Die leidige Abzocke mit Tickets

Inoffizielle Plattformen verdienen sich eine goldene Nase mit Konzertkarten. Rechtlich kann man nichts dagegen tun – bis jetzt.

Bietet für die personalisierten Tickets einen offiziellen Wiederverkauf ohne Preiszuschläge: Ed Sheeran (aufgenommen im Februar in der Londoner O2-Arena).

Bietet für die personalisierten Tickets einen offiziellen Wiederverkauf ohne Preiszuschläge: Ed Sheeran (aufgenommen im Februar in der Londoner O2-Arena). Bild: Hannah Mckay/Reuters

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Das Problem liegt seit Jahren auf dem Tisch. Es sorgt bei Konsumentenorganisationen fast täglich für Beschwerden von Kunden, die sich hintergangen oder regelrecht betrogen fühlen. Die Rede ist von den Zweitmärkten, über die bereits verkaufte Tickets für Sport- und Kulturveranstaltungen weiter veräussert werden. Im Zentrum der Kontroverse stehen die höchst umstrittenen Geschäftspraktiken der professionellen Wiederverkäufer.

Fast jede(r) weiss von Episoden aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, bei denen Tickets über Plattformen von Zweitverkäufern wie Viagogo, Alltickets, Safetickets.net, Vienna Ticketoffice oder Stubhub-ch.ch gekauft wurden. Im besseren Fall mussten die Käufer feststellen, dass sie die Tickets zu einem Mehrfachen des offiziellen Preises erworben haben. Im schlechteren haben sie ihre bezahlten Tickets gar nicht erhalten, oder ihnen wurde der Zutritt zur Veranstaltung verwehrt, weil es sich um ein ungültiges Ticket oder schlicht um Ticketkopien handelte.

Jüngstes Beispiel war das Fussball-Länderspiel Schweiz - Belgien: Innert Minuten wurden die Karten über die offiziellen Verkaufskanäle abgesetzt, doch nur kurze Zeit später tauchten sie bei Viagogo wieder auf. Statt des ermässigten offiziellen Preises von 25 Franken für ein Erwachsenenticket – dies aufgrund eines Jubiläumsanlasses – mussten nun aber 100 Franken und mehr ausgelegt werden.

Rechtliche Schritte gegen Viagogo eingereicht

Erstaunen mag, dass die Zweitverkäufer ihr überaus lukratives Geschäft ungehindert ausüben können, ohne dass zumindest der Versuch unternommen wurde, rechtlich gegen sie vorzugehen. Das könnte sich jetzt ändern. Wie Florian Schmidt-Gabain, Anwalt bei der Zürcher Kanzlei Nobel & Hug, gestern mitteilte, geht er derzeit in der Schweiz rechtlich gegen Viagogo vor (der Zweitverkäufer hat seinen Sitz in Genf). Wer sein Klient ist, konnte Schmidt-Gabain nicht sagen; es handle sich um einen grösseren ausländischen Anbieter von offiziellen Tickets. Laut dem Anwalt hat auch der Weltfussballverband Fifa rechtliche Schritte gegen Viagogo eingeleitet.

Schmidt-Gabain sprach gestern auf einer von Starticket, einem offiziellen Ticketverkäufer, organisierten Informationsveranstaltung über die Problematik der Ticket-Zweitmärkte (Starticket gehört – wie auch dieses Onlinemedium – zur Tamedia). Bei seinem rechtlichen Vorstoss gegen Viagogo stützt er sich unter anderem auf das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb. Die Zweitverkäufer, so der Anwalt, handelten in betrügerischer Absicht – insbesondere wenn sie ungültige Tickets verkaufen und damit die Kunden respektive deren Vermögen schädigen.

Auch Arglistigkeit ist nach Meinung von Schmidt-Gabain im Spiel, indem Zweitverkäufer den Eindruck erweckten, dass sie gültige Tickets verkaufen würden. «Das ist aber nicht der Fall», sagte der Anwalt, «denn die AGB, die allgemeinen Geschäftsbedingungen, der offiziellen Verkäufer verbieten den Weiterverkauf von Tickets.» Er appellierte aber an die offiziellen Verkäufer, ihre AGB «wasserdicht» zu formulieren. Dies würde es erleichtern, rechtliche Schritte gegen Zweitverkäufer einzuleiten.

Hilfsdienste von Google & Co.

