Dann erwähnt er die Geschichte doch noch

Das Raiffeisen-Geschäft floriert trotz der Affäre Vincenz. Das steht für den abtretenden Bankchef Patrik Gisel im Vordergrund – bis ganz zuletzt.

Die Zahlen gut, der Ruf im Keller: Patrik Gisel (mitte) bei seiner letzten Bilanzmedienkonferenz im März 2018.

Die Zahlen gut, der Ruf im Keller: Patrik Gisel (mitte) bei seiner letzten Bilanzmedienkonferenz im März 2018. Bild: Keystone

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Endlich verstummt die Liftmusik. Eine Sprecherin erklärt kurz, wie die Telefonkonferenz ablaufen wird, und dann ist Patrik Gisel dran und begrüsst die Journalisten. Es ist wohl sein letzter Medientermin als oberster Genossenschaftsbanker. 45 Minuten lang erklärt er, wie es der Raiffeisen geht, die jetzt noch seine Bank ist. Er wirkt dabei eine ganze Weile so, als ob nichts geschehen wäre. Das Geschäftsergebnis sei ausgezeichnet, die Erträge würden weiter steigen, das oft infrage gestellte Hypothekenportfolio sei stabil. Dann erwähnt er die Geschichte doch noch. Jene Geschichte, die letztlich zu seinem Abgang beigetragen hat. Das Strafverfahren der Bank gegen seinen Vorgänger Pierin Vincenz. Die Kritik der Finanzmarktaufsicht (Finma), weil die interne Kontrolle schwere Mängel aufwies.

Das schwierige Ende einer Geschichte, die eigentlich das Potenzial zu einer Erfolgsgeschichte hatte. Unter Vincenz und Gisel wurde Raiffeisen zur drittgrössten Bank des Landes. Vincenz, der einnehmende und atypische Vorzeigebanker; Gisel, der ambitionierter Hobbysportler und Informatikexperte. Unterschiedliche Typen, die sich gut verstanden. Sie prägten fast zwei Jahrzehnte lang den Kurs der Genossenschaftsbank. Vincenz war von 1999 bis 2015 der Chef von Raiffeisen. Gisel war 13 Jahre lang seine rechte Hand und wurde vor drei Jahren sein Nachfolger. Zusammen führten sie die Bank von Erfolg zu Erfolg.


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Das dunkle Kapitel

Die Anzahl der Genossenschafter kletterte von 1,1 auf 1,9 Millionen. Der Jahresgewinn verdoppelte sich, die Bilanzsumme nahm rasant zu. Der Anteil am Hypothekengeschäft wuchs auf Kosten der Konkurrenten, die oft über die hemdsärmeligen Bauernbanker schnödeten. Intern sorgte die Expansion in neue Geschäftsbereiche – Vermögensverwaltung für Grosskunden, Private Banking – für Widerstand. Die Genossenschafter glaubten, dass sich die Bank verzetteln würde und sich die teuren Übernahmen nicht lohnten. Richtig ernst nehmen musste die Raiffeisen-Spitze um Vincenz oder Gisel die Kritik aber nicht – solange alles rund lief.

Das änderte sich rasant und nachhaltig – als es in den Schlagzeilen nicht mehr um Jahresgewinne und Bilanzsummen ging. Sondern um einen Chef hinter Gittern. Vincenz und Gisel stehen für das dunkelste Kapitel der Raiffeisen-Geschichte. Vincenz wird von der Zürcher Staatsanwaltschaft ungetreue Geschäftsbesorgung vorgeworfen, sie bereitet derzeit die Anklage vor. Vincenz soll angeblich bei Firmenübernahmen der Kreditkartengesellschaft Aduno und einer Raiffeisen-Tochter persönlich abkassiert haben. Abgeklärt wird auch, wieso hohe Spesen ohne ausreichende Belege ausbezahlt wurden. Vincenz bestreitet die Vorwürfe. Gegen Gisel wird nicht ermittelt.

Wichtige Genossenschafter trauten ihm sogar zu, die Missstände aufzuarbeiten und die Krise zu überstehen. Doch die Nähe zu seinem Vorgänger wurde ihm zum Verhängnis. Zu ihm tauchten keine heiklen Details auf. Aber der Verdacht, dass er eben doch etwas von den Machenschaften gewusst haben könnte, belastete ihn – auch wenn er stets das Gegenteil beteuerte. Ebenfalls schlecht kam es an, dass er Geschäftsreisen mit seinem Flieger antrat und diese als Spesen abrechnete. Er verkündete im Juli seinen Abschied auf Ende Jahr.

