Die Erlaubnis zum Scheitern

Das Silicon Valley wirkt wie ein Magnet für Talente und Kapital. Opportunismus und Risikobereitschaft der Unternehmer machen ihren Erfolg aus.

Illustration: Patric Sandri

Illustration: Patric Sandri

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Pier 17 in San Francisco: Die 300 Meter lange Lagerhalle steht seit langem leer. Druckpapier aus Kanada für amerikanische Zeitungen wurde hier gestapelt, bevor es per Eisenbahn nach Minneapolis, Denver und Kansas verfrachtet wurde. David Moore kennt die Halle: «Als wir jung waren, schlichen wir uns ein und veranstalteten mit den Gabelstaplern Rennen. Recht gefährlich, wenn ich heute daran denke. Aber wir hatten Glück. Uns ist nichts passiert.»

Heute führt Moore ganz in der Nähe ein Studio für industrielles Design. Das Glück ist ihm treu geblieben. Seine Auftragsbücher sind voll. «Die Start-ups im Silicon Valley sind meine besten Kunden. ‹Design› ist zum Schlagwort geworden; und ich kann liefern.» Sein letztes Projekt: die feingesteuerte Hand eines Roboters, der Bomben entschärfen soll.

Solche Ideen und Projekte interessieren auch die Schweiz. Seit fast 20 Jahren beobachtet die Swisscom die Entwicklung im «Valley». Sie war die erste und lange auch die einzige Schweizer Unternehmung, die sich mit einem «Outpost» auf dem neusten Stand der IT-Innovation zu halten versuchte. Bundesrat Johann Schneider-Ammann und eine Delegation von Schweizer Unternehmern und Politikern machte sich diese Woche ein eigenes Bild und reiste zwei Tage durch die Region, die mit 8 Millionen Einwohnern in etwa so gross ist wie die Schweiz. 39 Prozent der Einwohner sind ausländischer Herkunft.

Schneider-Ammann hat soeben Kaliforniens Gouverneur Jerry Brown getroffen. Er skizzierte die Pläne für einen Innovationspark Schweiz. Dabei soll der Pier 17 die wichtige Verbindungsstelle zwischen der Schweiz und dem Silicon Valley werden. Swissnex, ein vom Bund getragenes Netzwerk für Wissenschaft und Technologie, und das Generalkonsulat haben die Lagerhalle gemietet, bauen sie um und wollen das «Swiss House» im kommenden Jahr beziehen.

Der Wirtschaftsminister misst dem Projekt eine grosse Bedeutung zu. «Unsere Idee ist kein Hirngespinst. Sie fusst darauf, dass wir handeln, solange wir es aus eigener Kraft können. Wir wollen nicht warten, bis wir überholt werden», sagt der Bundesrat im Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger». «Ich habe den Eindruck, dass wir zum richtigen Zeitpunkt hierhergekommen sind.»

Drei Differenzen zur Schweiz

Schneider-Ammann kennt als ehemaliger Unternehmer die Region von früher. «Was mich stets beeindruckt hat, ist die enge Verbindung von Wissenschaft und Wirtschaft. Das machen die Amerikaner noch ein Stück besser als wir.» Deshalb übernimmt der Innovationspark Schweiz eine zentrale Idee aus dem Silicon Valley: Gebaut wird er rund um die zwei führenden technischen Hochschulen, gleich wie hier die Universitäten von Stanford und Berkeley als Innovationsmotoren eingespannt werden.

Doch auch nach dem jüngsten Besuch ist umstritten, ob und was die Schweiz vom dominanten Innovationsstandort der USA lernen kann. Oder ob die Schweiz nicht gut beraten wäre, sich auf Stärken wie Präzision und Qualität der industriellen Fertigung zu verlassen. IT-Experten und Unternehmer im Silicon Valley verweisen in Gesprächen mit den Schweizern auf drei Differenzen zwischen den beiden Wirtschaftsräumen. Und lassen in der Schwebe, ob sie überbrückbar sind.

