Die Migros, die Alkohol verkauft

Voi-Läden sehen aus wie Migros-Filialen. Mit dem Franchisekonzept expandiert die Genossenschaft Aare rasant, denn sie dürfen, was der Migros verwehrt ist.

Im Widerspruch zu Duttis Grundsätzen? Voi-Filiale. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Im Widerspruch zu Duttis Grundsätzen? Voi-Filiale. Foto: Peter Schneider (Keystone)

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In den Regalen stehen Migros-Eigenmarken zu Migros-Preisen, an der Kasse gibt es Cumulus-Punkte und Sammelkleber, und im ganzen Laden ist das Logo des orangen Riesen präsent. Doch wir stehen nicht etwa in einer Migros-Filiale, sondern in einem Voi. Voi, so nennt die Migros Niederlassungen, die sie nicht selbst betreibt. Selbstständige Unternehmer führen diese auf eigene Rechnung. Es handelt sich um ein sogenanntes Franchisesystem.

Zehn Jahre ist es her, dass die Migros Aare, die in den Kantonen Bern, Solothurn und Aargau geschäftet, die ersten Voi-Läden eröffnet hat – im Liebefeld bei Bern und in Wangen an der Aare. Das neue Format war rasch ein Erfolg, sodass die Migros im Sommer 2008 beschloss, mit einer rasanten Expansion zu beginnen. 2011 gab es im Marktgebiet der Migros Aare bereits zehn Voi-Geschäfte, und letzte Woche wurde in Steffisburg die 30. Filiale eingeweiht. Zum Vergleich: Zwischen 2011 und 2016 kamen bei der Migros Aare netto nur sechs klassische Migros-Filialen dazu. Auch die Migros-Genossenschaften Zürich und Luzern kennen mittlerweile das Format. Aber warum setzt die Migros derart stark auf das Franchisesystem?

Angestellte ohne GAV

Das Voi-Konzept sei speziell geeignet für die Nahversorgung vor allem in ländlichen Gebieten und in den Quartieren, erklärt der Detailhändler. Ob an einem Standort eine Migros- oder eine Voi-Filiale entstehe, hänge von verschiedenen Kriterien ab, im Wesentlichen aber von der zur Verfügung stehenden Verkaufsfläche. Wobei ein Voi mit weniger Fläche auskommt. Schon deshalb habe es in den letzten Jahr mehr neue Voi- als neue Migros-Filialen gegeben.

Das Franchisesystem habe zudem den Vorteil, dass der Geschäftsleiter lokal verankert sei, heisst es bei der ­Migros Aare weiter. Bei einer Migros-Filiale könne die lokale Verankerung des Verkaufsteams nicht garantiert werden, und es komme häufig zu Führungswechseln. Für einen Nahversorger seien die Nähe zur Kundschaft und die Kontinuität in der Führung aber ein Erfolgsfaktor.

Was die Migros in ihrer Antwort unterschlägt – für den Detailhändler hat das Franchisesystem weitere Vorteile: Denn Voi-Läden unterscheiden sich in drei wesentlichen Punkten von klassischen Migros-Filialen. Erstens tragen selbstständige Unternehmer den Grossteil des Geschäftsrisikos; die finanziellen Risiken für die Migros sinken. Wenn etwa eine Voi-Filiale wegen Konkurs schliesst, verfällt auch der Mietvertrag. Schliesst dagegen eine unrentable Migros-Filiale, ist der Konzern unter Umständen an einen langfristigen Mietvertrag gebunden.

Nicht an Mindestlöhne gebunden

Zweitens sind die Voi-Angestellten nicht dem Gesamtarbeitsvertrag (GAV) der Migros-Gruppe unterstellt. Die Franchisenehmer sind weder an die dort festgehaltenen Mindestlöhne gebunden, noch profitiert das Personal von den jährlichen Lohnverhandlungen zwischen Gewerkschaften und der Migros. Das spart Personalkosten.

Beim Kaufmännischen Verband, der mit der Migros-Gruppe den GAV verhandelt hat, heisst es dazu: Der Geltungsbereich des GAV sei immer Gegenstand der Verhandlungen. Man sei bestrebt, «möglichst viele Unternehmen der Migros-Gruppe dem GAV zu unterstellen», sagt Karin Oberlin, Leiterin Beruf und Beratung. Mit Valora hat der Verband unlängst eine Vereinbarung für die Anwendung der GAV-Mindestlöhne in den künftigen Franchiseverträgen getroffen.

Alkohol als Lockmittel

Drittens, und das dürfte ganz besonders ins Gewicht fallen, verkaufen Voi-Läden Tabak und Alkohol. Vor allem in ländlichen Gebieten ist das wesentlich – beispielsweise in Grindelwald. Im bernischen Feriendorf hatte Coop lange beinahe das Alkoholmonopol. Wer also Wein oder Kirsch brauchte, landete wahrscheinlich bei dem Migros-Konkurrenten. 2009 ersetzte die Migros ihre vier Jahre zuvor stillgelegte Filiale durch einen Voi. Wein, Bier und Schnaps gibt es seitdem auch beim Migros-Ableger. Die Sortimentserweiterung ist wesentlich, um Kunden in den Laden zu holen.

Bricht die Migros damit mit ihrem Gründer Gottlieb Duttweiler? Der Unternehmer hat sich zeitlebens dagegen gewehrt, dass die Migros Alkohol und Tabak verkauft. Gerne verweist man bei der Migros in dem Zusammenhang auf die vor 80 Jahren gegründete Waren-Giro-Genossenschaft. Dabei handelt es sich um unabhängige Läden, die mit Migros-Produkten versorgt wurden. Eine Idee von Duttweiler. Gleichzeitig durften diese ­Giro-Läden genannten Geschäfte Alkohol und Tabak verkaufen. Die Voi-Läden seien die moderne Fortsetzung dieser Idee, heisst es bei der Migros Aare.

Doch es gibt einen wesentlichen Unterschied: Die Betreiber der Giro-­Läden waren zu Duttis Zeiten weitgehend autonom in ihren unternehmerischen Entscheiden. So waren teilweise nur ganz wenige Migros-Produkte in den Läden zu finden. Bei Voi sieht das anders aus. Ladengestaltung, Sortiment und Marketing sind im Franchisevertrag geregelt, den die Migros vorgibt. Auch die Anfangsinvestitionen übernimmt der orange Riese. Die vertraglichen Einzelheiten sind allerdings geheim.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.12.2017, 23:15 Uhr

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