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Die Tage der Automaten sind gezählt

Bahn- und Busunternehmen arbeiten fieberhaft an einer Lösung, die den Ticketkauf am Bahnhof künftig überflüssig macht.

Billettautomaten am Zürcher Hauptbahnhof: Für die Branche ist diese altmodische Art des Ticketverkaufs schlicht zu kostenintensiv. Foto: Pascal Mora (Keystone)
Billettautomaten am Zürcher Hauptbahnhof: Für die Branche ist diese altmodische Art des Ticketverkaufs schlicht zu kostenintensiv. Foto: Pascal Mora (Keystone)

In Freiburg kaufen junge ÖV-Nutzer kaum mehr Billette am Automaten. Sie tippen eine dreistellige Telefonnummer in ihr Handy und einen Code, zum Beispiel «10» für Zone 10, und erhalten die Fahrkarte aufs Handy geschickt. Wer ein Halbtax-Abo besitzt, schickt den Code «10R», R steht für Halbtax. «J10» ist der Code für eine Tageskarte. «J30» ist eine Tagekarte für die Vorortsgemeinden.

Treibende Kraft dahinter sind die dortigen Verkehrsbetriebe TPF. Sie waren auch die Ersten, die 2012 das SMS-Billett einführten. 2016 waren sie ebenfalls unter den Ersten, die die innovative Billett-App Fairtiq lancierten. Mit dieser App kauft der Kunde mit einem Wisch über den Bildschirm das Ticket, das den besten Preis garantiert und dieses am Ende des Tages von selbst auf der hinterlegten Kreditkarte abrechnet.

Alle machen es Freiburg nach

Der Aufwand hat sich für die TPF ausbezahlt. «Heute verkaufen wir 34 Prozent aller Billette elektronisch», sagt ihr Sprecher, rund 900'000 Tickets jährlich. Dies dürfte Schweizer Rekord sein. Zum Vergleich: Die SBB, die ihre Mobile-App ebenfalls stark forcieren, verkaufen derzeit 19 Prozent per Handy.

Parallel zur Entwicklung haben die TPF die Zahl der Automaten reduziert. «An Haltestellen, wo wenige Billette verkauft werden, haben wir sie abmontiert. Fahrgäste können Tickets beim Chauffeur oder online kaufen.» Einen direkten Zusammenhang mit dem Verkaufserfolg der elektronischen Tickets habe der Abbau nicht, sagt Sprecher Stephane Barbey. Es gebe auch keinen solchen Plan. Vielmehr verfolgten die TPF eine Optimierung von Service und Kosten. Und er sagt ohne Umschweife: «Die Tage der Billettautomaten sind gezählt.»

Das langfristige Ziel aller Anbieter ist, dass möglichstviele Nutzer ihre Billetteonline kaufen.

Nun wollen es alle den Freiburgern nachmachen. Gestern gaben die Grossen der Branche – BLS, SBB und Postauto Schweiz – bekannt, dass ihre neue Test-App Lezzgo Plus sich nicht nur, wie bislang bekannt, auf das Netz der BLS, SBB und mehrerer Verkehrsverbunde erstrecke, sondern «auf die ganze Schweiz». Wie die TPF baute auch die BLS, die Erfinderin von Lezzgo, Automaten ab. Zuletzt auf den Fahrplanwechsel 2015/16. Auch sie sagt, man habe reduziert, weil die Automaten zu wenig genutzt und damit zu teuer gewesen seien. Auch bei ihr können Passagiere die Tickets beim Personal lösen. Doch künftig, so hofft die BLS, kaufen sie Billette online auf Lezzgo.

Nachteil des Lezzgo-Plus-Versuchs: Er ist auf rund 200 Testnutzer beschränkt und funktioniert nur auf iPhones. Kurzfristiges Ziel des Tests sei es, einen Standard zu schaffen, der garantiere, dass alle Apps – es sind mehrere Anbieter am Start – den gleichen Preis verrechneten, den Datenschutz gewährleisteten, die Einnahmen unter den Verkehrsbetrieben gerecht verteilten und überall die gleichen Kontrollen abliefen. Der Test dauert bis September, der Standard soll vom ÖV im Dezember beschlossen sein.

Grafik: Kunden kaufen Billettenoch traditionell

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Das langfristige Ziel aller Anbieter ist, dass möglichst viele Nutzer ihre Billette online kaufen. Damit sollen, so sagen sie, teure Investitionen in Automaten und Apparate verhindert werden. «Wir wollen nicht mehr in teure Apparate in Fahrzeugen investieren», sagte der bei Postauto fürs Dossier zuständige Santiago Garcia gestern. Er meinte damit vor allem die automatische Billetterfassung Bibo (Be-in-be-out).

Einen Versuch mit Bibo hat die Südostbahn (SOB) seit 2014 mit einigen Fahrgästen am Laufen, etwa in Luzern und in St. Gallen und von Einsiedeln nach Zürich. Sie installierte Detektoren beim Einstieg ihrer Züge, die Fahrausweise oder billettfähige Handys der Passagiere automatisch erkennen und den günstigsten Ticketpreis verrechnen. Der Vorgang ist mit dem Abbuchen von vorausbezahlten ÖV-Karten in Metropolen wie London oder Hongkong vergleichbar – nur aufwendiger, weil in der Schweiz zum Perron oder in Bussen keine Billettbarrieren vorhanden sind. Dieses sogenannte offene System, sagen die SOB und viele in der Branche, sei ein Schweizer Vorzug, der unbedingt erhalten bleiben sollte.

Chancenlose Detektoren im Zug

Mit den Billett-Apps ist nun – in der Vorstellung der Branche – eine Lösung auf dem Tisch, die Billettbarrieren überflüssig macht, so das offene Schweizer System beibehält und dennoch den elektronischen Billettkauf ohne teure Installationen – wie bei der SOB – ermöglicht. Die Idee des Bibo, die seit 2006 auch bei den SBB als die Zukunft des elektronischen Ticketings gepriesen wurde und jahrelang durch die Branche geisterte, ist mit Lezzgo und der Konkurrenz-App Fairtiq vom Tisch. Die Siemens als Erfinderin und Lieferantin der Bibo-Geräte gerät damit ins Hintertreffen. Die SOB gibt sich auf Anfrage trotzig: «Wir fahren unsere Tests weiter und sind überzeugt, dass die Technologie Chancen hat und schliesslich derjenige das Rennen macht, der die wirklich zukunftweisende Lösung schafft.»

Mehrere ÖV-Anbieter, darunter die Rhätische Bahn und die Lausanner Transportbetriebe, beschaffen derzeit neue Billettautomaten. Sie dürften bis in zehn Jahre abgeschrieben sein, so der Direktor der Rhätischen Bahn, Renato Fasciati, und dann für immer auslaufen.

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