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Die Raiffeisen-Führung schweigt

Der neue Interimspräsident von Raiffeisen, Pascal Gantenbein, verspricht Aufklärung zu Vincenz’ umstrittenen Geschäften. Fragen dazu wurden am Freitag nicht beantwortet.

Holger Alich, Mario Stäuble
Raiffeisen-Männer im Fokus: Pascal Gantenbein, Patrik Gisel und Johannes Rüegg-Stürm (v. l. n. r.). Foto: Walter Bieri (Keystone)
Raiffeisen-Männer im Fokus: Pascal Gantenbein, Patrik Gisel und Johannes Rüegg-Stürm (v. l. n. r.). Foto: Walter Bieri (Keystone)

Mit fester Stimme erklärte gestern Johannes Rüegg-Stürm vor den Medien die Gründe für seinen Rücktritt als Verwaltungsratspräsident von Raiffeisen Schweiz: Er wolle den Weg freimachen, sodass die Vergangenheit «unbelastet abgeklärt werden kann». Sprachs und verliess den Raum. Kein Wort dazu, dass er erst am letzten Sonntag seine erneute Kandidatur verkündet hatte.

Journalisten, die ihm folgten und nachfragen wollten, wurden von Rita Fuhrer, Ex-Regierungsrätin des Kantons Zürich und Raiff­eisen-Verwaltungsrätin, abgewiesen. Verwaltungsrätinnen, die als Body­guard auftreten, ein plötzlich demissionierender Präsident, der keine Nachfragen duldet: An der Spitze der drittgrössten Bankengruppe liegen die Nerven blank.

Kein Wunder. Seit einer Woche sitzt der langjährige Chef von Raiffeisen Schweiz, Pierin Vincenz, in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm ungetreue Geschäftsbesorgung vor. Er wird verdächtigt, dass er sich bei Zukäufen durch Raiffeisen selbst bereichert hat. Bewiesen ist das nicht. So wie unklar ist, wer alles von Vincenz’ umstrittenen Geschäften wann gewusst hat.

Bei der Medienkonferenz gestern wollte Raiffeisen eigentlich den neuen Interimspräsidenten Pascal Gantenbein vorstellen. Der übte sich in der Pose des Aufklärers: «Wir haben beschlossen, eine externe Partei zu mandatieren, welche die Vorgänge lückenlos aufarbeitet», kündigte er an. Wer das sein soll, steht aber noch nicht fest.

Was hat Gisel gewusst?

Die Fragen drehten sich dann aber nicht um den neuen Präsidenten, sondern darum, ob Patrik Gisel in der Causa Vincenz widersprüchliche Angaben gemacht habe. Denn wenige Stunden vor der Medienkonferenz hatte das Portal «Inside Paradeplatz» Auszüge aus dem Deloitte-Gutachten veröffentlicht, das die Finanzaufsicht Finma bestellt hatte. Passagen dieses Gutachtens ziehen Aussagen von Raiffeisen-Chef Patrik Gisel in Zweifel.

So hatte Gisel gegenüber Redaktion Tamedia erklärt, dass er erst durch die Strafanzeige der Staatsanwaltschaft Zürich erfahren habe, dass Vincenz über verdeckte Treuhandgeschäfte an Investnet beteiligt gewesen sei. Im April 2012 hatte Raiffeisen die Mehrheit an Investnet übernommen. Das Deloitte-Gutachen legt aber den Schluss nahe, dass Gisel mehr gewusst haben könnte.

Peter Wüst habe Vincenz informiert

Demnach habe Gisel selbst die Verhandlungen mit Investnet geführt. Denn sein damaliger Chef, Pierin Vincenz, hatte einen Interessenkonflikt. Der Grund: Beat Stocker, ein enger Vertrauter von Vincenz, war an Investnet beteiligt. Darüber habe Investnet-Gründer Peter Wüst Vincenz informiert, heisst es im Deloitte-Papier. Daher konnte Vincenz den Einstieg von Raiffeisen bei Investnet nicht verhandeln. Gisel sprang ein. «Wir haben keinen Schriftverkehr gefunden, in dem sich Patrik Gisel über den Grund für den Wechsel und die Rolle von Beat Stocker erkundigte», schreibt Deloitte.

Das wirft die Frage auf, ob Gisel nicht schon vor Jahren gewusst hat, dass ein enger Vertrauter von Vincenz im Kapital von Investnet an Bord war. Darauf angesprochen, antwortete nicht Gisel, sondern Gantenbein. Es habe zum damaligen Zeitpunkt keine Anhaltspunkte gegeben, wer in Wahrheit hinter der Transaktion stehe. Aus dem Gutachten sei zudem nur in Teilen zitiert worden. «Die Konklusion des Berichts ist klar, es ist ganz klar eine positive Beurteilung», sagte Gantenbein. Daher habe Gisel das volle Vertrauen des Verwaltungsrats.

«Unsinnige Zahlen»

Merkwürdig ist ferner: Laut dem Gutachten hat Raiffeisen keine vertiefte Prüfung, eine sogenannte Due Diligence, der Investnet-Bilanzen durchgeführt. Dabei hat sich Raiffeisen den Deal rund 100 Millionen Franken kosten lassen. Merkwürdig auch: Im weiteren Zeitverlauf wurden Aktionärsbindungsverträge zwischen Raiffeisen und den Minderheitsaktionären von Investnet geschlossen. Der zweite Vertrag sah Ausstiegsklauseln vor. Laut Gutachten habe Raiff­eisens Finanzmanager Markus Lüthi gewarnt, dass die Bewertungsmethode im zweiten Aktionärsbindungsvertrag «unsinnige Zahlen» generiere. Dennoch haben Gisel und der Ex-Finanzchef Marcel Zoller den Vertrag unterzeichnet.

Keine Bilanzprüfung? Interne Warnungen zu den Verträgen? Dazu gab es keine Antworten. Gantenbein verwies auf die laufenden Ermittlungen. Gisel selbst flüchtete sich in Galgenhumor. Angesprochen auf das Gutachten, meinte er nur: «Sie sollten nicht alles lesen.»

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