Die SBB müssen ihre Vorrangstellung ausbauen

Die Zukunft der Mobilität in der Schweiz hängt davon ab, wie schnell die SBB aus dem Krisenmodus finden.

Die SBB haben – trotz aktuellem Krisenumfeld – eine einmalige Chance, an der Mobilität der Zukunft zu schrauben. Foto: iStock

Die SBB haben – trotz aktuellem Krisenumfeld – eine einmalige Chance, an der Mobilität der Zukunft zu schrauben. Foto: iStock

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Der Wechsel an der Spitze der SBB wirft ein neues Licht auf einen Konzern, der stark in der öffentlichen Kritik steht. Es ist zu hoffen, dass unter dem neuen Chef, Vincent Ducrot, endlich Ruhe einkehrt. Das wird helfen, den Blick in die Zukunft zu richten. Denn unter Ducrot – und vor allem auch unter seinem Nachfolger, seiner Nachfolgerin – wird sich entscheiden, welche Rolle die Bundesbahnen in Zukunft spielen. Klar ist: Die SBB werden noch wichtiger,als sie es heute schon sind.

Der öffentliche Verkehr im Allgemeinen und die Eisenbahn im Speziellen haben deutlich an Bedeutung gewonnen. Bahnhof oder Tramhaltestelle in unmittelbarer Nähe zu haben, hat sich zu einem entscheidenden Faktor etwa bei der Wohnungssuche entwickelt. Nähe beziehungsweise Verfügbarkeit ist ein Hauptargument, warum Menschen vom Individualverkehr zum öffentlichen Verkehr wechseln oder sich gar nicht erst ein Auto zulegen. Folgerichtig stieg der Anteil der Pendler in den vergangenen drei Jahrzehnten an. 7 von 10 Arbeitstätigen gehen ausserhalb ihrer Wohngemeinde einer Arbeit nach, vor dreissig Jahren waren es noch weniger als 6 von 10.

Das bringt das Verkehrssystem der Schweiz unter Druck. Strassen sind auf etlichen Strecken notorisch verstopft, und auch das Schienennetz stösst an seine Grenzen. Der Grund: Jahr für Jahr wird das Bahnangebot ausgebaut, mehr Züge sind auf dem Netz unterwegs. Je enger getaktet der Fahrplan ist, desto grössere Auswirkungen haben Verspätungen auf das gesamte System.

«Im Kampf gegen Umweltverschmutzung, Verkehrslärm und sinnfrei im Stau verbrachte Stunden könnte die Bahn die Lösung sein.»

Gleichzeitig müssen die SBB verpasste Reparaturen an der Infrastruktur nachholen, was den Betrieb zusätzlich stört. Das alles führt zur momentanen Pünktlichkeitsbaisse der SBB – und zu steigendem Unmut unter den Pendlern.

Im Kampf gegen Umweltverschmutzung, Verkehrslärm und sinnfrei im Stau verbrachte Stunden könnte die Bahn die Lösung sein. Doch der dringend nötige Ausbau kostet Milliarden und ist nicht von heute auf morgen realisierbar. In diesem Jahr hat das Parlament einem Ausbau des Schienennetzes zugestimmt: Fast 13 Milliarden Franken werden bis 2035 investiert. Das Schweizer Schienennetz ist an einem Punkt angelangt,an dem deutliche Verbesserungen nur noch mit sehr viel Geld möglich sind. Die Neat, der letzte grosse Wurf, kostete über 20 Milliarden Franken.

Nötig wären auch Verbesserungen auf der Ost-West-Achse, doch auch die sind teuer und wohl nur punktuell möglich. Die Alternative, eine gänzlich neue Strecke durchs Mittelland zu ziehen, ist zwar visionär, aber utopisch. Allein der Widerstand in der Bevölkerung wäre heftig, die Kosten ebenfalls.

«Die Digitalisierung ist noch weit davon entfernt, dass Effizienzgewinne im grossen Stil möglich wären.»

Die Hoffnungen ruhen deshalb auf der Digitalisierung. Sie soll es ermöglichen, dass mehr Züge gleichzeitig auf den Schienen unterwegs sind. Die Idee dahinter ist nicht neu. Die ICN-Züge zur Expo.02 waren Ausdruck dieser Bestrebung: Die Neigetechnologie ermöglichte schnelleres Fahren auf kurvenreichen Strecken. Dasselbe war bei der Bestellung der neuen Doppelstöcker der Hintergrund. Es wurden spurtstarke Züge mit Wankkompensation bestellt, mit denen das bestehende Netz besser ausgelastet werden kann. Denn neues Rollmaterial ist günstiger als ein Ausbau der Infrastruktur.

Allerdings: Die Digitalisierung ist noch weit davon entfernt, dass Effizienzgewinne im grossen Stil möglich wären. Immerhin hat die Branche das erkannt und arbeitet gemeinsam am techno-logischen Fortschritt.

«Selbst simple Sharing-Angebote wie E-Scooter bleiben der Bevölkerung von grösseren Städten vorbehalten.»

Der zweite Mobilitätstraum heisst «Mobility as a Service». Die Idee dahinter: den Individualverkehrzu reduzieren, indem verschiedene andere Verkehrsmittel flexibel und einfach kombiniert werden. Das eigene Auto hätte ausgedient, an Bedeutung gewinnen würden Sharing-Angebote. Das funktioniert in Städten wie Helsinki bereits. Ausserhalb der Zentren sind solche Ideen bisher aber nicht umsetzbar. Selbst simple Sharing-Angebote wie E-Scooter bleiben der Bevölkerung von grösseren Städten vorbehalten.

Dass also gerade auf dem Land «Mobility as a Service» den Individualverkehr ablöst, ist kurz- bis mittelfristig unrealistisch. Dort wird der Fokus auf einem stärker ausgebauten öffentlichen Verkehr liegen.

Das alles zeigt, dass die SBB, trotz momentanem Krisenmodus, eine einmalige Chance haben: Sie können in einem Umfeld, das ihnen sowohl politisch wie auch gesellschaftlich grundsätzlich wohlgesinnt ist, an der Mobilität der Zukunft schrauben. Die Führungsrolle müssen die SBB verstärkt ausüben – ohne dabei Innovation aus der Privatwirtschaft oder von anderen Bahnen abzuwürgen. Damit wir uns künftig effizienter, umweltfreundlicher und raumschonender fortbewegen.

Erstellt: 13.12.2019, 21:30 Uhr

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