Die SBB sind im Krisenmodus

SBB-Chef Andreas Meyer versucht mit viel PR aus den Negativschlagzeilen zu kommen und zeigt sich resistent gegen Kritik.

Er sieht sich nie als Teil des Problems, sondern als Lösung: SBB-Chef Andreas Meyer. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eigentlich wäre für Andreas Meyer jetzt ein guter Zeitpunkt, seinen Abgang vorzubereiten. Denn läuft alles normal, sollten bis zum Fahrplanwechsel im Dezember weitere der verspäteten Doppelstöcker im Einsatz stehen. Der Ausbau der Nord-Süd-Achse ist weit fortge­schritten. Der neue Zug für die Verbindungen in den Süden – der Giruno von Stadler – erweist sich bisher als Erfolg. Der künftige Ausbau des Schienennetzes für fast 13 Milliarden Franken ist widerstandslos durchs Parlament gekommen. Der Streit um die Fernverkehrskonzession mit der BLS ist ad acta gelegt.

Hoffnung gibt es auch beim Sorgenkind SBB Cargo. Dort machen nun private Transporteure mit, und ein McKinsey-Mann übernimmt den Posten an der Spitze des Verwaltungsrats. Der Neue ist ehemaliger Berater von SBB Cargo. Somit ist auch das Erbe von Meyer – der sich dagegen sträubte, seinen Posten im Verwaltungsrat aufzugeben – bei der Cargo-Tochter gesichert.

 Der Reputationsverlust steigt mit jeder weiteren Meldung zu den Unglückswagen, mit jeder Verspätung, mit jeder Kleinigkeit, die die SBB nicht auf die Reihe kriegen.

Alles wäre aufgegleist, der 58-jährige Meyer könnte sich zurückziehen und einer ruhigeren Zeit in den Verwaltungs­räten dieser Nation entgegenschauen. Mitnichten wäre alles gut. An anderen Fronten gibt es weiterhin Probleme: Bei Lokführern und Rollmaterial gibt es zum Beispiel keine Reserven, die Pünktlichkeit auf einzelnen Strecken lässt zu wünschen übrig. Aber es wäre für Meyer zumindest ein einigermassen positiver Abschluss im Bereich des Möglichen gelegen.

Doch dann passierte Anfang August der tödliche Unfall eines Zugbegleiters in Baden. Seither befinden sich die SBB im Krisenmodus, Meyer in­klusive. Der Reputationsverlust steigt mit jeder weiteren Meldung zu den Unglückswagen, mit jeder Verspätung, mit jeder Kleinigkeit, die die SBB nicht auf die Reihe kriegen. Und solche Meldungen kommen fast im Tagesrhythmus.

Die Reaktion der SBB auf die Krise: Statt von Anfang an transparent über die Probleme zu informieren, wirft man die PR-Maschinerie an. Seit das Bundesamt für Verkehr Massnahmen wegen der defekter Türen angekündigt hat, verschickten die SBB ein gutes Dutzend Mitteilungen an die Medien, mehrere Pressekon­ferenzen fanden statt. Und dies innerhalb von wenigen Tagen.

Der Plan ist offensichtlich

Der Inhalt dieser Veranstaltungen und Meldungen bewegte sich teilweise zwischen null Neuigkeitswert bis zu eigentlichem Grössenwahn: So wurde, um die Partnerschaft mit der Südostbahn zu symbolisieren, ein Zug präsentiert, der bereits seit längerer Zeit fährt; eine neue App lanciert, die «ein Angriff auf das Silicon Valley» sein soll; oder die Digitalisierung als Heilmittel für eine bevorstehende Pensionierungswelle präsentiert.

Auch wenn einiges davon schon vor dem Unfall geplant war: Die Absicht, mit Good News die Bad News auszu­gleichen, ist augenfällig. Die Abschlussmeldung der SBB zu den Mängeln an den Türen des Unglücks­wagens hat denn auch nicht mehr zu grossen Diskussionen geführt. Zu viel ist in den letzten Tagen und Wochen bereits passiert. Dabei sind die Resultate fatal. An 69 Türen fanden die Techniker der SBB sicherheitsrelevante Mängel. Die Bundesbahnen müssen sich deshalb der Frage stellen, ob sie genug gemacht und vor allem genug früh reagiert haben.

Bisher zeigte sich Meyer re­sistent gegen Kritik, sieht sich weiterhin als die Lösung.Source

Was auffällig ist: Meyer legte in den letzten Wochen mit seinen Auftritten einen wahren Marathon hin. Er war bei der Vorstellung der ihm persönlich wichtigen «Angriff auf das Silicon Valley»-App dabei, ebenso bei der Vorstellung des SOB-Zuges, der schon länger fährt, oder auch bei der Prä­sentation der neuen SBB-Cargo-Partner.

Meyer spricht dort, wo er die Bedingungen bestimmen und Good News verbreiten kann. Dafür schickte er dort, wo es hätte heikel werden können, andere vor. Im «Club» des Schweizer Fernsehens liess er sich von seiner Kommunikationschefin Kathrin Amacker vertreten. Bei der Präsentation der Sofortmassnahmen be­züglich der Türprobleme trat Linus Looser auf, der Chef der Bahnproduktion, der prompt mit einer Äusserung die SBB-Mitarbeiter verärgerte. An der Beerdigung des Zugbegleiters war die Nummer 2, Toni Häne, vor Ort. Meyer selber fehlte.

Bisher zeigte sich Meyer re­sistent gegen Kritik, sieht sich weiterhin als die Lösung. Die Halbjahreszahlen, die heute präsentiert werden, dürften an seiner Position nichts ändern. Grosses politisches Aufbe­gehren, bei einem Bundes­betrieb durchaus möglich, ist derzeit ebenso nicht zu sehen. Meyer sitzt also weiterhin fest auf seinem Posten.

Erstellt: 03.09.2019, 20:35 Uhr

Artikel zum Thema

«SBB-Management soll endlich seine Hausaufgaben machen»

Das Kader der Bahn hat vor der Verkehrskommission in Bern antraben – und viel Kritik einstecken – müssen. Mehr...

BLS und SBB einigen sich im Fernverkehr

Die Privatbahn wird ab kommenden Dezember drei Strecken im Fernverkehr unter der SBB-Konzession betreiben. Mehr...

Vier private Partner für SBB Cargo

Mehr Kooperation statt Konkurrenz: Im Güterverkehr kommt es zu einer neuen grossen Partnerschaft. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Willkommen auf dem E-Bauernhof

Im Jahr 2050 gilt es, 9,8 Milliarden Menschen zu ernähren. Somit muss bis dann die Nahrungsmittelproduktion weltweit um 70 Prozent erhöht werden.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Fliegende Körner: Ein Bauer erntet Reis auf einem Feld in Nepal. (15. November 2019) A farmer harvests rice on a field in Lalitpur, Nepal November 15, 2019.
(Bild: Navesh Chitrakar ) Mehr...