Analyse

«Die Weichen wurden richtig gestellt»

Die Swisscom hat ein superprofitables Kerngeschäft und einige interessante Projekte. Neben einem Flop im Handybereich bleibt in Italien aber ein grosses Fragezeichen. Eine Bestandesaufnahme.

Wirtschaftlich bleibt der Himmel für die Swisscom blau: Hauptsitz in Bern.

Wirtschaftlich bleibt der Himmel für die Swisscom blau: Hauptsitz in Bern. Bild: Keystone

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«Äusserst erfolgreich», «sehr profitabel», «finanziell gesund»: Mit diesen Attributen beschreiben Wirtschaftsexperten heute die Swisscom. Der Konsens ist, dass die grösste Schweizer Telecomfirma in den letzten Jahren gut gewirtschaftet hat. «Die Weichen wurden richtig gestellt», sagt ein Analyst, der aus gegebenem Anlass lieber ohne Namensnennung bleiben will. Gestern wurde Carsten Schloter, der Chef der Swisscom, tot in seinem Haus aufgefunden, die Polizei geht von einem Selbstmord aus.

Sein Nachfolger übernimmt einen Konzern, der im Heimmarkt eine klare Vormacht innehat. Über 60 Prozent der Schweizer und total 6,3 Millionen Kunden telefonieren mobil über die Swisscom. 1,7 Millionen Haushalte haben einen Breitbandanschluss. Mit den 860'000 Abonnenten von Swisscom TV ist die Firma auch im Wachstumsmarkt des digitalen Fernsehens gut positioniert. Analysten werten Swisscom TV als «Riesenerfolg» – und als Beispiel dafür, wie es dem Unternehmen gelang, Projekte auch nach anfänglichen Schwierigkeiten auf die Siegerstrasse zu führen.

Vormacht im Inland ...

1,7 Milliarden Franken Reingewinn resultierten im abgelaufenen Jahr – nach Prognosen der Bank Vontobel soll dieser Wert bis ins Jahr 2015 unverändert Bestand haben. Seit 2007 ist die Dividende für Swisscom-Aktienbesitzer kontinuierlich gestiegen. Aktuell liegt sie bei 22 Franken, für die Zukunft gilt sie als so gut wie gesichert. «Im europäischen Vergleich ist das die Ausnahme», sagt Analystin Ute Haibach von der Bank J. Safra Sarasin. «Manche Telecomfirmen zahlen aktuell gar keine Dividende.» Dass die Swisscom konstant hohe Dividenden bezahlt, liegt auch an der Macht ihres Hauptaktionärs, des Bundes.

2012 stellte die Swisscom das gängige Bezahlmodell auf den Kopf. Die Tarifstruktur, welche die Swisscom mit den Infinity-Abonnementen einführte, gilt Analysten als Modell der Zukunft. Dort bezahlen Kunden mobile Gebühren nicht mehr in Abhängigkeit der Nutzungshäufigkeit, sondern von der Surfgeschwindigkeit. Die Swisscom-Führung rechnet damit, dass andere Konzerne innerhalb der nächsten drei Jahre mit der Tarifumstellung nachziehen werden. «Wir gehen davon aus, dass nutzungsabhängige Gebühren dann gegen null tendieren», sagte Carsten Schloter im Februar dieses Jahres.

... und Unsicherheit im Ausland

Für Aufsehen sorgte der von Swisscom im Juni lancierte iO-Messenger: eine Gratis-App zum Chatten, die je nach Abotyp auch kostenfreie Telefongespräche ermöglicht. Die Download-Zahlen dazu sind beachtlich, offenbar hält sich aber die Nutzung in Grenzen. «Nach 4 Wochen iO-Messenger stelle ich fest, dass ich diesen Messenger eigentlich nicht brauche», schreibt ein Nutzer im Swisscom-Forum dazu. Laut Analysten wäre ein Flop von iO nicht weiter tragisch, weil Programmierung und Betrieb des Dienstes keine grossen Kostenfaktoren sind.

Zusammen mit weiteren Projekten zeigt iO jedoch, dass die Swisscom nicht vor Innovationen zurückschreckt. Eine Initiative besteht im Energiemarkt, wo die Swisscom ins Geschäft mit der intelligenten Steuerung und Vernetzung von Boilern und Wärmepumpen einsteigen will. Dort lässt sich durch den Kauf und Weiterverkauf von Strom zu Spitzenzeiten Geld verdienen. «Stromnetze weisen Gemeinsamkeiten mit Kommunikationsnetzen auf», sagt ein Analyst dazu. «Das könnte durchaus ein Geschäftsmodell sein.»

Einziger Wermutstropfen der letzten Jahre war die Akquisition von Fastweb im Jahr 2007. Der italienische Breitbanddienstleister mit eigener Glasfaserinfratruktur wurde zu teuer gekauft; 2011 musste auf den Kaufbetrag von 5 Milliarden Franken eine Abschreibung von 1,3 Milliarden Franken vorgenommen werden. Aus heutiger Sicht bleiben beim Engagement in Italien Fragezeichen. Zwar wird der Wert von Glasfasernetzen inzwischen wieder höher eingestuft. Und die Swisscom möchte in Italien bis 2016 rund 400 Millionen Euro investieren. Fastweb bleibe ein zukunftsträchtiges Geschäftsfeld, heisst es dazu. Analystin Ute Haibach geht trotzdem davon aus, dass die italienische Beteiligung übermässig viele Managementressourcen binde. «Falls ein Konkurrent einen interessanten Preis bietet, könnte ein Verkauf Sinn machen», sagt sie.

Erstellt: 24.07.2013, 14:42 Uhr

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