Die Strommanagerin, die sich gegen staatliche Eingriffe wehrt

Suzanne Thoma hält als BKW-Chefin den Berner Stromkonzern erfolgreich im Geschäft. Im Gegensatz zu Alpiq und Axpo schüttet die BKW weiterhin Dividenden aus.

Verteidigt eisern ihre Strategie: Suzanne Thoma. Foto: Fabian Unternährer (13 Photo)

Verteidigt eisern ihre Strategie: Suzanne Thoma. Foto: Fabian Unternährer (13 Photo)

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Ihr allererstes Geld, sagte Suzanne Thoma einmal dem Fernsehen SRF, habe sie verdient, indem sie die Schuhe ihrer Familie geputzt habe. 20 oder 50 Rappen pro Paar habe das eingebracht. Und schon damals sei sie «sehr interessiert an Umsatzsteigerungen» gewesen. Sie habe deshalb dieselben Schuhe manchmal zweimal geputzt. Ihre Eltern und vor allem ihr Grossvater hätten dann so getan, als würden sie es nicht merken.

Heute ist Thoma Chefin des Berner Energiekonzerns BKW. Für ihre Arbeit wird sie besser entschädigt als damals: 1,3 Millionen erhielt sie letztes Jahr – jedes Jahr seit ihrem Amtsantritt sind es etwa 100'000 Franken mehr geworden. Und an Umsatzsteigerungen ist sie nach wie vor interessiert. Weniger hingegen an Einmischungen von Politikerinnen und Politikern in ihr Geschäft.

Vor kurzem sprach sie in der Westschweizer Zeitung «Le Matin Dimanche» Klartext: Sie würde es begrüssen, wenn der Kanton Bern seinen 53-Prozent-Anteil an der BKW verkaufen würde. Der Grund: Weil der Kanton das Kapital kontrolliere, hätten einige Politiker die Hoffnung, die Strategie der BKW kontrollieren zu können.

Fest im Sattel

Wer eine solche Aussage macht, muss fest im Sattel sitzen. Sich gegen den Hauptaktionär zu stellen, kann einen schon mal den Job kosten. Geschichten von Investoren, die einen nicht länger genehmen Chef aus dem Amt beförderten, gibt es genug. Doch der Kanton ist kein gewöhnlicher Investor. Er scheint von Thoma keine Loyalitätsbekundungen zu verlangen. Da die BKW im Gegensatz zu den Konkurrenten Alpiq und Axpo weiterhin Dividenden ausschüttet, kann er sich als Investor nicht beklagen.

Einige Politiker tun es dennoch: Vertreter des Gewerbes kritisieren den Vorstoss des Energiekonzerns in den privatwirtschaftlichen Dienstleistungsbereich. Grünliberale und Grüne schlagen vor, das Unternehmen aufzuspalten und nur die Stromleitungen und Kraftwerke in Kantonsbesitz zu behalten. Grüne und Bauernvertreter kritisieren den niedrigen Preis, zu dem die BKW Solaranlagenbesitzern Strom abkauft.

Wenn solche Kritik an sie herangetragen wird, muss Suzanne Thoma nicht lange überlegen. «Die BKW ist ein betriebswirtschaftlich geführtes Unternehmen», sagt sie. «Wir sind unseren Aktionären verpflichtet, unseren Mitarbeitern und der Zukunft dieses Unternehmens.» Mit den Aktionären meint sie nicht nur den Kanton, sondern vor allem auch die anderen, die ihre BKW-Aktien als Investment gekauft haben. «Förderung ist ein politisches Thema», sagt sie. Wenn der Kanton Solaranlagen stärker subventionieren wolle, könne er das mittels Steuergeldern tun. Aber nicht, indem er die BKW drängt, höhere Preise für Solarstrom zu bezahlen.

Die Energiebranche ist in der Schweiz politisiert wie kaum eine andere Branche. Dies, weil viele Elektrizitätsunternehmen teilweise der öffentlichen Hand gehören, weil Strom ein Grundversorgungsprodukt ist, an dessen ausreichender Bereitstellung der Staat ein Interesse hat, und weil Kraftwerke mitunter grosse Auswirkungen auf die Umwelt haben.

Die Energiebranche ist politisiert wie kaum eine andere Branche.

