Die Minischweiz hofft auf Inder: «Ohne Buffet kommen die nicht»

Die halbe Schweiz war schon im Swissminiatur in Melide. Wie Direktor Joël Vuigner das Überleben des Familienunternehmens sichern will.

Swissminiatur-Direktor Joël Vuigner steht hinter dem Fressbalken der Autobahnraststätte Würenlos. <nobr>Fotos: Claudio Bader</nobr>

Swissminiatur-Direktor Joël Vuigner steht hinter dem Fressbalken der Autobahnraststätte Würenlos. Fotos: Claudio Bader

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Joël Vuigner läuft um das Schilthorn, rennt fast einen Chinesen über den Haufen, dann unter dem Titlis durch – jetzt muss er gleich um die Ecke schiessen, und schau an, da kommt er. Der Traverso, der neue Voralpen-Express, kupferfarben, ein Zug gefertigt in 1500 Stunden Handarbeit. Der neuste Schrei in Melide. «Schön oder?», fragt Vuigner ohne die Antwort abzuwarten.

Vuigner ist der neue Chef des Swissminiatur-Parks, 1959 gegründet, nie wirklich erneuert, von der halben Schweiz besucht. Vuigner steht vor einer Aufgabe. Er muss den Park modernisieren, ihn digitalisieren, für die Jungen auffrischen.

Ein solches Auffrischungsproblem offenbart sich gerade am Eingang. Eine dreiköpfige Familie schreitet zum Eingang, er trägt den Rucksack, sie stösst den Kinderwagen, der Bub schläft. Sie sagt noch vor dem Eintreten: «Was vor 30 Jahren lustig war, ist es heute gopfertaminomal nicht mehr.» Er, beschwichtigend: «Tu nicht so. Schauen wirs doch einfach an.»

Dann trifft der Reiseleiter einer 23-köpfigen iranischen Reisegruppe ein. Er bedankt sich bei Vuigner für den warmen Empfang, alles habe geklappt, schön sei es da, vielen Dank, aber eben, er habe sechs Kinder dabei, und die möchten bald einmal auf das Eisenbahnzüglein sitzen und eine Runde fahren.

Der Fressbalken neben Chillon

Seit 60 Jahren gibt es das Swissminiatur in Melide. Die Schweiz in 25-facher Verkleinerung. Helvetia überschaubar. Wer hier steht, der ist was im Land, dem wurde ein Denkmal gesetzt (ein kleines zwar). Die Ausstellung ist divers – der Fressbalken der Autobahnraststätte ­Würenlos neben dem Schloss Chillon.

Der Platz ist begrenzt: Joël Vuigner auf dem Schilthorn-Modell. Foto: Claudio Bader

Schweizerischer geht es nicht, die Kunst des Sich-kleiner-Machens, das können wir. Auf der anderen Seite des Seeufers liegt Campione, diese italienische Enklave, die haben ihr Casino zu gross gebaut, ein Schandfleck an Architektur und Geschäftssinn. Es ging in Konkurs, und mit ihm fast ein ganzes Dorf. Kann in Melide nicht passieren.

Der Miniaturpark ist klein und gesund. Sagt Vuigner. Er hat zwei Feinde: Regen und zu viel Sonne. Dann bleiben die Leute zu Hause. Wie letztes Jahr. Die Zahl der Eintritte ging von 140'000 auf 120'000 zurück. «Das hat wehgetan», sagt Vuigner in seinem Büro. An der Wand hängt der Ferienplan der Schweizer Schulen, auf dem Bürotisch liegt die Excel-Tabelle mit den Besucherzahlen.

Vuigner ist 36 Jahre alt und betreibt für die Familie den Park in dritter Generation. Sein Grossvater hatte die Idee, sein Vater führte sie weiter, und nun ist er dran. In den 60er-Jahren kamen jährlich 400'000 Besucherinnen und Besucher, viele aus Italien, um auf Schweizer Boden billig Zigaretten und Schokolade zu kaufen. Sie fehlen heute.

Im Iran auf Akquise

Joël Vuigner muss neue Länder akquirieren. Bald reist er das erste Mal nach Vietnam, letztes Jahr war er erstmals im Iran, mit Erfolg, die Zahl der Kunden ist von 2 in den ersten sechs Monaten 2018 auf 93 in 2019 gestiegen. «Ein guter Anfang», sagt er.

Als kürzlich 12'000 Chinesinnen und Chinesen durch die Schweiz reisten, witterte Vuigner eine Chance. Das Geschäft mit den Chinesen läuft mässig bisher (252 Gäste 2019). Übertourismus kennt er im Gegensatz zu Luzern oder Interlaken nicht, «wäre schön, das auch mal zu erleben». Er nahm Kontakt auf mit den Organisatoren der grossen Chinesenreise, doch ging leer aus.

«Ohne Buffet kommen die nicht»: Vuigner über seine indischen Gäste.

