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Die Krise bringt Supercomputer an ihre Grenzen

Vor der Unberechenbarkeit der Märkte kapitulieren sogar Hochleistungsrechner: Bei den Tradern wächst die Angst, dass ihre algorithmischen Handelsprogramme bald versagen.

Alle Macht den Maschinen: Ein Trader an seinem Arbeitsplatz in einer Pariser Investmentfirma. (Archivbild)
Alle Macht den Maschinen: Ein Trader an seinem Arbeitsplatz in einer Pariser Investmentfirma. (Archivbild)
AFP

Nach fünf Jahren Finanz- und Schuldenkrise und bisher undenkbaren Entwicklungen an den Kapitalmärkten verlieren Hedgefonds das Vertrauen in ihre algorithmischen Handelsprogramme, die Kauf- und Verkaufsaufträge teilweise im Millisekunden-Takt abfeuern. Die Furcht der so genannten Algo-Trader wächst, dass ihre Systeme, die sich an historischen Vergleichszahlen orientieren, falsch auf ein Ende der aktuellen Niedrigzinspolitik reagieren. Vor allem bei Anleihen drohen ihnen in einem solchen Fall massive Verluste.

«Wir haben unsere Modelle angepasst», sagt Keith Balmer, der Portfolio-Manager des 16,7 Milliarden Dollar schweren Hedgefonds AHL. «Wir haben in der Vergangenheit sehr, sehr selten negative Renditen gesehen. Gehen wir daher blindlings davon aus, dass unsere Modelle funktionieren, obwohl es keine historische Vergleichsbasis gibt? Nein.»

Die Volatilitätsfalle

Seit Beginn der Finanz- und Schuldenkrise haben Anleger eben Unsummen in die als sicher geltenden Staatsanleihen der USA, Grossbritanniens und Deutschlands gesteckt. Dies trieb die Kurse in Rekordhöhen und im Gegenzug die Renditen teilweise ins Minus. Selbst bei neu ausgegebenen Bonds mussten Investoren teilweise Geld dafür bezahlen, Staaten wie Deutschland Geld leihen zu dürfen.

Das Problem für die bisherigen Algorithmen von AHL und anderen sind dabei nicht die rekordniedrigen Renditen an sich. Auch damit lässt sich Geld verdienen. Weil aber gleichzeitig die Kursschwankungen – im Börsenjargon Volatilität genannt – zurückgehen, kaufen die Systeme immer mehr Bonds zusammen.

Dabei folgen die Computer einer einfachen Logik: Je geringer die Volatilität ist, desto grösser ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass der aktuelle Trend anhält. «In normalen Märkten ist das kein Grund zur Sorge», betont AHL-Manager Balmer. Sein Unternehmen sei inzwischen aber auf die Bremse getreten und habe eine Obergrenze für das Engagement in Anleihen festgelegt.

AHL gehört zur Man Group und entscheidet massgebend über das Wohlergehen des an der Londoner Börse kotierten Konzerns, weil er 70 Prozent zu dessen Umsatz beisteuert.

Steht ein Paradigmenwechsel bevor?

AHL steht mit seinen Bedenken nicht allein da. Branchen-Insidern zufolge tragen sich auch andere Hedgefonds mit dem Gedanken, ihre Computermodelle zu überarbeiten. Dies käme einem Paradigmenwechsel gleich, weil Algo-Trader diesen Schritt selbst in stürmischen Börsen-Zeiten scheuen. Sie vertrauen darauf, dass die Software auf Basis von Vergleichzahlen mehrerer Jahrzehnte unter dem Strich die richtigen Entscheidungen fällt.

Einige Investoren suchen ihr Heil deshalb in der Verbreiterung ihrer Datenbasis. So hängen in den Londoner Büros des AHL-Erzrivalen Winton Capital Grafiken, an denen sich Preise von Rohstoffen Hunderte von Jahren zurückverfolgen lassen. Den Rechercheuren des Hedgefonds gelang es, den Weizen-Preis in England bis ins Jahr 1209 zurückzuverfolgen. Bei Gerste und Sesam reichen die Zeitreihen sogar bis ins antike Babylon zurück.

Warten auf das Ende

Auch diejenigen Algo-Trader, deren Systeme darauf ausgelegt sind, einen Trend zu erkennen und zu verfolgen, werden nervös. Die sogenannten Commodity Trading Advisers (CTA) haben in den vergangenen Jahren grosse Gewinne eingefahren. Ihr Erfolg oder Misserfolg in der Zukunft hänge davon ab, das Ende der seit Jahren anhaltenden Bond-Rally korrekt vorherzusagen, sagt ein Branchen-Insider.

Viel Zeit bleibt nicht dafür mehr, warnt Philippe Gougenheim, Chef der in Pfäffikon SZ ansässigen Gougenheim Investments. «Irgendwann werden Investoren das Risiko, Anleihen zu halten, neu bewerten.» Schliesslich gebe es kaum rationale Gründe dafür, in Anleihen mit Renditen zu investieren, die unter der Inflationsrate liegen.

SDA/fko

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