Die Macht der vier Grossen

Weltweit sind Konzerne abhängig von den grossen Wirtschaftsprüfern: PwC, KPMG, Ernst & Young und Deloitte. Die Nahaufnahme eines Missstands.

Bleibt mit ihren weltweiten Geschäften oft im Dunkeln: Die Beratungs- und Prüfungsfirma Ernst & Young (EY) in Zürich. Foto: Keystone

Bleibt mit ihren weltweiten Geschäften oft im Dunkeln: Die Beratungs- und Prüfungsfirma Ernst & Young (EY) in Zürich. Foto: Keystone

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Der Anruf der Polizei erreicht Raphaël Halet beim Arzt, mal wieder der Rücken. Ein französischer Beamter informiert Halet darüber, dass in sein Haus eingebrochen und eines seiner Autos gestohlen worden sei. Er möge schnellstens kommen. Halet fährt sofort los. Er ahnt nicht, dass es eine Falle ist.

Als er an seinem Haus im 100-Einwohner-Dörfchen Viviers in Lothringen ankommt, erwarten ihn zwei Polizisten, ein Gerichtsvollzieher, ein Schlosser, ein Computerspezialist und ein Vertreter seines Arbeitgebers: der luxemburgischen Niederlassung der internationalen Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers, kurz PwC. Es gab keinen Einbruch und keinen Autodiebstahl – die Finte sollte den PwC-Mitarbeiter nach Hause locken. Die Wartenden präsentieren Halet ein fünfzehnseitiges Schreiben, am Vortag ausgestellt von einer Richterin in Metz. Es ist ein bemerkenswertes Dokument. Der französische Staat macht sich darin zum Helfer eines milliardenschweren multinationalen Unternehmens, das einen Whistleblower aus den eigenen Reihen dingfest machen will.

Der Skandal brachte Jean-Claude Juncker ins Wanken. Nicht ins Wanken geriet dagegen: PwC.

Raphaël Halet ist dieser Whistleblower. Die Dokumente, die er einem Journalisten zugespielt hatte, lösten ein paar Wochen vor der Hausdurchsuchung in Viviers den Luxemburg-Leaks-Skandal aus: Eine Kooperation europäischer Medien, darunter auch die «Süddeutsche Zeitung», hatten die internen Dokumente analysiert und Ende 2014 veröffentlicht. Dank Halet kam ans Licht, dass PwC massgeblicher Helfershelfer jener Konzerne war, die über Luxemburg Millionen an Steuern vermieden – zum Teil wurde es im Nachhinein als illegal eingestuft. PwC erklärte seinerzeit, stets alle Gesetze befolgt zu haben. Der Skandal selbst beschädigte Luxemburgs Ruf als Finanzplatz und brachte den ehemaligen Premierminister Jean-Claude Juncker, der gerade erst frisch zum EU-Kommissionschef gewählt worden war, ins Wanken – er gilt als einer der Architekten des Luxemburger Steuervermeidungssystems. Nicht ins Wanken geriet dagegen: PwC.

In dem Durchsuchungsbefehl hatte die Richterin den Ermittlern gestattet, Halets Mails zu kopieren. Und zwar auch «jede E-Mail und jeden Anhang, gerichtet an oder empfangen von einem Journalisten». Der Gerichtsvollzieher und der PwC-Repräsentant, so erzählt es Halet bei einem Treffen in Metz, hätten ihn damals in sein Arbeitszimmer gebeten. Dort musste er den Computer hochfahren, sich in sein E-Mail-Postfach einloggen. Die Fahnder suchten Mails von und an eine einzige Person: Edouard Perrin, französischer Enthüllungsjournalist. Sie wurden fündig, der Whistleblower und der Journalist wurden vor Gericht gezerrt.

PwC ist eine der mächtigsten Firmen der Welt.

