzer zugänglich sein, und zum anderen weniger kosten. Ob dann die Nutzerzahl deutlich ansteigen würde, ist jedoch fraglich. Wie erwähnt stehen im täglichen Leben nur selten Dinge wie eine Kontoeröffnung oder ein Versicherungsabschluss an.

Wie sieht es mit der Sicherheit bei elektronischen Signaturen aus?
Das ist ein Knackpunkt, der aber nicht nur Suisse-ID betrifft: Computer an sich sind unsicher; man denke dabei an Phishing oder an Trojaner sowie andere Schadsoftware, mit denen Unbefugte einen Computer manipulieren können. Das Problem ist beim E-Banking virulent und wird auch die Suisse-ID betreffen, sofern sie massentauglich werden sollte. Antivirensoftware, wie sie häufig als Schutz empfohlen wird, bietet keinen wirksamen Schutz. Suisse-ID-Anbieter und Banken könnten das Vertrauen in elektronische Signaturen wesentlich erhöhen, wenn sie die Haftung nicht auf die Nutzer abwälzen würden.

Ist die Möglichkeit, Bankkonten online zu eröffnen, nicht ein Steilpass für die Geldwäscherei?
Nein, denn man muss sich ja nach wie vor ausweisen, bloss mit einem elektronisch bestätigten Identitätsnachweis auf der Grundlage einer elektronischen Signatur. Ausserdem erfolgt allein durch eine Kontoeröffnung noch keine Geldwäscherei – und bei der überhöhten Regulierungsdichte, die wir in der Schweiz inzwischen haben, ist Geldwäscherei auf diesem Weg kaum noch möglich. Hingegen könnte die geplante Onlinedatenbank mit elektronisch bestätigten Identitätsnachweisen ein attraktives Ziel für private und staatliche Hacker darstellen.

Wird es wirklich ganz ohne Papier möglich sein, ein Konto zu eröffnen oder eine Versicherung abzuschliessen?
Am Anfang steht vorläufig immer noch Papier in Form eines amtlichen Ausweises wie beispielsweise der Identitätskarte. Man benötigt einen solchen Ausweis, wenn man sich eine elektronische Signatur und eine entsprechende digitale Identität ausstellen lässt. Danach ist tatsächlich kein Papier mehr notwendig, aber man benötigt für die Suisse-ID momentan noch Hardware wie beispielsweise einen Cardreader oder muss den zusätzlichen Suisse-ID-Mobile-Service nutzen.

Erstellt: 22.05.2015, 16:13 Uhr

Martin Steiger arbeitet in Zürich als Rechtsanwalt und ist spezialisiert auf Recht im digitalen Raum. (Bild: zvg)

Suisse-ID und die Geldwäschereiverordnung

Seit 2010 können sich Schweizer eine digitale Identität, die Suisse-ID, zulegen. Sie ist auf einem USB-Stick oder einer Karte im Kreditkartenformat gespeichert und nur in der Schweiz verwendbar. Erhältlich ist sie unter anderem bei der Post. Die Kosten: 79 Franken für das erste Jahr, danach 29 Franken pro Folgejahr respektive 69 Franken für drei Folgejahre. Der Erfolg der Technologie lässt jedoch auf sich warten: Momentan gibt es rund 200 Anwendungen, bei denen man sich mit der Suisse-ID einloggen kann – unter anderem bei der Onlinebank Swissquote, der Krankenkasse KPT und diversen Gemeinden. Grosse Onlinehändler wie Digitec und Brack.ch haben die Technologie mangels Interesse wieder abgeschafft.
Wie viele Nutzer von den rund 200 Anwendungen Gebrauch machen, gibt Suisse-ID auf Anfrage nicht bekannt. Trotzdem dürfte davon auszugehen sein, dass die Anzahl weit unter den 300'000 Nutzern liegt, die man sich beim Start vor fünf Jahren zum Ziel gesetzt hatte. Immerhin sei die Anzahl aktiver Nutzer im ersten Quartal 2015 um 10 Prozent gestiegen gegenüber dem Vorjahreszeitraum, so ein Suisse-ID-Sprecher. Die Anbieter der elektronischen ID erhoffen sich nun neuen Schwung, wenn der Entwurf der revidierten Geldwäschereiverordnung der Finma in Kraft tritt. Dies ist vor voraussichtlich Ende Juni 2015 der Fall, wie die Finma gegenüber dem IT-Portal Inside-it.ch festhält. (or)

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