Die Frau, die VW vor Gericht zerrt

Elizabeth Cabraser erstritt Milliardensummen von Tabak-, Pharma- und Ölkonzernen. Mit Volkswagen hat sie nun ihren grössten Fall übernommen.

Anwältin Elizabeth Cabraser gilt als Erfinderin der modernen Form von Sammelklagen. Foto: PD

Anwältin Elizabeth Cabraser gilt als Erfinderin der modernen Form von Sammelklagen. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die 63-jährige Anwältin ist eine gefragte Frau: Sie hat die Rolle der Chefanwältin von mehr als 500 Sammelklagen gegen Volkswagen übernommen, während sie noch wegen Zündschlossdefekten gegen General Motors und wegen explodierender Airbags gegen Takata prozessiert. «Zum Glück liebe ich Autos. Mein Vater hat mir gezeigt, wie ich Autos flicken kann.» Repariert hat sie in ihrer Jugend ausrangierte Busse und den einen oder anderen VW-Käfer, um Taschengeld zu verdienen. Ein Vorteil ist dies für Volkswagen allerdings nicht. Elizabeth Cabraser hat in mehreren Fällen, darunter dem Holocaust-Vergleich mit Schweizer Banken, gezeigt, dass sie auch politischen und sozialen Druck einsetzt, um die Interessen ihrer Klienten durchzusetzen.

Der Erfolgsausweis ist eindrücklich, sowohl für die Anwaltskanzlei, die sie vor mehr 40 Jahren mitbegründet hat, wie für ihre Kunden. Die Kanzlei erstritt mit Sammelklagen mehr als 97 Milliarden Dollar für ihre Klienten. Cabraser machte sich einen Namen als Erfinderin der modernen Form von Sammelklagen, bei denen mehrere landesweit tätige Kanzleien mit vereinten Kräften und ­Finanzen gegen in- und ausländische Konzerne vorgehen.

Cabraser selber brachte es zu einigem Wohlstand. Davon stiftete sie 5 Millionen Dollar für die juristische Fakultät der Universität Berkeley, die grösste Einzel­spende für die Rechtsabteilung je. Geld sei ihr nicht sehr wichtig, meint sie. «Spirituell und politisch gehöre ich zu den 99 Prozent. Ich bin in einem Arbeiterhaushalt aufgewachsen», sagte sie dem Magazin der Rechtsabteilung in Berkeley. «Mein Vater war Gewerkschafter. Er repräsentierte die Arbeit, und dies war seine Würde.» Wenn sie etwas bedauere, so sei es ihre immense Arbeitsbelastung, die ihr zu wenig Zeit für ihre Kinder gelassen habe. «Seit 31 Jahren habe ich eine Partnerin, deren Toleranz mir meine Karriere erst möglich gemacht hat.»

Mehr als nur Rechtsauslegung

Zu den zeitraubenden Fällen gehört etwa der Vergleich mit den Schweizer Banken vor 20 Jahren. Die Banken zahlten nach endlosem Hin und Her schliesslich 1,25 Milliarden Dollar für die Opfer des Holocaust mit früheren Konten in der Schweiz. Cabraser war eine der US-Anwälte, die mit Sammelklagen Druck auf die Schweiz machten und parallel Klagen gegen deutsche und österreichische Konzerne vorantrieben, weil diese Sklavenarbeiter aus den KZ beschäftigt hatten. Damals machte sie auch eine erste Erfahrung mit Volkswagen. Obwohl der Konzern von sich aus einen Entschädigungsfonds von 20 Millionen Dollar anbot, liessen die Anwälte der Opfer nicht locker und erstritten schliesslich 5 Milliarden Dollar als Entschädigung.

«Unser Prozess hatte deshalb Erfolg», erinnert sich Cabraser, «weil er mit der Regierung Clinton übereinstimmte. Diese war stark engagiert und half, die Schweizer und die deutsche Regierung zu überzeugen.» Die Anwaltskanzlei erhielt vom Vergleich mit den Banken einen Anteil von 1,5 Millionen Dollar. Sie stiftete die Summe der Rechtsabteilung der Columbia-Universität für einen Lehrstuhl für Menschenrechte.