Risikobereitschaft: «Das Scheitern ist nicht nur Teil der Innovation, sie ist Voraussetzung des Erfolgs», sagt Sean Randolph, Präsident des Bay Area Council Economic Institute. Wirklich neue Geschäftsideen fliessen nicht aus den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen von Firmen. Sie kommen von Erfindern und Tüftlern, die oft eine Hochschulausbildung abgebrochen haben und zunächst ohne jede finanzielle Absicherung ihre Idee durchsetzen wollen. Steve Jobs, Bill Gates und Elon Musk gehören zu diesen Unternehmern. Sie hatten Erfolg. Doch Tausende andere scheitern, und die meisten für immer. Von ihnen ist nie die Rede.

Teil dieser Risikokultur ist deshalb, eine Idee eher zu früh als zu spät umzusetzen. «Der Feind jeder Innovation ist, eine Idee zu lange durchzudenken», sagt Tim Brown, Chef von Ideo, einer führenden Design- und Beratungsfirma im IT-Bereich. Der neue Trend besteht darin, sagt er, dass Unternehmer nicht ein Start-up nach dem anderen entwickeln, sondern parallel mehrere Projekte vorantreiben. Dahinter steckt die Idee, dass die Summe aller Ideen zum Erfolg führen soll. Und Rückschläge dazugehören. «Das grösste Geheimnis des Silicon Valley ist die Erlaubnis zum Scheitern», erklärt Fadi Bishara, Chef der Start-up-Förderfirma Blackbox, und verweist auf die hohe Zahl von jungen und erfolgshungrigen Einwanderern. «Es ist sicher einfacher zu scheitern, wenn dich noch niemand kennt.»

Schneider-Ammann bestätigt aus eigener Erfahrung als Investor in Biotech-Firmen in den USA, dass die unterschiedliche Gewichtung des Risikos ein Hindernis sei. «Wenn man hier an die Wand fährt, ist man trotzdem ein angesehener Unternehmer. Wer aber in der Schweiz mit einem Projekt hängen bleibt, riskiert, geächtet zu werden.»

Netzwerk: Getrieben wird das Silicon Valley durch ein einmalig dichtes Netzwerk von Beratern, Investoren und Forschern. Dieses Netzwerk kann kaum kopiert oder übernommen werden, weil es informell ist und sich in immer neue Richtungen verschiebt. Fadi Bishara erklärt das so: «Start-ups sind Experimente und (noch) keine Unternehmen. Wenn sie sich zu früh festlegen, dann scheitern sie.» Zu erklären ist die Durchlässigkeit an Ideen auch aus sozialer Sicht. Mehr als die Hälfte aller Start-ups werden von überwiegend aus Asien zugezogenen Unternehmern gegründet. Sie kommen ohne Geld, aber mit hohen Erwartungen und enormer Einsatzbereitschaft, die selbst die Amerikaner oft überfordert.

Wenn sie dennoch willkommen sind, so wegen ihres Beitrags als innovative und unermüdliche Forscher und Entwickler. «Schon in den 90er-Jahren waren zwei von drei Absolventen an den Hochschulen im Valley Asiaten», erinnert sich Schneider-Ammann. «Die Amerikaner haben gemeinsame Projekte vorangetrieben, obwohl klar war, dass sie nach zwei bis drei Jahren zurückgehen und das Know-how mitnehmen würden.» Die Halbwertszeit des Wissens ist aber in vielen IT-Zweigen nur einige Monate lang. Der Vorteil der Zusammenarbeit wiegt die auf. «In Europa ist man weit vorsichtiger und bremst so neue Ideen», so der Bundesrat. Doch nicht alles ist so glatt, wie es scheint.» Der Wille zur Zusammenarbeit beschränke sich auf die erste Phase eines Start-ups, sagt David Moore. «Die echte Konkurrenz kommt, wenn Unternehmen im gleichen Markt kämpfen. Dann hat es auch mit dem Teilen und Weitergeben von Informationen ein Ende.»