Und das auf Druck eines Unternehmens, dessen Name den meisten Menschen nichts sagt. Weder in der Kurzform PwC noch in der Langform PricewaterhouseCoopers. Denn PwC bietet nichts an, was gewöhnliche Menschen kaufen oder nutzen würden. Kaum jemand kennt PwC, obwohl es Hunderte Niederlassungen gibt auf der Welt, 21 davon allein in Deutschland, 14 in der Schweiz. Aber selbst wer den Namen PwC schon gehört hat, kann meist nicht sagen, was diese Firma macht. Deswegen bereitet PwC auch kaum jemandem Sorgen.

Das ist vielleicht ein Fehler. Eine gemeinsame Recherche von «Süddeutsche Zeitung», NDR und WDR zeigt dies. Denn PwC ist eine der mächtigsten Firmen der Welt, vor allem im Formationsflug mit KPMG, Ernst & Young (EY) und Deloitte, drei anderen Beratungs- und Prüfungsfirmen, die dabei genauso unter dem Radar der Öffentlichkeit bleiben mit ihren weltweiten Geschäften: Sie sind die «Big Four», die «grossen Vier». Sie sind gesichtslos, aber stellen gemeinsam eine unheimliche, eine global tätige Macht dar.

Die Kunden werden bestraft

Die vier Konzerne haben in den vergangenen Jahren in einer ganzen Reihe von grossen Skandalen immer wieder eine tragende Rolle gespielt. Auch in solchen, die von der «Süddeutschen Zeitung» recherchiert wurden, etwa die Luxemburg Leaks oder die Panama Papers. Aber auch wenn die «Big Four» als Helfershelfer tief verstrickt waren in teilweise illegale oder zumindest illegitime Handlungen, kamen sie selbst immer heil heraus. Öffentlich gebrandmarkt wurden ihre Kunden – an den Big Four blieb wenig hängen. Einer der international renommiertesten Big-Four-Experten ist dann auch einer ihrer härtesten Kritiker: der britische Wirtschaftsprofessor Prem Sikka. Er nennt sie nicht die Big Four, sondern «die Nadelstreifen-Mafia».

Ein Herbstabend 2018 am Londoner Bahnhof Embankment Station: Sikka verlässt gerade die PwC-Zentrale, einen respekteinflössenden Büroblock aus Beton und Marmor am Ufer der Themse. In Grossbritannien werden die Geschäfte der Big Four breiter debattiert als in Deutschland – auch deshalb hat die oppositionelle Labour-Partei den Professor mit einer Studie über mögliche Reformen der Big Four beauftragt. Deswegen war Sikka an diesem Abend zu Besuch bei PwC. Die Visite verlief für beide Seiten wenig erfreulich, wenn man ihm glauben darf. Der Professor redet bewusst von der Nadelstreifen-Mafia, er hält KPMG, EY, PwC und Deloitte für demokratiegefährdend: «Ihr Treiben ist tödlich, sie bringen Millionen Menschen um ihren Job und ihre Bildung, um ihr Erspartes und ihre Pensionen, um ihre Gesundheit und die soziale Infrastruktur.»

Kritikter nennen sie die «Nadelstreifen-Mafia»: Die Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers. Foto: Getty Images

Die Vorwürfe sind hart. Deshalb sollte man klären, was die Big Four eigentlich machen: PwC, KPMG, EY und Deloitte beraten Grosskonzerne, Banken und Superreiche in mehr als 180 Ländern. Sie haben zusammen rund eine Million Angestellte, beraten im Steuerbereich, aber auch in Strategiefragen oder anderen Feldern. Mal empfehlen sie eine Umstrukturierung, mal eine Neuausrichtung, mal ein Steuervermeidungsmodell. Mit Beratung verdienen die Big Four den grösseren Teil ihrer Umsätze.