Vuigner ist ein Adoptivkind, seine ersten acht Monate verbrachte er in einem Waisenhaus in Mumbai, heute kehrt er mehrmals jährlich dorthin zurück samt Kleidern und Spielsachen. Und versucht Geschäfte zu machen.

Er erzählt lokalen Reisebüros von seinem Park, aber vor allem von der Lage. Das zählt. Zwischen Schweiz und Italien, nur 45 Minuten von Mailand entfernt, optimal für einen Zwischenstopp auf der Europareise. Er hat Erfolg. Die Inderinnen und Inder sind in seinem Park die grösste ausländische Gruppe. 3077 Besucher sind seit Saisonstart gekommen, plus 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

«Ohne Buffet kommen die nicht, das muss man wissen», sagt er. Also hat er im Speisesaal eines aufgebaut. Und beim Preis geht er an die Schmerzgrenze. Das Paket Park und Essen gibt es bei einem regulären Eintritt von 19.50 Franken für ein paar Franken mehr. Die genaue Zahl will Vuigner nicht sagen. Geschäftsgeheimnis.

500 Inder in Melide

Kürzlich kamen an einem Tag 500 Inder, angereist in acht Cars. Das Dorf mit seinen 1700 Einwohnern hat danach wieder einmal über den Park gesprochen. Vuigner sagt, dass seine Wurzeln ihm in Indien helfen, dass er dieses schnelle Indischenglisch verstehe, dass die Inder meinen, er sei einer von ihnen. Sie sagen ihm dann, dass er «die perfekte Kombination» in sich vereine: indisches Blut und Schweizer Mentalität.

Doch eben, wie soll es weitergehen mit seinem Park? Die Iraner lümmeln durch die Gassen, der Zuger Kolinplatz vermag sie nur mässig zu fesseln. Die Schweizer wiederum schreiten die Häuschen ab wie Stände von Herbstmessen. Kennt man, alles schon mal gesehen.

Vuigner will darum seinem Park ein digitales Image verpassen. Dazu gehören Audioguides und eine Handy-App, die wie ein Touristenführer daherkommt. Dazu sollen bald auch Augmented-Reality-Points gehören, übersetzt heisst das: Wer zum Beispiel vor dem verkleinerten Schloss Chillon steht, ­bekommt über die Wasserburg im Genfersee ein Video auf das Handy gespielt. Vorbild dabei ist der Madurodam-Park in der Niederlanden, die seien schon weit in Sachen Digitalisierung, sagt ­Vuigner.

Stadion oder Aletscharena?

Neben der Modernisierung beschäftigt sich Vuigner auch mit dem Thema Ausbau. Der Platz ist beschränkt, Swissminiatur hat die Grösse einer grösseren Minigolfanlage, Strasse und See schränken es ein. Er habe Ideen, sagt Vuigner, doch die seien noch geheim. Weil alles mit Handarbeit gebaut werde, könne man ohnehin pro Jahr nur ein Projekt angehen. Wie jüngst den Voralpen­express Traverso.

Gäste und Fans (die gibt es) senden Vuigner regelmässig Vorschläge für neue Ausstellungsobjekte. Am meisten genannt: die Aletscharena. Unesco-Weltkulturerbe, doch als Gletscher optisch schwierig umzusetzen. Und da gibt es noch diese Fussballfans, die ihr Stadion in Melide sehen wollen. Vor allem die Berner und Basler. Vuigner sagt: mal schauen – er ist Eishockeyfan.

Schliesslich erreicht Melide auch noch ein Schiff aus Lugano mit Polen an Bord, die Reiseleiterin treibt ihre Landsleute an Land, damit sie nicht nach Morcote weiterfahren. Auf die Frage, weshalb sie Melide und das Swissminiatur besucht, antwortet sie: «Es steht halt auf dem Reiseprogramm.» Warum? «Es ist ein kurzer Halt, eine Stunde, das passt, nachher können wir weiter.»

Tatsächlich steht der Reisecar mit polnischer Autonummer bereits am Eingang zur Weiterfahrt bereit. Der Park liegt gut, Autobahn, Zug und Schiff – alles direkt vor der Haustür. Wunderbar für den Taktfahrplan des organisierten Ferienmachens.

Erstellt: 23.07.2019, 14:41 Uhr

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In Zahlen

120'000 Besucherinnen und Besucher verzeichnete Swissminiatur im Jahr 2018. Dies waren 20000 weniger als 2017. Der Grund: das Wetter. Es war entweder zu heiss oder zu nass.

70 Prozent beträgt der Anteil der Schweizer Gäste an der Gesamtzahl.

6042 Zürcherinnen und Zürcher besuchten im ersten Halbjahr 2019 den Park. Kein Kanton entsendet mehr Leute als Zürich. Zum Vergleich: Aus dem Kanton Bern kamen 3383 Personen. Aus beider Basel 1185. Am wenigsten kommen aus Appenzell Innerrhoden, 71 Innerrhödler reisten bisher nach Melide.

3077 indische Gäste kamen im ersten Halbjahr. Top-Wert bei den internationalen Gästen.

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