Hustensirup soll rezeptpflichtig werden

Rund 100 rezeptfreie Medikamente sollen nur noch mit ärztlicher Verordnung oder nach einer Prüfung der Personalien verkauft werden.

Apotheken sollen künftig etwa Hustensirup nur noch nach der Überprüfung ihrer Kunden abgeben.

Apotheken sollen künftig etwa Hustensirup nur noch nach der Überprüfung ihrer Kunden abgeben. Bild: Keystone

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Die Sitznachbarin im Tram hustet mitleiderregend. Im SBB-Waggon schnieft und schneuzt sich der Berufspendler Richtung Arbeitsplatz. Alltagsszenen in dieser Jahreszeit, die den Griff in die Hausapotheke für viele selbstverständlich machen. Doch Hustensirup und Erkältungsmittel könnten künftig nicht mehr ohne weiteres in der Apotheke erhältlich sein.

In Bundesbern geht bei Gesundheitspolitikern und Verbänden die Sorge um, dass seit Jahren ohne Rezept erhältliche Medikamente alsbald nicht mehr frei verkäuflich sein könnten.

Die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit greift das Thema am kommenden Donnerstag in einer Anhörung auf, während der unter anderem das Heilmittelinstitut Swissmedic Rede und Antwort stehen soll.

Geheime Liste

Der konkrete Anlass: Swissmedic hat eine Liste von Medikamenten erarbeitet, die künftig nicht mehr ohne eine Verschreibung durch einen Arzt oder eine zwingende Beratung und Dokumentation durch einen Apotheker abgegeben werden dürfen. Die bislang noch unveröffentlichte Liste ist das Ergebnis eines seit 2012 dauernden Tauziehens um die Neuordnung der Medikamentenlandschaft. Dieses kommt am 1. Januar mit Inkrafttreten des revidierten Heilmittelgesetzes zum Abschluss.

Die Überarbeitung des Gesetzes ist im Gesundheitswesen als grosse Chance für eine Liberalisierung gesehen worden. Dank der Revision sollte in Zukunft rund um die Arzneimittel vieles einfacher werden: Beispielsweise sollen in Zukunft über 500 Medikamente, die heute nur in einer Apotheke erhältlich sind, auch in Drogerien verkauft werden dürfen. Diese Idee erhielt seither viel Lob in der Branche.

Einsparungen in Millionenhöhe versprechen sich die Gesundheitspolitiker durch einen anderen Schritt: Apotheken können bei leichten Erkrankungen von Patienten in Zukunft Medikamente abgeben, die bisher einer Rezeptpflicht unterliegen und daher vom Arzt unterschrieben werden müssen.

Fragen wirft allerdings auf, dass laut den Plänen der Gesundheitsbehörden in Bern gleichzeitig auch Medikamente anders eingestuft werden könnten, die bislang in Apotheken frei verfügbar waren. Betroffen sein dürften Arzneimittel, die dort jedes Jahr millionenfach über die Theken gingen. Die Folge ist, dass der Verkauf dokumentiert werden soll, wie Swissmedic bestätigt. Die neue Regelung soll demnach bei Arzneimitteln gelten, die ein erhebliches Missbrauchspotenzial aufweisen oder wegen Wechselwirkungen für Patienten gefährlich werden könnten.

Die noch nicht veröffentlichte Liste der Medikamente ist das Ergebnis eines jahrelangen Tauziehens.

Hustensirup etwa mit dem Wirkstoff Codein könnte nicht mehr frei in der Apotheke verfügbar sein, sagen Branchenkenner, sondern würde nur nach einer Prüfung von Personalien an Patienten abgegeben werden. Konkrete Angaben, welche Medikamente betroffen sind, will Swissmedic erst nach der Anhörung am kommenden Donnerstag machen.

Babette Sigg-Frank, die geschäftsführende Präsidentin des Schweizerischen Konsumentenforums, befürchtet einen grossen organisatorischen Mehraufwand ohne erkennbaren Nutzen: «Bislang ist noch offen, wie solch ein System überhaupt aussehen könnte. Wenn ich bei einem einfachen Husten zuerst zum Arzt gehen muss, um ein Rezept zu bekommen, ist das sehr aufwendig. Genau das Gleiche gilt, wenn der Apotheker erst eine Dokumentation ausfüllen muss, bevor ich mein Erkältungsmittel bekomme.» Sigg-Frank hinterfragt auch die Wirksamkeit einer solchen Überprüfung, da die Medikamente vom selben Patienten mehrfach in verschiedenen Apotheken gekauft werden könnten.

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Die Erfassung dürfte Kosten erzeugen: Der finanzielle Aufwand dafür und die Verwaltung der Kundendaten könnte in dreistelliger Millionenhöhe liegen, sagt der pharmanahe Basler SVP-Nationalrat Sebastian Frehner in seiner Interpellation. Das sind Zahlen, die von der Vereinigung Pharmafirmen in der Schweiz gestützt werden. Deren Schätzungen belaufen sich auf mögliche Mehrkosten zwischen 80 und 300 Millionen Franken, wie deren Präsident Marcel Plattner sagt.

Kassen warnen vor Kosten

Swissmedic geht derzeit von rund 100 Medikamenten aus, die betroffen sein könnten. «Diese Produkte sind seit Jahrzehnten in Apotheken erhältlich. Es existiert kein Gefährdungspotenzial», sagt Plattner, dessen Vereinigung zusätzliche Preisverhandlungen mit den Pharmaunternehmen befürchtet, wenn die Kosten im Gesundheitswesen durch die neue Praxis ansteigen sollten.

Beim Krankenkassenverband Santésuisse rechnet man durch das neue System ebenfalls mit Mehrkosten in noch unbekannter Höhe, wie Sprecher Christophe Kaempf sagt. Der Bundesrat erwartet hingegen als Folge der Neuregelung keine Zusatzkosten. Er rechnet die Ersparnisse gegen, die sich durch den Wegfall einer ärztlichen Konsultation ergeben werden, wenn die Rolle der Apotheker aufgewertet wird, wie aus seiner Antwort an Nationalrat Frehner von Ende September hervorgeht. Ein Argument, das der Politiker in seiner danach eingereichten Interpellation nicht gelten lassen will. Schliesslich sei die Grundidee der Revision des Heilmittelgesetzes ja eine andere gewesen: Es gehe nicht darum, Kosten zu verlagern, sondern diese zu senken.

* Dieser Artikel erschien am 10. November 2018 bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Erstellt: 12.11.2018, 13:55 Uhr

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