Daneben prüfen die Big Four Abschlüsse und Bilanzen – im Auftrag der jeweiligen Unternehmen. Diese Prüfberichte – sogenannte Testate – werden Aufsichtsrat, Anlegern und Behörden vorgelegt und sollen zeigen, wie gesund die Firma ist und wo Handlungsbedarf besteht. Den internationalen Markt der Buchprüfungen haben die Big Four – jedenfalls bei Grosskonzernen – unter sich aufgeteilt: 99 von 100 Nasdaq-100-Firmen werden von ihnen geprüft:

Diese Marktmacht verführt. In Australien untersuchen die Behörden, ob es illegale Absprachen zwischen den Big Four bei staatlichen Ausschreibungen gab; in Italien mussten KPMG, Deloitte, PwC und EY wegen Kartellvorwürfen bereits mehr als 23 Millionen Euro zahlen. Aber gemessen am Umsatz der Big Four – etwa 120 Milliarden Euro – sind solche Strafen Peanuts.

Wie die Big Four vorgehen, was sie ihren Kunden raten, das findet selten den Weg an die Öffentlichkeit: Geschäftsgeheimnis. Ausser, einer wie Raphaël Halet packt aus. Was er und ein zweiter Whistleblower namens Antoine Deltour 2014 ans Licht brachten, drohte das Werk der stillen Helfer ins Scheinwerferlicht zu rücken. Finanzjongleure, die Millionen Euro und Dollar quer über den Globus dirigieren, um Steuern zu drücken, immer weiter und weiter, mit teils fadenscheinigen Begründungen, bis der Fiskus fast leer ausgeht.

Wahrscheinlich deshalb verklagte PwC nicht nur die beiden Whistleblower, sondern auch den Enthüllungsjournalisten, der die Dokumente erhalten hatte. Es war am Ende aber kein echter Erfolg: Nach mehr als drei Prozessjahren verurteilte das oberste luxemburgische Gericht Halet 2018 abschliessend zu einer Geldbusse von 1000 Euro, sprach Deltour sogar frei. Genau wie einige Monate zuvor schon den Journalisten Perrin.

Nicht nur PwC hatte die Steueroase Luxemburg genutzt. Auch Dokumente von Deloitte, KMPG und EY gehörten zum Luxemburg-Leak, auch diese Firmen halfen ihren Kunden, die Steuerlast zu minimieren. Der Möbelkonzern Ikea etwa drückte seine Abgaben bis zu unter 0,002 Prozent. Im Mittelpunkt der Affäre standen aber nicht PwC & Co., sondern die tatsächlichen Steuervermeider, denen sie assistiert hatten. Ausser Ikea wurden Amazon, die Deutsche Bank, Eon, Pepsi, Starbucks und andere Unternehmen kritisiert und manche sogar boykottiert. Die Berater aber gingen fast unbemerkt aus der Schusslinie.

Arbeitet nach eigener Darstellung «stets im Rahmen gesetzlicher Vorgaben und geltenden Rechts»: Deloitte. Foto: Getty Images

Einer der besten Kenner der Offshore-Welt, der britische Journalist Nicholas Shaxson, sagte einmal: «Die Big Four haben mehr als jede andere Gruppierung getan, um das weltweite System der Steueroasen zu nähren.» Durch dieses System werden über Briefkastenfirmen und Paragrafentricks Jahr für Jahr weltweit Abermilliarden an Steuerschulden aus den Büchern ihrer Kunden getilgt, was Millionen Menschen schadet.

Für die Big Four hingegen ist es rentabel. Allein in den Panama Papers, den Paradise Papers sowie den Offshore Leaks finden sich rund 100'000 Nennungen der Big Four. Doch in Artikeln und Fernsehberichten tauchen ihre Namen nur vereinzelt auf. Die Medien konzentrieren sich bisher auf die Auftraggeber, also die Hauptprofiteure der Steuervermeidung oder -hinterziehung, und nicht auf die Strippenzieher.

