Verstörende Kommunikation der Credit-Suisse-Chefs

Erst fährt die CS hohe Verluste im globalen Handelsgeschäft ein. Dann sendet sie widersprüchliche Signale, wer dafür verantwortlich ist. Analysten schütteln den Kopf.

Nach aussen gibt sich die CS-Führung geschlossen: CEO Tidjane Thiam (links) und VR-Präsident Urs Rohner. Foto: Bloomberg

Nach aussen gibt sich die CS-Führung geschlossen: CEO Tidjane Thiam (links) und VR-Präsident Urs Rohner. Foto: Bloomberg

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Diese Woche spielte sich selbst für langjährige Profis der Finanzindustrie höchst Ungewöhnliches ab. Die Nachrichtenagentur Reuters machte interne E-Mails von Credit-Suisse-Chef Tidjane Thiam publik, mit dem expliziten Verweis, dass die Information aus dem Unternehmen selbst stammt. Andreas Venditti, Bankenanalyst der Zürcher Vontobel, reibt sich ob dieses Vorgehens die Augen. «Die mediale Ausbreitung interner E-Mails ist ungewöhnlich», sagt Venditti. Die CS wollte auf Anfrage zum jüngsten Sturm rund um die Offenlegung von E-Mails nichts sagen. CS-intern sorgt die Mailaffäre für Gesprächsstoff. Mehrere Gesprächspartner betonten, dass Mitarbeiter, die der Presse Interna zuspielten, hart sanktioniert würden.

Schon in den letzten zwei Wochen hat die CS-Spitze Anleger und Beobachter verwirrt. Vor Ostern schockte CEO Thiam die Öffentlichkeit mit der Nachricht, dass es zu Beginn des Jahres zu weiteren Grossverlusten im weltweiten Handelsgeschäft gekommen sei. Er gab die Schuld Händlern, welche illiquide gewordene Positionen vor ihm und mehreren Kollegen in der neuen Geschäftsleitung verborgen gehalten hätten. Hätte er früher davon erfahren, dann hätte er diese Anlagen «unverzüglich abgebaut», erklärte Thiam in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg. Ein auf die Geschichte angesprochener CS-Sprecher verwies auf frühere Aussagen von Tidjane Thiam, wonach der CEO «erst im Januar das Ausmass der Positionen» erfahren habe und dann «Massnahmen ergriff, um sich dem Thema zu stellen».

Ein tiefer Graben ganz oben in der Bank

Die Reaktion des Publikums auf die überraschenden Informationen des neuen CS-Chefs war kaum so, wie er sich das wohl erhofft hatte. Sofort kam diese Frage auf: Gibt es im weltweiten Investmentbanking der CS dunkle Orte, wo unkontrolliert gigantische Risiken aufgebaut werden können, von denen die Zentrale nichts erfährt? In diesem Fall hätte der Verwaltungsrat ein Problem. Die strategische Oberleitung muss sicherstellen, dass die Bank ein geeignetes Risikosystem installiert hat – und dieses auch funktioniert.

Es war denn auch CS-Präsident Urs Rohner, der diesem verheerenden Eindruck entgegentrat. Vor Wochenfrist äusserte er sich überraschend am Rande einer Veranstaltung, an der es eigentlich um Digital Banking ging, auch zum Milliardenverlust seiner Bank. «Es hat keine Blind Spots gegeben», meinte Rohner, und kommuniziert damit eine andere Position auf als sein CEO. Die Frage sei vielmehr, «wie gewisse Positionen auf einen gewissen Zeitpunkt bewertet werden und für welchen Zeitpunkt welche Positionen wie gemanagt und gehandelt» würden. Die Verwirrung war gross.

Für Analyst Venditti tut sich ein tiefer Graben ganz oben in der Bank auf. «Die widersprüchlichen Aussagen zwischen dem CEO und dem Präsidenten sind ungewöhnlich, weisen auf Differenzen hin und helfen nicht, das Vertrauen der Investoren zu stärken», sagt der Experte. Nach aussen gibt sich die CS-Führung allerdings geschlossen: Präsident Rohner erklärte gegenüber der «Bilanz» unmissverständlich, der CEO sei «genau der richtige Mann».

