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Die Methoden der Rating-Agenturen

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel sagt den Ratingagenturen den Kampf an. Das ist Rückenwind für die neue EU-Rating-Aufsicht Esma, die offen mit Hausdurchsuchungen und Strafzahlungen droht.

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel nimmt die grössten Ratingagenturen ins Visier.
Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel nimmt die grössten Ratingagenturen ins Visier.

Die Euroländer wollen sich das nicht mehr gefallen lassen. Am Gängelband der Ratingagenturen zu hängen, könne ganze Volkswirtschaften zerstören und eine Währungsunion wie den Euro zerfetzen, monieren die Regierunsvertrer der Eurozone. Nach den anhaltenden Turbulenzen um Griechenland hat Moody's nun auch Portugal ein Downgrading verpasst. Und Standard & Poor's (S&P) hat Italien für das kürzlich geschnürte Sparpaket ein «no grazie» umgehängt. Das Resultat: Bonitätswarnung für Italien.

Dem nicht genug: S&P hat den französischen Vorschlag einer Beteiligung privater Gläubiger an den Griechenland-Schulden quasi abgelehnt. Mit der Begründung, Laufzeiten für Anleihen zu verlängern oder die auslaufenden griechischen Anleihen durch neue zu ersetzen, sei als «begrenzter Zahlungsausfall» zu werten. Damit rücken hohe Abschreibungen von Athen-Krediten in den Büchern der Banken gefährlich nahe.

Glaubwürdigkeitsproblem

Im Hintergrund tobt der Kampf um die Glaubwürdigkeit zwischen Ratingagenturen und Regierungen. Auf der einen Seite haben Schuldenländer wie Portugal oder Griechenland es satt, ständig auf Kosten von Staatsbudgets und damit letztlich des Steuerzahlers in ihrer Kreditwürdigkeit herabgestuft zu werden. Auf der anderen Seite wird den Agenturen vorgeworfen, sich mit den Herabstufungen der Länderratings selbst zu überholen, um nicht so wie damals die Subprimekrise in den USA zu verschlafen.

Kanzlerin Merkel sieht kein Fundament mehr für übereilte Herabstufungen ganzer Volkswirtschaften. Besonders stösst sich die deutsche Regierungschefin daran, dass den Agenturen so schnell geglaubt wird. Die Ratingagenturen wiederum ziehen sich ganz technokratisch darauf zurück, lediglich die gesammelten Daten anhand erprobter Rechenmodelle auszuwerten und die Ergebnisse offenzulegen.

Björn Griesbach von der Universität St. Gallen erklärt, wie das geht: «Die Agenturen lassen laut eigenen Angaben diverse Variablen wie das Wirtschaftswachstum, Inflation, den Schuldenstand und dessen Veränderung sowie die Defizitquote in ihre Bewertung einfliessen. Auch politische Indikatoren wie etwa der von der Weltbank veröffentlichte politische Stabilitätsindex oder der Korruptionsindex von Transparancy International können hinzugezogen werden, um letztlich eine Prognose zu erstellen. Wie diese Variablen dann kombiniert werden um eine Ausfallwahrscheinlichkeit zu erhalten, bleibt allerdings geheim.»

Die politische dominiert längst die mathematische Dimension von Länderbewertungen: Täglich erreichen neue Daten der zu bewertenden Länder die Rating-Analysten. Werden die Fundamentaldatenbänder der Agenturen durchbrochen, dann wird das auch vermeldet. «Aber die Glaubwürdigkeit solcher Resultate sind zweifelhaft, zumal sich auch schon Wirtschafts-Nobelpreisträger über die Berechnung von Ausfallwahrscheinlichkeiten auf Staatenebene den Kopf zerbrochen haben», relativiert Griesbach die Ergebnisse. Keineswegs gehe es nur um harte Fakten, sondern um jede Menge Interpretationsspielraum. «Es wäre also an der Zeit die Vorgehensweise von Rating Agenturen genauer zu überprüfen, das heisst ob valide und logisch nachvollziehbare Modelle die Ratings rechtfertigen. Oder ob es sich vielmehr um subjektive Meinungen mit katastrophalen Folgen handelt.»

Kurios dabei: Die Ratingagentur Fitch – mit Moody's und Standard & Poor's eine der grossen drei – weist in ihren Unterlagen sogar offen darauf hin, dass die Bewertungen nicht mehr als «Meinungsäusserungen sind, die keine statistische Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls beinhalten». Warum also den Agenturen noch Glauben schenken?

Esma zeigt Zähne

Diese Frage stellen sich dieser Tage die EU-Parlamentarier, die Fronten zwischen Brüssel und den Agenturen scheinen verhärtet. «Einen PR-Krieg um die Glaubwürdigkeit sehen wir aber nicht», sagt Reemt Seibel, Sprecher der seit 1. Juli tätigen Europäischen Aufsichtsbehörde zu Redaktion Tamedia. Die European Securities and Market Authorities (Esma) ist die neue Finanzpolizei für die EU-Länder. «Wir sind der Ansicht, dass das Vorgehen der Agenturen zu intransparent ist. Und wir werden uns ansehen, ob die Schuldenbewertungen der Agenturen überhaupt konsistent sind.» Dazu könne die Esma Hausdurchsuchungen bei den Ratingagenturen durchführen und gegebenenfalls Strafzahlungen verhängen. «Wir werden unsere Macht nutzen.»

Geprüft wird von der Esma zum einen die Mathematik hinter den Berechnungsmodellen der Ratingagenturen. Zum anderen die klare Trennung von Beratungsmandat und Rating. Und: Eine Ratingagentur solle nicht länger als 15 Jahre dasselbe Produkt oder Land bewerten. In diesen Punkten ortet Seibel noch einen gravierenden Nachholbedarf. «Die Agenturen wollen sich nicht in die Karten schauen lassen», so Seibel weiter, «wir haben schon viele Unterlagen bekommen, müssen aber auch oft nachfordern».

Von den deutschen Aufsichtsbehörden heisst es gegenüber Redaktion Tamedia: «Wir planen nicht, in Eigenregie das Verhalten der Ratingagenturen unter die Lupe zu nehmen, das ist eine rein politische Entscheidung. Wir könnten aber vom Finanzministerium dazu ins Boot geholt werden.» Das deutsche Kanzleramt dazu: «Die Tatsache, dass Merkel sowohl eine Aufsicht als auch eine eigenständige europäische Ratingagentur vorgeschlagen hat, spricht Bände.»

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