Was KPMG bei der Fifa nicht auffiel

Es ist erstaunlich, in wie vielen Skandalen eine der Big-Four-Formen eine Rolle gespielt hat: Beim Fussballweltverband Fifa prüfte KPMG jahrelang die Bücher; angeblich fiel den Fachleuten nie auf, dass die Getreuen um Fifa-Boss Joseph Blatter routinemässig die Hand aufhielten. Kurz vor der weltweiten Finanzkrise erkannten EY (bei der US-Bank Lehman Brothers), Deloitte (bei der Investmentbank Bear Stearns) und PwC (beim Versicherungskonzern AIG) brisante Schieflagen viel zu spät. In Deutschland versagte KPMG laut Experten bei der Prüfung des zwangsverstaatlichten Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate, PwC bei der Prüfung der später notverkauften sächsischen Landesbank.

Der eine Hauptsitz ist in England, der andere in Zug: KPMG-Gebäude in London. Foto: Getty Images

Als das Imperium des Filmmoguls Leo Kirch zusammenkrachte, hatte KPMG bis vor dem Ende auch keinen Grund zur Unruhe gesehen. Und dann ist da der Cum-Ex-Skandal, der vielleicht grösste Steuerraub in der Geschichte Europas. Durch Steuertricks von Banken entstand europaweit ein möglicher Schaden von 5,7 Milliarden Euro. Wer die Konzernabschlüsse der darin verwickelten Banken prüfte? Ernst & Young, KPMG, PwC, Deloitte.

Doch am Ende bleibt nichts an den Big Four hängen. Dazu trägt bei, dass sie zwar jeweils Hauptsitze haben – KPMG im Schweizer Steuerparadies Zug, die anderen in London –, aber eben auch eine dezentrale Organisationsstruktur. So lassen sich Haftung- und Schadensersatzwünsche begrenzen. Globale Verantwortung für die eigenen Geschäfte? Eher nicht.

Die «Süddeutsche Zeitung» hat alle vier Firmen um ein Gespräch gebeten, vier Mal gab es Absagen. Stattdessen antworteten KPMG, EY, Deloitte und PwC auf spezifische Fragen mit allgemein gehaltenen Statements.

KPMG etwa erklärt, die «Einhaltung sämtlicher berufsrechtlicher und regulatorischer Standards und Verordnungen» sicherzustellen.

PwC teilt mit, seine Dienstleistungen «in bestmöglicher Qualität» zu erbringen.

Deloitte arbeitet nach eigener Darstellung «stets im Rahmen gesetzlicher Vorgaben und geltenden Rechts».

EY wiederum betont, für Sicherheit und Transparenz zu sorgen und damit einen «wichtigen Beitrag für das Funktionieren der Kapital- und Kreditmärkte» zu leisten.

Statements, die wenig sagen: Transparenz scheint keine Stärke der vier zu sein. Und das, obwohl deren Berufsstand einst gegründet wurde, um Betrügern Einhalt zu bieten.


Von den «Big Eight» zu den «Big Four»

Die Ursprünge der Big Four liegen im England und Amerika des 19. Jahrhunderts, in der Zeit der grossen Eisenbahnprojekte. Damals glich das Finanzgeschäft – weitgehend unreguliert – eher dem Gebaren im Wilden Westen, immer wieder bereicherten sich Abzocker am Geld von Anlegern. Daher entschied das britische Parlament, dass die Bücher der an der Börse gehandelten Firmen geprüft werden müssten. Dafür brauchte es Spezialisten, aus ihnen wurden die Wirtschaftsprüfer. Als Grundsatz hat sich seither weltweit eingebürgert, dass sie unabhängig sein müssen; in Deutschland ist das gesetzlich geregelt.