Die Affäre forderte bei der Bank zahlreiche Köpfe, darunter den des ehemaligen Präsidenten des Verwaltungsrates, Johannes Rüegg-Stürm. Gleich mehrere Schlüsselpositionen sind neu zu besetzen. Noch bevor der neue Chef eingesetzt wird, soll ein neuer VR-Präsident gefunden werden. Im November sollen die Delegierten den neuen Präsident und vier bis fünf neue Verwaltungsratsmitglieder wählen. Das Gremium wäre dann komplett.

In der Branche werden einige Namen herumgereicht, die für den Posten des Verwaltungsratspräsidenten infrage kommen. Dazu gehören etwa Hans-Ulrich Meister, der Präsident des Baukonzerns Implenia und einstige Spitzenbanker der Credit Suisse, Urs Rüegsegger, der Ex-Chef der Schweizer Börse SIX, und Roland Ledergerber, der Chef der St. Galler Kantonalbank. Auch der frühere Swiss-Life-Chef Bruno Pfister wurde schon genannt, oder Stefan Loacker, Ex-Chef beim Versicherer Helvetia, der jetzt bei Swiss Life im Verwaltungsrat sitzt. Der Kandidat soll in den nächsten Wochen gekürt werden.

Von der Personalie des Präsidenten hängt auch ab, wer für den Chefposten infrage kommt. Branchenkenner glauben, Patrick Führer könnte ein Kandidat sein. Der Ex-Chef der einstigen Raiffeisen-Tochter Notenstein kennt die Bank gut, zudem gilt sein Verhältnis zu Vincenz als kühl – derzeit sicher kein Nachteil. Oft fällt auch der Name von Antoinette Hunziker-Ebneter, Präsidentin der Berner Kantonalbank.

An der kommenden Delegiertenversammlung soll auch noch ein neues Vergütungsmodell vorgestellt werden. Das bestehende sorgte just in jenem Moment für eine Lohnerhöhung bei den Verwaltungsräten, als eigentlich Bescheidenheit angesagt gewesen wäre.

Die Kunden bleiben

Gleichzeitig mit dem Umbruch hat sich der Verwaltungsrat eine «Selbstfindungsphase» verordnet. Das Institut denkt darüber nach, wie es die regionalen Genossenschaften stärker einbinden kann und dabei auch noch Forderung der Aufsicht nach einfacheren Strukturen umsetzt.

Die Voraussetzungen, sich selber zu finden, sind nicht schlecht. Trotz des Trubels halten die Kunden der Bank die Treue. Die Bank hat einen Halbjahresgewinn von mehr als 400 Millionen Franken eingefahren. Das ist nur etwas weniger als im ersten Halbjahr 2017.

Gisels letzter Auftritt endete mit guten Nachrichten – und Ratschlägen für seinen Nachfolger. Schon bei seinem Amtsantritt hatte er klargemacht, dass er weiter auf das Hypothekengeschäft setzen werde. «Der Marktanteil von Raiffeisen in den Agglomerationen ist noch klein, und in diesen Regionen bieten sich der Bank Wachstumschancen», sagte Gisel damals. Das Geschäft ist seither gewachsen. Um 2,1 Prozent sind die Ausleihungen für Eigenheime im ersten Halbjahr gestiegen, gleichzeitig hat der Ertrag nur leicht zugelegt – die Marge sinkt. Auf 176 Milliarden Franken belaufen sich die Hypothekarforderungen. Ein Problem sei das derzeit aber nicht. Die Ausfälle marginal, die Zinspolitik von Raiffeisen vorsichtig.

Das stimmt, solange die Zinsen nicht plötzlich steigen und ein Immobiliencrash droht. Die Schweizerische Nationalbank forderte Raiffeisen 2014 auf, vorsichtiger zu sein. Die Ratingagentur Moody’s hat kürzlich untersucht, wie sich eine Immobilienkrise auf einige Schweizer Banken auswirken würde. Sie verglich Raiffeisen mit der Clientis-Gruppe und Valiant. Alle drei sollten eine Korrektur bei den Immobilienpreisen überstehen. Raiffeisen würde aber am stärksten leiden, da sie im Vergleich das dünnste Kapitalpolster habe.

Von ihrem wichtigsten Geschäft will die Bank trotzdem nicht abrücken. Gisel empfiehlt seinem Nachfolger, weiter auf das Thema Wohnen zu setzen. Was er selber tun will, wisse er noch nicht, sagte Gisel. «Der Abschied tut mir weh.» Doch der Entscheid sei richtig. Für die Gruppe. Und für ihn.

Erstellt: 22.08.2018, 23:25 Uhr

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