Finanzierung: Das Silicon Valley steht und lebt von Venture-Capital-Firmen. Und das befreit Start-ups vom oft üblen Diktat der Wallstreet-Banken. Seit etwa fünf Jahren kommt eine zusätzliche Finanzierungsquelle durch «Angels» hinzu. Es sind dies Unternehmer, die Erfolg hatten und einen Teil ihrer Gewinne für die Projekte des Nachwuchses einsetzen. Das echte Problem liegt aber in der späteren Finanzierung zwischen Start-up und Marktreife. In diesem «Valley of Death», so Schneider-Ammann, geben viele Investoren auf. Die Banken in der Schweiz seien nicht geeignet, in diese Lücke zu springen. Vielmehr brauche es private Mittel.

Als Vorbild verweist der Wirtschaftsminister auf die Rettung der Uhrenindustrie vor 30 Jahren, als eine Gruppe privater Investoren den Kollaps der Industrie verhinderte und die Basis zur späteren Swatch legte. Daran hat sich nichts geändert, sagt er, auch wenn das Silicon Valley stets auch von staatlichen Forschungsmitteln profitierte und seine Anfänge auf Rüstungskredite des Kalten Krieges zurückgehen. «In der Schweiz sind wir mit privatem Geld gut gefahren. Der Staat kann nicht die Rolle eines Sovereign Wealth Fund übernehmen.»

Ansage und Realität

Keine abschliessende Antwort fand die Schweizer Delegation auf die Frage, warum die Schweiz punkto Innovationskraft weltweit an der Spitze liege, aber bei der Gründung von Start-ups nur Mittelmass sei. Möglicherweise sei dies mit der unterschiedlichen Mentalität zu erklären, sagt Bishara. Alles, was die Schweiz auszeichne, nämlich Präzision, Perfektion, Langfristplanung und Problembewusstsein, sei darauf angelegt, Risiken zu vermeiden.

Im Silicon Valley ist dies anders. «Ein erfahrener Unternehmer ist ein gescheiterter Unternehmer.» Schneider-Ammann findet diese Analyse nicht ganz überzeugend. «Ich finde es super, wie sie im Silicon Valley der Welt glaubhaft machen, dass hier und nur hier die Post abgeht. Aber wer wie ich lang genug im Business ist, sieht dies differenzierter und kann unterscheiden zwischen Ansage und Realität. Ich bin überzeugt, dass wir gegen das Silicon Valley bestehen können.»

Bericht Wie die Swisscom vom Aussenposten profitiert

horchposten.tagesanzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.07.2015, 22:49 Uhr

Artikel zum Thema

Schweizer Horchposten in Kalifornien

Swisscom ist seit 1997 im Silicon Valley stationiert und beobachtet die Szene mit kritischen Augen. Mehr...

Digitalisierung.
Wie sich unser Leben verändert

Das Internet vernetzt die Gesellschaft, die Automatisierung verändert die Industrie, Roboter übernehmen unsere Arbeit: Die Digitalisierung dringt immer weiter in unser Leben vor. Bereits gibt es Ökonomen, die der technischen Entwicklung eine grössere Wirkung vorhersagen als etwa der Erfindung von Dampfmaschine oder Elektrizität. Der TA geht dem Phänomen in einer Serie nach und beleuchtet die Folgen der Veränderung.

digitalisierung.tagesanzeiger.ch

Bereits erschienen:Am Anfang einer gewaltigen Revolution (1)

Nächste Folge:Geschäftsmodelle vor dem Aus (3)


Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Kühe soweit das Auge reicht: An der traditionellen Viehschau in Schwellbrunn. (25. September 2017)
(Bild: EPA/GIAN EHRENZELLER) Mehr...