Der Nachteil des Prüfverfahrens: Die Arbeit ballt sich am Jahresende, wenn die Unternehmen für ihre Bilanzen Zahlen zusammentragen und die Prüfer zusammenstellen, was sie den Anlegern dann zeigen. In der übrigen Zeit hatten die Wirtschaftsprüfungsfirmen Schwierigkeiten, ihr teures Personal zu beschäftigen. Weshalb sie begannen, Firmen zu beraten, vor allem in Steuerfragen. Sie hatten den Vorteil, dass sie die Unternehmen von den Buchprüfungen kannten. Das Beratungsgeschäft wurde immer lukrativer: Seit einigen Jahren machen die Big Four damit mehr Umsatz als mit ihren Buchprüfungen.

Die Big Four sind allgegenwärtig, gehören zum Inventar der globalisierten Wirtschaft wie Quartalszahlen.

Schon Mitte des vorigen Jahrhunderts hatte zudem ein Konzentrationsprozess stattgefunden. Aus den «Big Eight» wurden die «Big Five». Als die Wirtschaftsprüfer von Arthur Andersen 2002 am Enron-Skandal zugrunde gingen, blieben die Big Four übrig. Obwohl man fragen könnte, ob genau diese grossen Vier als Prüfer nicht ein paar Mal zu oft versagt haben? Oder warum ausgerechnet Prüfer, die wieder und wieder mit den Gesetzen in Konflikt gekommen sind, die Redlichkeit anderer Unternehmen kontrollieren sollten? Solche Fragen stellt kaum einer. Die Big Four sind allgegenwärtig, gehören zum Inventar der globalisierten Wirtschaft wie Quartalszahlen, Aktionärsversammlungen oder Organigramme der Vorstandsetagen. An deutschen Universitäten kooperieren die Big Four mit Lehrstühlen, beim Weltwirtschaftsforum in Davos entkommt man ihnen ebenso wenig wie beim Berliner «Süddeutsche Zeitung»-Wirtschaftsgipfel.

Dabei ist das strukturelle Problem unübersehbar: Die Prüfungsfirmen sollen die Bücher ihrer Kunden prüfen – aber sie wollen auch, dass die Kunden sie im nächsten Jahr erneut engagieren. Und auch noch Beratungsleistungen buchen. Das schafft Nähe und Abhängigkeiten. Was, wenn der Prüfer etwas findet, das den Kunden nicht nur verärgern, sondern ruinieren könnte? Vor diesem Dilemma stand 2006 ein junger Prüfer von Ernst & Young, als er die Bilanzen einer US-Investmentbank durchsah. Er entdeckte einen Buchungstrick, mit dem die Bank übertünchte, dass hohe Schulden sie drückten. Der Mitarbeiter schrieb eine Mail an seine Vorgesetzten bei Ernst & Young, warnte vor einem «Reputationsrisiko». Er wollte wissen, ob das Vorgehen «mit den Regulierungsleitlinien» abgeglichen werde. Seine Bedenken scheinen nicht wichtig genug genommen worden zu sein, das Verhängnis nahm seinen Lauf. Bei der Investmentbank handelte es sich um die New Yorker Lehman Brothers, und die brach zwei Jahre später zusammen.

Mit dem US-Geldhaus stürzte die Weltwirtschaft in eine Krise. Zu diesem Zeitpunkt hatte Lehman Brothers, so steht es in einem Untersuchungsbericht, rund 50 Milliarden Dollar Schulden, versteckt in den Büchern. Ernst & Young erklärt aber, dass die Prüfung der Bank «in Übereinstimmung mit den geltenden Rechnungslegungsgrundsätzen» erfolgt sei.

Oft an der Grenze der Legalität

Diese Episode passt in das Bild, das Wirtschaftsprofessor Sikka von den Big Four zeichnet. Auslöser seiner aktuellen Studie war der Milliardenkollaps des zweitgrössten britischen Baukonzerns Carillion, ein Unternehmen mit mehr als 40'000 Mitarbeitern. Alle Big Four hatten für Carillion gearbeitet, keiner hatte vor der drohenden Pleite gewarnt. Ein parteiübergreifender Ausschuss des britischen Parlaments kam anschliessend zu dem Schluss, dass KPMG, EY, PwC und Deloitte reformiert oder gar zerschlagen werden müssten. Die Ausschussvorsitzende erklärte: «Wir haben hier eine parasitäre Beziehung, in der die Wirtschaftsprüfer gedeihen, unabhängig davon, was mit den Unternehmen, Mitarbeitern und Investoren geschieht, die sich auf ihre Kontrolle verlassen.»

