Die Mär vom sanften Mark

Auf einmal findet der Facebook-Chef sogar die EU-Regeln zum Datenschutz prima.

Hinter den sanften Tönen des neuen Zuckerberg klingt stets der alte Mark durch.

Hinter den sanften Tönen des neuen Zuckerberg klingt stets der alte Mark durch. Bild: Keystone

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Im Märchen «Der Wolf und die sieben jungen Geisslein» macht der nimmersatte Räuber seine Stimme mit Kreide sanft. Gemeint ist nicht der feinkörnige Kalkstein, mit dem man an die Tafel schreibt, sondern Kirschkreide, ein Mus aus Kirschen, das als Mittel gegen Heiserkeit gilt. Mark Zuckerberg hat davon offenbar eine nicht geringe Menge geschluckt.

In einem Beitrag auf dem Firmenblog vollzieht der Facebook-Chef scheinbar eine Kehrtwende der bisherigen Firmenpolitik, ruft nach politischer Regulierung und findet sogar die EU-Datenschutz-Grundverordnung auf einmal ganz prima. Er trifft sich mit der deutschen Justizministerin Katarina Barley und CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer.

Doch hinter den sanften Tönen des neuen Zuckerberg klingt stets der alte Mark durch. Nun, da die Diskussion um eine Regulierung des Konzerns mehr und mehr an Fahrt aufnimmt, gibt er den Reumütigen und versucht zugleich, ein paar Pflöcke einzuschlagen.

Der alte Mark beendete Meetings früher gerne mal mit dem Ausruf: «Domination!» Und als er fürchtete, die Beherrschung des Marktes könnte in Gefahr geraten, gründete er ein Team, das sich einzig dem Wachstum der Firma widmete und Bedenken anderer Kollegen gerne vom Tisch wischte, immer mit seinem Einverständnis. Facebook drängte die Nutzer dazu, Zugriff auf ihre gespeicherten Kontakte zu geben – ein gravierender Eingriff in die Privatsphäre.

Doch dann erging es dem alten Mark wie Goethes Zauberlehrling.

Das ist nur ein Beispiel von vielen, und stets gab der alte Mark sein Placet dazu. Das Spezialteam, dessen Aufgabe es war, das Wachstum von Facebook voranzutreiben, hatte das Sagen. Wem diese Firmenpolitik nicht passte, der konnte ja gehen. Was dann auch immer mehr hochrangige Mitarbeiter getan haben. Dass mehr und mehr Menschen Facebook als Plattform für Falschnachrichten und hasserfüllte Botschaften nutzten – es juckte den alten Mark nicht, denn gerade das sorgte ja dafür, dass die Menschen weltweit noch mehr Zeit auf der Facebook-Plattform verbrachten.

Doch dann erging es dem alten Mark wie Goethes Zauberlehrling. Das System, das er erschaffen hatte, wuchs ihm über den Kopf. Ein Skandal jagte den nächsten, und das Schlimme daran war, dass dafür nicht individuelle Versäumnisse und Schlampereien ursächlich waren. Der Fehler steckt im System. Facebook, die gigantische Werbe- und ergo Geldmaschine, kann nur so prächtig funktionieren, wenn sie an Daten absaugt, was nur geht, wenn sie die Menschen mit zweifelhaften Inhalten bei der Stange hält.

Klopft man Zuckerbergs «Vier Ideen zur Regulierung des Internets» daraufhin ab, zeigt sich schnell, dass sie hohl sind. Sie sind geschrieben nach dem Motto: Wie kann ich den Eindruck erwecken, ich würde mich ändern, kann aber annähernd so weitermachen wie bisher? Zuckerbergs Forderungen nach einer weltweiten Übereinkunft beim Datenschutz oder nach Standards für unerwünschte Inhalte klingen zwar gut, zumal sie mit einigen Eingeständnissen garniert sind. Doch es ist unrealistisch, dass sich die Welt in angemessener Zeit darauf einigen könnte.

Was den Datenschutz betrifft: Der alte Mark hatte ein Heer von Lobbyisten beschäftigt, die mit aller Macht versuchten, die EU-Verordnung zu verhindern oder in ihrem Sinne zu beeinflussen. Zudem laufen Untersuchungen gegen Facebook. Der Verdacht: Das Unternehmen habe die Vorschriften nicht eingehalten.

Viele alte Posts wurden gelöscht

Nun, da dem Konzern von allen Seiten Kritik entgegenschlägt, nicht nur von den üblichen Verdächtigen, sondern auch von ehemaligen hochrangigen Mitarbeitern, von Wissenschaftlern und Politikern, nun also hat der alte Mark mithilfe seiner PR-Einflüsterer den neuen Zuckerberg erfunden. Doch man lasse sich nicht täuschen. Auch wenn der neue Zuckerberg die Fehler eingesteht, die ohnehin allen bekannt sind, will der alte Mark das Facebook-Imperium immer grösser machen.

Die Mittel dazu hat er. Sogar wenn Facebook unterginge, blieben noch Instagram und Whatsapp. Besonders Whatsapp spielt mittlerweile in der politischen Kommunikation eine wichtige Rolle, ist aber noch schwerer kontrollierbar, weil alles verschlüsselt in geschlossenen Gruppen oder privaten Nachrichten stattfindet.

Wer übrigens auf Facebook nachsehen will, wie der alte Mark die Dinge so sah, wird öfter mal nicht fündig. Viele alte Posts wurden gelöscht – ein technisches Versehen, heisst es bei Facebook.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 02.04.2019, 21:37 Uhr

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