Wo Thoma zuvor arbeitete, war das anders: Beim Rapperswiler Industriekonzern Wicor leitete sie jene Sparte, die Autohersteller mit Kunststoffteilen beliefert. Die Allschwiler Rolic, deren Chefin sie während fünf Jahren war, entwickelte eine Technologie, die für Bildschirme oder für fälschungssichere Elemente auf Banknoten verwendet wird. Es sind Branchen, deren Produkte zu spezifisch sind, als dass sich Politik oder Öffentlichkeit dafür interessierten.

Suzanne Thoma kam zu ihrem Job als BKW-Chefin, indem sie sich auf ein öffentliches Inserat bewarb. Sie war damals Leiterin der Netzsparte der BKW und setzte sich unter hundert Bewerbern durch. Schon bevor feststand, dass sie es werden würde, schrieben Medien, der oder die Neue werde politisches Gespür brauchen.

Thoma denkt durchaus politisch. Sie war früher einmal Vorstandsmitglied der FDP Basel-Stadt. Dass sie die Unternehmensstrategie eisern befolgt, auch wenn sich Politiker von links und rechts beschweren, ist Ausdruck davon, dass sie Staat und Markt strikt trennen will.

Das führt gelegentlich zu eher bizarren Situationen: etwa wenn Atomkraftgegner Thoma zu einer ihrer Galionsfiguren erklären wollen, weil sie Mühleberg 2019 abschaltet. Sie selber beharrt aber darauf, dass der Entscheid rein betriebswirtschaftliche Gründe habe. Oder wenn sie sagt, sie sei eigentlich gegen Subventionen, aber ihr Unternehmen werde die neu gesprochenen Subventionen für die Grosswasserkraft dann schon nehmen.

Gegen Subventionen

Diese Haltung zeigt sich auch daran, dass sie 2015 den früheren Avenir- Suisse-Mann Urs Meister einstellte. Dieser entwarf in der Folge den Vorschlag eines Marktmodells, bei dem Stromkonzerne nicht mittels Subventionen am Leben erhalten werden, sondern für ihre Leistungen bezahlt werden. Zum Beispiel dafür, dass sie Produktionskapazitäten für mögliche Stromknappheiten im Winter bereithalten.

Dass Thoma ihrem Hauptaktionär die kalte Schulter zeigt, mag manche brüskieren. Für sie ist es nur konsequent. Für politische Ziele wie die Umsetzung der Energiestrategie ist aus ihrer Sicht die Politik zuständig. Sie ist dafür zuständig, dass das Unternehmen BKW eine Zukunft hat. Und wenn ihr dabei die Kantonsbeteiligung hinderlich ist, weil die Politik sie bei der Umsetzung ihrer Strategie bremst, dann verzichtet sie gerne darauf. Oder wie sie es formuliert: Die BKW brauche einen langfristig orientierten Ankeraktionär. Das müsse nicht unbedingt der Kanton sein.

Prägende Erfahrung bei Ciba

Ihre erste Stelle nach der Ausbildung zur Chemieingenieurin an der ETH Zürich trat Thoma 1990 bei der Ciba-Spezialitätenchemie in Basel an. Die Firma verlor in den Folgejahren den Anschluss an die Neuerungen in der Branche. Diese Erfahrung prägte Thoma. Es sei nicht leicht gewesen, mit anzusehen, wie der Konzern immer mehr unter Beschuss geraten sei, sagte sie der «Unternehmerzeitung». Sie habe sich geschworen, ein solches Szenario für die BKW nicht zuzulassen.

Bisher scheint dies zu gelingen. Die BKW wächst und schreibt Gewinne. Auch dank den zugekauften Dienstleistungsunternehmen. «Kraftwerke waren in den Nullerjahren Gelddruckmaschinen», sagte Suzanne Thoma letzten Sommer in einem Interview. Wie viel ein Kraftwerk einbringe, hänge aber primär vom Strompreis ab. Und dieser könne auch einmal sinken. «Wenn man im Strommarkt tätig ist, muss man dieses Risiko berücksichtigen.» Dafür ist Thoma bereit, auch Entscheide zu fällen, die der Politik nicht gefallen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.10.2017, 19:36 Uhr

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