Diese Straflosigkeit will Prem Sikka beenden. Der Professor sitzt vor einem Stück Pizza und einer Cola light und erklärt lebensnah sein Anliegen. «Wenn man sich an Pizza vergiftet oder davon krank wird, wird der Pizzabäcker bestraft», sagt er. «Aber wenn eine Prüfung falsch und das Papier, auf dem sie geschrieben ist, sein Geld nicht wert ist, stellt das kein Problem dar. Das kann nicht richtig sein.» Und das sei nur die eine Hälfte des Problems. Die andere sind die Steuertricks, die PwC, Deloitte und Co für ihre Kunden entwickeln. Die, erklärt Sikka, plündern damit den Staatshaushalt aus. Zum Nachteil der Bürger, weil das Geld dann bei Krankenhäusern, Schulen und der Infrastruktur fehlt.

Die Paradise Papers, die der «Süddeutschen Zeitung» zugespielt wurden, zeigen dies beispielhaft mit einem 38-seitigen Strategiepapier von Deloitte für die ehemals deutsche Hotelkette Meininger, das Haus ist inzwischen in britischer Hand. Der Kern des Vorschlags: Meininger soll für 7000 Euro einen Kellerraum auf der Isle of Man anmieten, den die Hotelfirma nur fünfmal im Jahr nutzen müsse: kombiniert mit einer Investmentgesellschaft mit Sitz in ebendiesem Keller, dazu ein firmeninterner Kredit über knapp 135 Millionen Euro und ein Gewinntransfer. Am Ende sparte Meininger offenbar erheblich Steuern.

Die Macht der Big Four ragt tief in die Welt der Politik hinein.

Bei der Steuerberatung bewegen sich die Big Four oft hart an der Grenze. Also sind sie vorsichtig. Jede verräterische Kundenpräsentation, jeder Zettel, jedes Dokument kann Ärger machen. Weshalb bei KPMG Kundenpräsentationen zeitweise nur auf Tafeln gemacht wurden, sie wurden anschliessend weggewischt. Und bei Ernst & Young hiess es in einer internen E-Mail, die US-Ermittler 2007 in einer Anklage zitierten, «dass nichts in der Hand oder im Gedächtnis der Kunden» bleiben solle; ein einziges Fax an die Regierung könnte «katastrophale Folgen» haben.

Beratung mit unklarem rechtlichen Hintergrund als Risikoabwägung: Wie viel Profit können wir und unsere Kunden mit dem Steuermodell machen? Was, wenn wir erwischt werden? Von einem britischen Big-Four-Manager stammt das Bekenntnis, seine Kollegen würden Steuertricks empfehlen, wenn sie eine 25-Prozent-Chance sähen, dass diese als legal durchgingen. In einem KPMG-Papier, das 2003 öffentlich wurde, findet sich Ähnliches: «Wir stellen fest, dass die Strafen 14'000 Dollar pro 100'000 Dollar in KPMG-Honoraren nicht überschreiten würden.»

Manchmal überschreiten die Folgekosten die Honorare wahrscheinlich doch:

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KPMG zahlte 2005 die 456 Millionen Dollar, weil sie unter anderem Kunden der Deutschen Bank illegale Steuermodelle angedreht hatten. Auch die Bank musste 550 Millionen Dollar zahlen, das war selbst für das skandalgewohnte Geldinstitut hart. Die Bücher der Deutschen Bank prüft übrigens seit 1952 ein und dieselbe Firma: KPMG. Und es ist nicht bekannt, dass die Prüfer jemals Alarm geschlagen hätten.