Das aktuelle Management muss den Kopf hinhalten

An der Börse zeigt sich die Unsicherheit zur Grossbank auch im Aktienkurs. Seit Thiams Verlustankündigung vor zwei Wochen verlor der Titel der Credit Suisse 10 Prozent. Damit nimmt der Niedergang seit letztem Juli, als Thiam das Steuer von seinem Vorgänger Brady Dougan übernommen hatte, mit fast 50 Prozent dramatische Ausmasse an. Die Analysten kommen kaum nach mit der Reduktion ihres Kursziels. Die Investmentfirma Exane BNP Paribas hat die CS-Aktie soeben von neutral auf «underperform» reduziert, sie empfiehlt den Titel damit praktisch zum Verkauf.

Christopher Wheeler, ein Analyst bei Atlantic Equities, einem Broker in London, hält nicht viel vom Argument, die erst seit kurzem inthronisierte CS-Führung trage für die Probleme der Bank keine Verantwortung. Zwar habe Thiams Vorgänger Brady Dougan die Investmentbank nie nachhaltig redimensionieren wollen, was die Aufgabe für dessen Nachfolger in der aktuellen Marktlage erschwere. Doch für schwer verkäufliche Positionen im Handelsgeschäft gebe es immer nur eine Instanz, die verantwortlich sei – das aktuelle Management; egal, wer die Investments zuvor aufgebaut habe oder wer sich im Alltag um sie kümmere. «Jede Managementfibel macht deutlich, dass die neuen Chefs den Kopf hinhalten müssen und so zu ihrer Verantwortung stehen sollen», sagt Wheeler.

Für den Analysten ist klar, dass Thiams Verhalten die Lage der CS, die sich schon durch äussere Umstände verschlechtert hat, noch erschwerte. «Thiam weckte riesige Erwartungen, weil seine Reputation vor einem Jahr beinahe von einem anderen Stern war.» Doch dann hätten zwei Entwicklungen den grossen Hoffnungen auf Thiam einen schweren Dämpfer versetzt. «Kurz nach seiner Ankunft bei der CS sackten die Märkte ab, zudem präsentierte er im Oktober eine Strategie, die einiges an Klarheit vermissen liess.»

Thiams Uhr tickt bereits

Nun ticke bereits seine Uhr. «Thiam muss rasch mit Erfolgsmeldungen punkten», sagt Analyst Wheeler. Aber nicht mit «Nebulösem» auf Papier. «Er braucht in Zahlen messbare Erfolge, die der Verwaltungsrat von seinem CEO nun sehen will.» Das Problem des CS-Chefs sei, dass dies «bei weiterhin brutalen Märkten nicht einfach zu bewerkstelligen» sei. Andreas Venditti von der Vontobel-Bank sieht bereits neue Krisen auf die Bank zukommen. «Die CS wird ihre Risiken weiter abbauen müssen, und das könnte bei schwierigen Marktverhältnissen zu weiteren Verlusten führen.»

Laut Thiams Oster-Ankündigung will die Credit Suisse ihre Gesamtpositionen in der Division Global Markets, also dort, wo die akuten Probleme anfallen, bis Ende 2016 von 380 Milliarden auf noch 290 Milliarden Dollar reduzieren. Die Investmentbank würde verkleinert und mehr auf die Vermögensverwaltung und das Beratungsgeschäft abgestimmt, lautet die Devise. Es ist die gleiche, welche auch schon die UBS gewählt hatte – vor über drei Jahren.

Erstellt: 09.04.2016, 10:20 Uhr

Credit Suisse

Grossaktionäre unterstützen Thiam

Die Credit-Suisse-Grossaktionäre stehen trotz des Einbruchs des Aktienkurses weiterhin hinter dem Kurs der Schweizer Grossbank. «Ich habe mit den meisten Grossinvestoren persönlich Kontakt gehabt», sagte Verwaltungsratspräsident Urs Rohner im Gespräch mit dem am Freitag veröffentlichten Magazin «Bilanz». «Sie unterstützen das jetzige Management und wollen, dass wir an der bekannt gegebenen Strategie festhalten.»

Die grössten Eigner der Bank sind die Qatar Holding und die Olayan Group aus dem Nahen Osten. Obwohl sich CEO Tidjane Thiam nach Handelsverlusten von fast einer Milliarde Dollar zunehmend gegen Kritik wehren muss, setzt Rohner weiterhin auf den Ivorer. Bei seiner Wahl letztes Jahr sei der Verwaltungsrat einstimmig für Thiam gewesen. «Ich würde die Wahl zu 100 Prozent wieder so treffen», sagte der Präsident. «Er ist die ideale Besetzung, um die Bank unter den heutigen Rahmenbedingungen in die Zukunft zu führen.»(Reuters)

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