«Mein Vater hat mir gezeigt, wie ich Autos flicken kann.»Elizabeth ­Cabraser

Das Prozessieren über die Landesgrenzen hinweg ist mehr als Rechtsauslegung, es ist auch eine hoch politische Sache. Die Anwältin verdeutlicht diesen von ausländischen Firmen oft unterschätzten Aspekt des US-Rechtssystems am Beispiel eines verlorenen Falls. Vor zehn Jahren ging sie gegen die kanadische Ölfirma Talisman vor und klagte auf Verletzung der Menschenrechte. Der Konzern stand im Verdacht, den Genozid im Sudan wissentlich unterstützt zu haben, um umkämpfte Ölreserven an sich zu reissen.

Das Gericht wies ihre Klage jedoch im Kurzverfahren ab, was sie im Rückblick mit politischen Gründen erklärt. «Wir kamen mit der Regierung Bush ins Gehege, da diese der Ausbeutung neuer Ölvorräte Vorrang einräumte.» Ihre Schlussfolgerung verspricht wenig Gutes für Volkswagen. «Um Erfolg zu haben, müssen Streitfälle mit dem politischen Willen der jeweiligen Regierung übereinstimmen.» Dies trifft aktuell zu, findet doch die Regierung unter Barack Obama immer wieder neue und ungewöhnliche Mittel, um ­gegen den VW-Konzern vorzugehen.

«Dieser Fall ist gewaltig»

Dass der Fall Volkswagen nicht nur technischer, sondern eminent sozialer Natur ist, steht für die Chefklägerin ausser Frage. VW habe die mehr als 600'000 vom Emissionsbetrug betroffenen Autos in den USA explizit als umweltschonend verkauft. Viele Käufer hätten die Fahrzeuge deshalb der Umwelt zuliebe gekauft, sagt Elizabeth ­Cabraser. «Dieser Fall ist gewaltig.»

Ihre früheren Klagen gegen BP und ­Exxon liegen ähnlich. Die Ölpest im Golf von Mexiko und in Alaska hätten zahlreiche menschliche Tragödien verursacht, sagt sie. «Solche Fälle verursachen schwere menschliche Traumata. Die Leute sind nicht körperlich verletzt, aber sie sind deprimiert. Sie bringen sich um. Wir haben eine weit tiefere Beziehung zu unserer Umwelt, als wir annehmen.»

Die grossen Streitfälle gegen die Tabak-, Pharma- und Ölindustrie lassen auf einen langen Prozess mit Volkswagen schliessen. Asbestklagen aus den frühen 90er-Jahren etwa sind noch heute nicht abschliessend erledigt. Mit VW «kann es ein kurzer oder ein langer Weg werden», sagte Cabraser gegenüber dem «Wall Street Journal». Doch gelte: «Die Anwälte kommen am Ende zum Zug. Die Klienten kommen zuerst.»

Erstellt: 09.03.2016, 23:03 Uhr

Artikel zum Thema

1500 bis 2000 Schweizer klagen gegen VW

Rund 1500 bis 2000 Schweizer Autobesitzer haben im Zusammenhang mit der Manipulation von Abgas-Werten im Volkswagen-Konzern eine Strafanzeige eingereicht. Mehr...

Die USA lehnen VW-Rückrufplan ab

Volkswagen muss beim Rückruf der manipulierten Dieselfahrzeuge in den USA nachbessern. Der VW-Chef will ein Paket mit «angemessenen Lösungen» vorlegen. Mehr...

Auch Schweden ermittelt gegen VW

Die Abgaswerte von 225'000 Autos in Schweden wurden manipuliert. Die Staatsanwaltschaft hat die Untersuchung gegen den Volkswagen-Konzern aufgenommen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Sehen so Gewinner aus? Der Britische Premierminister Boris Johnson ist für kreative (Wahl-)Kämpfe bekannt, aber ob er mit Boxhandschuhen den Brexit voran und seine Wähler an die Urnen bringt? (19. November 2019)
(Bild: Frank Augstein/Getty Images) Mehr...