Das Know-How-Monopol

Es ist ein Musterbeispiel für einen Interessenkonflikt: Der Prüfer ist der Berater. KPMG hätte die Aktionäre der Deutschen Bank warnen müssen, dass das Institut Beihilfe zur Steuerhinterziehung begeht, dass ein gewaltiger Reputationsschaden ebenso drohte wie horrende Strafzahlungen. Aber die Steuermodelle kamen eben auch von: KPMG. Was die Deutsche Bank angeht: Mit der hat mittlerweile sogar die deutsche Finanzaufsicht die Geduld verloren. Jetzt sollen Sonderprüfer dafür sorgen, dass die Bank endlich ihr Geldwäscheproblem in den Griff bekommt. Eine gute Idee, könnte man meinen. Wäre da nicht dieses Detail: Der von der Finanzaufsicht benannte Sonderprüfer ist: KPMG.

Doch die Macht der Big Four geht noch viel weiter, ragt über die Wirtschaft hinaus tief in die Welt der Politik hinein. Zu den Kunden gehören inzwischen Staaten, Regierungen und Behörden. Dieselben Big Four, die durch Anleitung zur Steuervermeidung Hunderte Millionen Euro an der Steuerkasse vorbeimanövrieren, werden Jahr für Jahr mit Millionenaufträgen aus der Staatskasse bedacht. Nachzulesen war das jüngst im Spiegel, auch Bild berichtete, laut dem Blatt wurde PwC vom Berliner Wirtschaftsministerium zwischen 2007 und 2017 mit Prüf- und Beratungsaufträgen versorgt, deren Volumen mehr als 30 Millionen Euro jährlich betrug. 2017 vergaben neun von 14 Bundesministerien Aufträge an die Big Four:

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Zu den Leistungen zählte das Air-Berlin-Gutachten, das als Grundlage für eine 150-Millionen-Euro-Bürgschaft der Bundesregierung zugunsten der Airline diente. Die Bürgschaft wurde bis heute nicht ganz zurückgezahlt, PwC hatte die Risikobewertung geliefert.

Wie so viele Konzerne sind auch Behörden inzwischen von den Big Four abhängig: Regierungen und die Berater stünden in einem «faustischen Pakt», erklärte schon vor einigen Jahren ein ehemaliger Big-Four-Partner der Financial Times. Der Bund mit dem Teufel sieht so aus: Je öfter Regierungsstellen Berater hereinholen, weil dort das notwendige Fachwissen fehlt, umso weniger Fachwissen wird in den Behörden gebildet, umso mehr Berater werden dann wiederum gebraucht. Berater wohlgemerkt, die nicht unbedingt neutral sind und bei denen nicht klar ist, ob sie Insiderwissen aus dem Behördenjob anderweitig nutzen. Denn Angestellte der Big Four schreiben womöglich Gesetzesvorlagen oder wirken zumindest an anderen entscheidenden Stellen mit. Und das ohne jede demokratische Legitimation.

Gleichzeitig werden besonders sachkundige Beamte mit lukrativen Angeboten zu den Big Four gelockt. Experten sprechen vom Know-how-Monopol, das die Firmen aufbauen. Diese Schieflage nimmt zu, weil die Einkaufstouren der vier Firmen weitergehen. Betroffen sind nicht nur Ministerien, die Gesetze formulieren, sondern auch Behörden, die sie anwenden. So verliessen 2018 zwei der renommiertesten Steuerermittler Deutschlands die bis dahin spektakulär erfolgreiche Steuerfahndung Wuppertal und heuerten bei Deloitte an. Und das, obwohl Steuerfahnder schon lange klagen, dass sie zu dritt zu einem Konzern gehen, um die Bücher zu prüfen, dort aber 15 bis 50 spezialisierten Beratern gegenübersitzen. Und nun sitzen auch noch Ex-Kollegen auf der anderen Seite des Tisches.