Zuvor hatte Marc Boehrer, Verkaufsleiter bei Starticket, dargelegt, wie die Zweitverkäufer an die Tickets gelangen. Sie benützen dabei falsche Kundenangaben, um bei den offiziellen Verkäufern ein Benutzerkonto zu eröffnen. Bezahlt werde mit Einweg-Kreditkarten. «Oft laufen diese Transaktionen über Drittländer, namentlich über die Ukraine», erläuterte Boehrer. Deshalb habe Starticket jeglichen Geschäfts- und Mailverkehr mit dem osteuropäischen Land eingestellt.

Auch kommt es vor – wie etwa im Fall des im kommenden Sommer stattfindenden Fête des Vignerons in Vevey –, dass Tickets über Zweitverkäufer für Veranstaltungen angeboten werden, die gar nicht geplant sind und daher auch nicht stattfinden werden. Bei solchen äusserst zugkräftigen Grossereignissen ist es laut Boehrer gängige Praxis der Zweitverkäufer, ihre Kunden möglichst lange hinzuhalten, obwohl längst keine Tickets mehr auf dem Markt sind. Erst kurz vor dem Termin teilten sie dann mit, dass leider keine Karten mehr verfügbar seien – freilich wird den Kunden für die ganzen Bemühungen eine Kommission in Rechnung gestellt.

Wichtige Hilfsdienste leisten den Zweitverkäufern dabei Google und andere Suchmaschinen. Wer über diese Kanäle nach Ticketverkäufern für begehrte Veranstaltungen sucht, bekommt als erste Antwort nicht selten Viagogo. Für diesen prominenten Platz zahlt das Genfer Unternehmen eine Menge Geld an Google. Vielen Leuten, die sich dann auf die Viagogo-Site begeben, ist indes nicht bewusst, dass sie damit in die Grauzone des Ticket-Zweitmarktes gelangen. Wie Marc Boehrer durchblicken lässt, hätten die offiziellen Kartenverkäufer wiederholt das Gespräch mit Google gesucht. Dies habe aber nur vorübergehend Wirkung gezeigt: Einige Zeit später sei Viagogo wieder auf Platz eins der Suchliste aufgetaucht.

Personalisierte Tickets als Lösung

Wie lässt sich der überteuerte Zweitmarkt für Tickets am wirksamsten bekämpfen? Wohl mit personalisierten Tickets, wie an der Starticket-Veranstaltung weitgehend Einigkeit bestand. Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz, hielt den offiziellen Ticketverkäufern vor, diese Idee sei schon vor Jahren vorgebracht worden, aber man habe sie damals als technisch unmöglich bezeichnet. Ihr Verdacht geht dahin, dass die offiziellen Verkäufer kein besonderes Interesse an einer solchen Lösung hätten, weil das für sie mit zusätzlichem Aufwand verbunden sei.

Hinzu kommt, dass es bei personalisierten Tickets die Möglichkeit für einen offiziellen Wiederverkauf geben muss – für all jene, die aus triftigen Gründen dann doch nicht an die Veranstaltung gehen können. Starticket-Vertreter Boehrer gab indes zu verstehen, dass eine derartige Plattform «nicht von heute auf morgen» auf die Beine gestellt werden könne und «mit grossem Einsatz von Ressourcen» verbunden sei. Was die offiziellen Ticketverkäufer bisher nicht an die Hand genommen haben, hat etwa der britische Musiker Ed Sheeran in eigener Regie umgesetzt: Die personalisierten Tickets für seine Konzerte können einzig über die Plattform Twickets offiziell und ohne Aufpreis weiterverkauft werden.

Bis sich dieses Modell stärker verbreitet, bleibt kein anderer Weg, als die Konsumenten vermehrt über die Tücken des Zweitmarktes aufzuklären. Dass die offiziellen Ticketverkäufer diesbezüglich besonders in der Pflicht stehen – und laut Konsumentenschützerin Stalder längst schon hätten aktiv werden müssen –, liess Marc Boehrer gelten. Den Anfang gemacht hat indes der Westschweizer Konsumentenschutzverband FRC: Mit einer Sensibilisierungskampagne zeigt er auf, wo – und vor allem wo nicht – Tickets für einen sorglosen und genussvollen Abend gekauft werden sollen.

Erstellt: 23.11.2018, 16:18 Uhr

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