«Die Streiks sind beste Werbung für Busse und Mitfahrclubs»

Erst streikten die Lokführer, dann die Piloten: In Deutschland ging in den vergangenen Tagen fast nichts mehr. Doch einige rieben sich darüber die Hände – auch in der Schweiz.

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In Deutschland ging für Reisende diese und letzte Woche nicht mehr viel: Die Deutsche Bahn (DB) war am Mittwoch und Donnerstag sowie von Samstag bis Montag lahmgelegt wegen eines Lokführerstreiks. Auch Schweizer Reisende waren betroffen. Kaum war damit am Montagmorgen Schluss, legten die Lufthansa-Piloten ihre Arbeit nieder. Hunderttausende Passagiere waren vom zweitägigen Streik betroffen.

Doch des einen Leid ist des anderen Freud: Die deutschen Fernbusanbieter Mein Fernbus und Flixbus, die auch diverse Schweizer Städte anfahren, hatten «ein Rekordwochenende», wie die Sprecher auf Anfrage mitteilen. Die Unternehmen verdreifachten ihre Umsätze im Vergleich zu durchschnittlichen Wochenenden. Um der massiven Nachfrage nachzukommen, organisierten sie vorsorglich Zusatzbusse von Partnerunternehmen, nachdem die Streiks in den Medien angekündigt worden waren.

«Reisende in Zusatzbussen mussten teilweise allerdings auf unsere üblichen Komfortstandards verzichten», sagt Flixbus-Sprecherin Bettina Engert. «So fehlte zum Teil das Internet an Bord. Aber angesichts der Streiksituation waren die Gäste einfach froh, dass sie sicher von A nach B reisen konnten.» Besonders gut nachgefragt waren bei Flixbus Strecken wie Zürich–Frankfurt, Berlin–Hamburg oder München–Essen. «Zwischen Zürich und Frankfurt wurde das Angebot mittels Doppeldecker ebenfalls aufgestockt», so Sprecherin Engert. Auch Mein Fernbus verzeichnete mehr Gäste zwischen Zürich und München; genaue Zahlen nennt Sprecherin Marie Gloystein nicht.

Viele Neukunden gewonnen

Ein weiterer Profiteur ist der Deutsche Automobil-Club (ADAC), der mit dem ADAC-Postbus ebenfalls einen Fernbusservice anbietet. «Die Nachfrage ist in der Streikzeit um bis zu 50 Prozent gestiegen», sagt Sprecher Andreas Hölzel auf Anfrage. Seit August 2014 bedient der ADAC-Postbus auch die Strecke Zürich–Frankfurt. Wie sich dort die Nachfrage während der Streiktage verändert hat, kann Hölzel nicht beziffern, weil es wegen des kürzlich erfolgten Betriebsstarts noch zu früh sei.

Die Sprecher von Flixbus und ADAC bestätigen: «Wir profitieren auch langfristig von der Arbeitsniederlegung bei der DB und Lufthansa.» Man gewinne viele Neukunden, weil sie das Fernbusangebot nun ausprobiert hätten, so Bettina Engert von Flixbus. ADAC-Sprecher Hölzel ergänzt: «Die Streiks sind beste Werbung für Busse und Mitfahrclubs.»

In der Tat haben auch die Anbieter von privaten Fahrgelegenheiten einen Aufschwung erlebt: Beim Münchner Mitfahrnetzwerk Carpooling.com, zu dem auch die Schweizer Website Mitfahrgelegenheit.ch gehört, verzeichnete man doppelt so viele Fahrgäste wie an anderen Wochenenden. Laut Sprecher Simon Baumann wurden viele Autos mit mehr als einem Gast gefüllt. Auch die Anzahl Fahranbieter sei während der Streiktage deutlich angestiegen, weil sie ihr eigenes Auto als Alternative zur Bahn oder zum Flugzeug wählten. «Aus der Schweiz besonders gefragt waren Autofahrten ab Zürich und Basel jeweils nach Stuttgart oder München», so Baumann.

Trotzdem kein Chaos auf den Strassen

Der Ausstand der Deutschen Bahn und der Lufthansa sorgte auch bei den Autovermietern für zusätzliche Kundschaft, wie das deutsche «Handelsblatt» berichtet. Die Firma Sixt, die für freche Werbung bekannt ist, bedankte sich mit einer «Liebeserklärung» bei der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL): «HDGDL, GDL!» Diese SMS-Abkürzung heisst: Hab dich ganz doll lieb, GDL!

Weil auf der Schiene und in der Luft nicht viel los war, rechnete man beim ADAC mit viel Ausweichverkehr auf die Strassen, wie Sprecher Hölzel ausführt. «Schlussendlich war der Verkehr zwar dichter, aber das Chaos blieb aus.» Wie an anderen Wochenenden in den Herbstferien seien einige längere Staus entstanden, das sei normal. Das ausbleibende Chaos erklärt sich Hölzel damit, dass sich die Automobilisten wegen drohender Staus zu anderen Zeiten auf den Weg machten.

Vorsorglich nicht mehr Lufthansa buchen

Die SBB verzeichnete ebenfalls mehr Zustrom. Sie bietet mit der Deutschen Bahn in Ergänzung zum Zug Busse zwischen Zürich und München an, bis der Abschnitt Lindau–München elektrifiziert ist. Diesen Busbetrieb nutzten am letzten Wochenende mehr Personen als an anderen Wochenenden, wie Sprecherin Franziska Frey auf Anfrage sagt. Im Zugbetrieb seien «erhebliche operative Zusatzaufwände entstanden, etwa das Bereitstellen von Ersatzzügen für die betroffenen Verbindungen innerhalb der Schweiz sowie Mehraufwand im Bereich Kundeninformation und Personalplanung.

Was für die einen ein Gewinn ist, bedeutet für die anderen einen Verlust: Die Deutsche Bahn beziffert den wirtschaftlichen Schaden durch den Lokführerstreik auf eine zweistellige Millionenhöhe. Zudem mussten Tickets rückerstattet sowie Hotels und Taxifahrten bezahlt werden. Und Sprayer besprühten zahlreiche S-Bahn-Waggons, allein 69 in Berlin. Auch in Hamburg und Leipzig habe es solche Vorfälle gegeben, berichtet das «Handelsblatt».

Bei der Lufthansa wird der finanzielle Schaden durch die jüngsten Pilotenstreiks auf rund 36 Millionen Franken geschätzt. Weil dies dort der achte Ausstand dieses Jahres ist, dürften sich die Schäden laut Analysten auf insgesamt 120 Millionen Franken belaufen. Vom Rufschaden ganz zu schweigen: Genervte Kunden könnten ihre Reisen vorsorglich bei anderen Anbietern buchen, erwarten Branchenexperten.

Erstellt: 23.10.2014, 18:54 Uhr

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