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Gerhard Schick ist einer der wenigen deutschen Finanzexperten, die sich mit den Big Four beschäftigen. Der Grüne hat sein Bundestagsmandat niedergelegt, widmet sich nun ganz der von ihm gegründeten «Bürgerbewegung Finanzwende». Die will das internationale Finanzsystem reformiert sehen. Schick erzählt, dass im Untersuchungsausschuss um die bayerische Pleitebank Hypo Real Estate das Versagen der Wirtschaftsprüfer Thema gewesen sei, ebenso im Untersuchungsausschuss des Cum-Ex-Skandals. Er plädiert dafür, dass die Finanzaufsicht «eigenes Personal aufbaut, um in die Bank zu gehen, und nicht immer nur die Wirtschaftsprüfer losschickt». In den USA sei das längst üblich.

Ideen zur Einhegung der Big Four gibt es also. Man könnte ihnen Staatsaufträge grundsätzlich verweigern, weil sie ihren Kunden helfen, den Staat auszunehmen. Man könnte sie für Schäden, die durch mangelhafte Prüfung entstanden sind, sehr teuer haften lassen. Michael Gschrei, Vorsitzender eines Verbands mittelständischer Wirtschaftsprüfer, tritt für ein Joint Audit ein, wie man es in Frankreich kennt. Dort prüfen zwei Gesellschaften ein und dasselbe Unternehmen, unabhängig voneinander, und kontrollieren sich so gegenseitig. Der britische Professor Richard Murphy fordert die strikte Trennung von Prüfung und Beratung. Dass die grossen Vier behaupten, sie könnten beides tun und seien dennoch frei von Interessenskonflikten, sei «ausgemachter Blödsinn».

Alles Vorschläge, die Sinn ergeben. Es ist auch nicht so, dass eine Regulierung nie versucht worden wäre, nach der letzten Finanzkrise legte EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier 2011 einen Gesetzesentwurf vor. Die Big Four liefen Sturm. Ein KPMG-Partner wandte sich an den in Deutschland zuständigen Referatsleiter im Bundesjustizministerium: Der Vorschlag der Kommission habe «für einige Unruhe gesorgt». Es folgten Treffen und E-Mails, mit Big-Four-Vertretern, Lobbyisten, Lobbydachverbänden. Am Ende verschwand aus Barniers Gesetzesvorschlag die Passage, in der die Big Four mitverantwortlich gemacht wurden für die Finanzkrise. Und auch die, wonach die Prüfer keine Firmen prüfen sollten, „an denen sie ein geschäftliches oder finanzielles Interesse besitzen“. Der Vorsatz, Prüfung und Beratung zu trennen, wurde auch aufgeweicht: Statt eines Verbots sollte nur zur Voraussetzung gemacht werden, dass ein «Prüfungsausschuss» dem Einzelfall zustimmt und – absurd genug – sich das Prüfungsunternehmen selbst attestiert hat, dass seine Unabhängigkeit gewahrt ist.

So behält die Lobby der Big Four Wirtschaft und Politik im Griff. Das Prüfungsmonopol und das Know-how-Monopol werden sich weiter verfestigen, wenn der Staat nicht handelt. Nur: Würde man ein oder zwei der Big Four dichtmachen – wegen Versagens oder kriminellen Aktivitäten –, könnte dies weltweit ein neues Problem schaffen. Niemand könnte die Funktion der Firmen übernehmen. Denn die nach den Big Four vier grössten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften sind zusammen gerade mal so gross wie der kleinste der Big Four. Der britische Journalist Richard Brooks bringt es so auf den Punkt: Die Big Four sind «too few to fail» – «zu wenige, als dass man sie scheitern liesse».

Mitarbeit: Okan Bellikli, Petra Blum, Michael Wech

Infografik: Hanna Eiden, Julia Kraus, Sarah Unterhitzenberger

Erstellt: 14.03.2019, 11:42 Uhr

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