Die neue Wunderwaffe der Swiss gegen Easyjet und Co.

Als erste Fluggesellschaft der Welt besitzt Swiss jetzt eine Bombardier C-Series. 29 weitere folgen. Das moderne Flugzeug soll die expandierende Billigkonkurrenz in Schach halten.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Alain Bellemare springt die Treppe aufs Podest hoch und streckt die Arme mit geballten Fäusten in den Himmel. «On l'a fait!», schreit er in die Menge. Der Konzernchef von Bombardier jubelt wie die Isländer nach dem Gewinn des Achtelfinals gegen England. Denn jetzt ist klar: Auch sein Unternehmen hat die 90 Minuten gegen übermächtige Gegner überstanden.

Bellemare konnte vergangenen Mittwoch das tun, an das viele vor einem Jahr nicht mehr geglaubt hatten. Er konnte das allererste Exemplar des neuen Kurz- und Mittelstreckenflugzeugs C-Series an einen Kunden abliefern. In typisch kanadischem Französisch dankte Bellemare vor den geladenen Gästen im Werk in Montreal der Erstkundin Swiss für die Treue über die letzten acht Jahre. Die Unterstützung durch die Schweizer Fluggesellschaft in guten und schlechten Zeiten sei für Bombardier absolut zentral gewesen, um das Ganze auch durchzustehen.

«Kurz vor der Ziellinie»

Vor einem Jahr sah es für Bombardier in der Tat wenig rosig aus. Wegen wiederholter Verzögerungen im Entwicklungsprozess der C-Series von insgesamt zwei Jahren und Kostenüberschreitungen von umgerechnet rund zwei Milliarden Franken drohte dem Traditionskonzern das Geld auszugehen. Schliesslich nahm er von den Kunden ausser Anzahlungen für bestellte Flieger noch nichts ein. Bombardier kam in einen Liquiditätsengpass. Und das verschlimmerte die Situation.

Neue Kunden hielten sich zurück, weil gar nicht sicher war, ob das Flugzeug auch wirklich gebaut würde. «Wir waren kurz vor der Ziellinie», so Bellemare. Aber man habe da noch einen letzten Schub gebraucht, um darüberzukommen. Ein Zeichen, das Vertrauen aufbauen würde. Der Schub kam am Ende in Form von 1 Milliarde US-Dollar, welche die Heimatprovinz Québec einschoss, um das Flugzeug doch noch auf den Markt bringen zu können.

Ein Testflug der C-Series in Zürich vom vergangenen Sommer.

Inzwischen und erst recht nach der offiziellen Übergabe der ersten C-Series an Swiss strotzt man in Montreal wieder vor Zuversicht. «Unsere Konkurrenten haben Angst», ruft Bellemare und spricht damit Airbus und Boeing an, deren Dominanz Bombardier aufbrechen will. Auch bei Swiss ist man erleichtert, dass die Wette aufgegangen ist, und nun sehr zuversichtlich. «Das ist ein tolles Flugzeug», sagt Technikchef Peter Wojahn. Denn die C-Series ist ihre neue Geheimwaffe im Kampf gegen Easyjet und Co.

Ein Viertel einsparen

Hersteller Bombardier listet ein gutes Dutzend an Pluspunkten auf, die ihr neues, offiziell 72 Millionen Dollar kostendes Flugzeug einmalig machen sollen. Für Fluggesellschaften ist es aber vor allem ein Punkt, der zählt. Das Flugzeug verbraucht deutlich weniger Kerosin als andere Modelle. Gegenüber den Jumbolinos, welche die Swiss heute noch auf vielen Strecken einsetzt, beträgt die Einsparung ein Viertel. Im Vergleich zum Airbus A320 beträgt der Kostenvorteil pro Sitzplatz 20 Prozent, und selbst beim modernisierten A320 Neo, welchen Swiss erst in den kommenden Jahren bekommen wird, sind es noch 10 Prozent.

