Die günstige Stadtwohnung, die es gar nicht gibt

Mit gefälschten Inseraten versuchen Betrüger Wohnungssuchende in die Falle zu locken – auch auf seriösen Immobilienportalen.

Diese gefälschte Anzeige wurde mittlerweile von der Internetplattform Ronorp entfernt.

Diese gefälschte Anzeige wurde mittlerweile von der Internetplattform Ronorp entfernt. Bild: Adrian Moser

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Wenn das kein Schnäppchen ist: Per Onlineinserat ist eine 3,5-Zimmer-Wohnung mitten in der Berner Altstadt ausgeschrieben. Komplett ausgestattet, 85 Quadratmeter gross, unbefristete Mietdauer – und das für 900 Franken im Monat.

Die Eigentümerin schreibt dem Interessenten auch prompt zurück. Sie lebe und arbeite in Spanien und werde bald Grossmutter. Sympathisch: Da sie selbst Hundeliebhaberin sei, dürfe man gerne auch Haustiere halten. Für die Wohnungsbesichtigung werde sie nach Bern fliegen. Aber erst, wenn man die Kaution von 1000 Franken überwiesen habe.

Das Inserat wurde auf der Internetplattform Ronorp publiziert. Dumm nur, dass die Liegenschaftsverwaltung von einer freien Wohnung an dieser Adresse keine Kenntnis hat: Das Inserat entspringt der Fantasie von Kriminellen. Ein Besichtigungstermin ist gar nicht vorgesehen, geschweige denn ein Mietvertrag. Wer die vermeintliche Kaution im Voraus überweist, wird sein Geld wohl nie wiedersehen.

Zielpublikum: Junge Leute

Bei der Masche handelt es sich um einen Fall von versuchtem Immobilien-Vorschuss-Betrug: Betrüger versuchen mit gefälschten Inseraten an das Geld von Menschen zu gelangen, die verzweifelt auf Wohnungssuche sind. Der Trick ist insbesondere in Städten mit wenig günstigem Wohnraum beliebt.

«Das Problem ist uns bekannt», sagt Ronorp-Geschäftsführer Christian Klinner. Die Inserate würden vor dem Aufschalten kontrolliert, jedoch seien Fälschungen schwer zu erkennen. «In Zürich haben wir daher eine Infokampagne gestartet, die bald auch in anderen Städten anläuft.» Inserenten müssten sich per SMS registrieren. «Wenn wir im Verdachtsfall jemanden sperren, tauchen aber bald andere Nummern auf», so Klinner.

Betroffen sind auch weitere Plattformen. Bei Homegate heisst es, man habe im vergangenen Jahr rund 25 solche Inserate pro Monat aussortiert. Publikationen würden vor der Aufschaltung kontrolliert. Kriterien seien etwa übliche Miet- oder Kaufpreise, realistische Bilder oder gültige E-Mail-Adressen. Wer inserieren wolle, müsse zudem eine Rechnungsadressse und eine Telefonnummer hinterlassen. Fehlbare Nutzer würden gesperrt.

Immoscout24 setzt laut eigenen Angaben auf ein automatisches Prüfprogramm und geschultes Personal, sodass die meisten Falschinserate vor der Publikation entdeckt würden. Die Versuche hätten in den grösseren Städten aber klar zugenommen.

Täuschend echt

Auch dem Mieterinnnen- und Mieterverband des Kantons Bern ist das Problem bekannt. «Wir wurden schon von verschiedener Seite auf solche Inserate hingewiesen», sagt Geschäftsleiterin Sabina Meier. Günstiger Wohnraum sei in Städten wie Bern und Zürich rar, und man müsse sich beim Bewerben gegen viele Konkurrenten durchsetzen. «Die Betroffenen sehen ein Schnäppchen und wollen sich die Chance nicht entgehen lassen. Das verleitet sie dazu, sich risikoreich zu verhalten.»

Erschwerend komme hinzu, dass die Betrüger viel in einen seriösen Auftritt investierten. «Die Geschichten der vermeintlichen Vermieter klingen auf den ersten Blick glaubwürdig, die Bilder sind von guter Qualität, und die verlinkten Websites kommen authentisch daher», so Meier. Sie rät den Betroffenen, sich an die Polizei zu wenden und verdächtige Inserate den Plattformbetreibern zu melden.