Der Kostenvorteil ist eine wichtige Stärkung im Kampf gegen die Rivalen, die ihre Angriffe auf Swiss zunehmend verstärken. Gestern erst kündigte Easyjet an, die Zahl der Ziele ab Zürich von drei auf sechs zu verdoppeln. Neu fliegt die britische Billigairline ab Spätsommer respektive Herbst nach Amsterdam, Berlin und Lissabon. Es sind klassische Städtereiseziele, die auch Swiss anfliegt. Auch die spanische Vueling hat ihr Billigangebot ab Zürich laufend erweitert. Die Preise werden deshalb weiter sinken. Dank sparsamerer C-Series wird die Swiss im Europaverkehr nun wieder deutlich konkurrenzfähiger.

Nach London City gesetzt

Die Swiss setzt aber noch auf einen anderen Effekt. Die C-Series bietet Passagieren deutlich mehr Komfort. Mehr Platz für Handgepäck, mehr Licht dank grösseren Fenstern oder auch ein breiterer Gang und breitere Sitze – das alles soll wieder mehr Reisende dazu bewegen, mit Swiss zu fliegen statt mit der Billigkonkurrenz. Dies gilt umso mehr für die gut zahlenden Geschäftsreisenden, die etwa in den Jumbolinos wegen des minimalen Stauraums nur wenig Gepäck in die Kabine nehmen können.

Die C-Series ist gerade auch deshalb für die Flüge zwischen Zürich und London City gesetzt – es ist eine klassische Businessstrecke mit einem hohen Anteil an kurzfristig buchenden und daher gut zahlenden Passagieren. Ins britische Bankenzentrum wird das neue Flugzeug ab kommendem Frühjahr fliegen, wenn alle für den schwierig anzufliegenden Stadtflughafen nötigen Bewilligungen erteilt sind. Vorher wird sie ab 15. Juli klassische Ziele wie unter anderem Brüssel, Manchester, Paris, Prag oder Warschau bedienen.

30 neue Flugzeuge

Swiss hat insgesamt 30 C-Series bestellt. Davon entfallen 15 Stück auf die kleinere Version CS-100 mit 125 Plätzen. 10 weitere betreffen die grössere CS-300 mit 145 Sitzen. Bei fünf Exemplaren ist noch unklar, welche Version Swiss wählt. Die Lieferung der CS-100 beginnt jetzt, diejenige der CS-300 im kommenden Jahr. 9 Maschinen kommen dieses Jahr in Zürich an, 10 im Jahr 2017 und 11 schliesslich 2018. Mit der Flottenerneuerung geht auch ein Ausbau einher: 20 Jumbolinos werden durch 30 C-Series mit mehr Plätzen ersetzt. Nun muss Swiss diese nur noch füllen.

Erstellt: 01.07.2016, 10:43 Uhr

Artikel zum Thema

Das bietet das neue Europa-Flugzeug der Swiss

Mitte Juli setzt die Schweizer Airline erstmals ihr neues Kurzstreckenflugzeug im Passagierverkehr ein. Hält der Flieger, was Swiss verspricht? Ein erster Test. Mehr...

Der Swiss-Problemjet wird zum Billigflieger

Die Schweizer Airline kommt äusserst günstig zu ihrem neuen Regionalflugzeug. Das liegt auch an grosszügiger Hilfe. Mehr...

Grosse Hoffnung für Fluglärm-Opfer

Der neue Kurzstreckenjet der Swiss reduziert den Lärmteppich um 70 Prozent. Wenn nun auch die Langstreckenflieger nachziehen, gehört das Lärmproblem bald der Vergangenheit an. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die neue Geheimwaffe gegen Easyjet und Co.

Als erste Fluggesellschaft der Welt besitzt Swiss jetzt eine Bombardier C-Series. 29 weitere folgen. Mehr...

Der Problemjet wird zum Billigflieger

Die Swiss kommt günstig zu ihrem neuen Regionalflugzeug. Auch dank Hilfe durch den kanadischen Steuerzahler. Mehr...

«Gibts günstigere Tickets, Herr Hohmeister?»

Roter Teppich zum neuen Swiss-Jet in Kloten: Bilder, Videos und Expertenstimmen. Mehr...