Täter agieren professionell

Auch die Kantonspolizei Bern hat Kenntnis von der Betrugsmasche. Wie gross das Problem sei, könne man nicht sagen, da solche Fälle statistisch nicht separat aufgeschlüsselt würden, sagt ein Sprecher. Die Strafverfolgung gestalte sich aber schwierig, sobald die Täter aus dem Ausland operierten. Bereits 2015 erschlichen sich im Kanton Bern unbekannte Täter mit diesem Trick von 15 Personen über 35'000 Franken.

Wie professionell die Betrüger dabei vorgehen, zeigt auch ein Zürcher Fall aus dem Jahr 2017: Den Strafverfolgern gingen zwei Männer ins Netz, die mit dem Wohnungsbetrug über 23'000 Franken ergaunert hatten. Sie besorgten sich Prepaid-SIM-Karten, die Fake-Inserate kupferten sie von echten Ausschreibungen ab, wobei sie Angaben zur Vermieterschaft änderten und den Mietzins nach unten schraubten. Sprachliche Ungereimtheiten erklärten Sie mit dem Hinweis, man habe den Text via Google aus dem Englischen übersetzt.

In einem Schreiben an Interessenten hielten die Täter fest, den Wohnungsvermittler Airbnb mit der Besichtigung und der Entgegennahme des Wohnungsdepots betraut zu haben. Im Anhang befand sich eine Zahlungsaufforderung mit gefälschten Logos des Mieterverbandes und von Airbnb. Elf Personen fielen auf den Trick herein.

Erstellt: 07.05.2019, 11:19 Uhr

So erkennt man die Tricks der Betrüger

Beim Immobilien-Vorschuss-Betrug versuchen Kriminelle, verzweifelte Wohnungssuchende auszubeuten. Mit gefälschten Inseraten locken sie interessierte Mieter in die Falle: Vor der Wohnungsbesichtigung und der Schlüsselübergabe ist eine Kaution zu überweisen.

Sobald das Geld angekommen ist, hören die Betroffenen aber nichts mehr vom angeblichen Vermieter. An der besagten Adresse gibt es gar keine Wohnung zu vermieten, und das Geld ist ebenfalls verloren. Die Schweizerische Kriminalprävention hat daher einen Ratgeber publiziert, um den Machenschaften der Internetbetrüger auf die Spur zu kommen. Folgende Ratschläge können dabei helfen:


  • Zahlen Sie niemals eine Kaution mithilfe eines Geldtransfer-Services, ohne vorher einen gültigen Mietvertrag in der Hand zu halten und das Objekt besichtigt zu haben.



  • Ignorieren Sie Wohnungsinserate, in welchen der Besitzer im Ausland weilt und Ihnen gegen ein Depot den Schlüssel zur Besichtigung zukommen lassen will.



  • Ignorieren Sie Wohnungsinserate, durch welche Sie erfahren, dass der (ausländische) Besitzer Ihnen die Wohnung ohne vorgängige Besichtigung gegen eine Kaution überlassen möchte.



  • Ignorieren Sie Wohnungsinserate, die zu schön sind, um wahr zu sein.


Vor der Betrugsmasche ist niemand gefeit: Die Betrüger verfügen regelmässig selber über Immobilienkenntnisse und sind mit den Örtlichkeiten vertraut. Sie wissen, in welchen Gebieten besondere Wohnungsnot herrscht und welche Bevölkerungsgruppen am meisten davon betroffen sind. Sie publizieren ihre Inserate auf Plattformen, die von der Opferzielgruppe besonders häufig besucht werden, und ergänzen sie mit attraktiven Fotos.

Wer auf verdächtige Inserate stösst, kann bei der Polizei
Meldung oder Anzeige erstatten. Damit die Fälschungen möglichst rasch von den Immobilienportalen verschwinden, sollten verdächtige Publikationen ausserdem den Plattformbetreibern gemeldet werden.

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