Diese Firmen zahlen an die Kassenprämien

An den steigenden Kosten sollen sich auch die Arbeitgeber beteiligen, sagen die Gewerkschaften. Das Resultat?

Sie erhält erhöhte Zuschüsse vom Arbeitgeber an die Krankenkassenprämien: Mitarbeiterin von Givaudan. Foto: Keystone

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Die ungebremst steigenden Krankenkassenprämien belasten die Budgets insbesondere jüngerer Familien immer öfter bis zur Schmerzgrenze. Was sie an Lohnerhöhungen verbuchen können, wird von den Prämienaufschlägen gleich wieder «weggefressen». Kein Wunder, dass «die Gewerkschaften bei den Lohnverhandlungen eine Beteiligung der Arbeitgeber an den Krankenkassenprämien nachdrücklicher einfordern als noch vor ein paar Jahren», wie Beat Baumann, Ökonom bei der Unia, sagt.

In den diesjährigen Lohngesprächen gehörten Prämienzuschüsse der Arbeitgeber laut Baumann in der Industrie, im Detailhandel und im Bauhauptgewerbe zum Forderungspaket der Unia. Doch konnte die Gewerkschaft nirgendwo einen Durchbruch verzeichnen. Auch die beiden Pharmakonzerne Novartis und Roche haben Begehren nach einem spezifischen Beitrag an die Kassenprämien abgewiesen.

Die Unternehmen, die den Mitarbeitenden in der Schweiz bereits heute Zuschüsse an die Krankenkassenprämien zahlen, lassen sich an zwei Händen abzählen. Dazu gehören Nestlé, Givaudan, Swatch und Richemont, aber auch Swiss­­­port, SR Technics, Philip Morris International, Micro Precision Systems sowie die Transports Public Genevois. Den Firmen gemeinsam ist ausserdem, dass sie diese Leistungen bereits seit längerem – in manchen Fällen seit weit über zehn Jahren – gewähren.


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Bei ihnen konnte die Unia in der aktuellen Lohnrunde die eine oder andere Verbesserung erreichen. So hat der Aroma- und Riechstoffhersteller Givaudan eingewilligt, den Prämienzuschuss von 200 auf 220 Franken je Monat und Mitarbeiter anzuheben. Die Micro Precision Systems in Biel, Herstellerin von Präzisionssystemen zum Beispiel für die Medizintechnik und die Uhrenindustrie, erhöht ihren Beitrag von 160 auf 170 Franken.

Noch höhere Zahlungen leistet Nestlé mit bis zu 235 Franken. Die Genfer Verkehrsbetriebe zahlen 90 Franken, bei SR Technics sind es 78 Franken. Philip Morris und Swissport wollten ihre Zuschüsse nicht beziffern, in den entsprechenden Gesamtarbeitsverträgen (GAV) sind 100 beziehungsweise 150 Franken festgehalten (wobei Swissport je nach Vertragsart und Anstellungsort unterschiedliche Vergütungen entrichtet).

Eine Ausnahmeerscheinung hinsichtlich Prämienzuschüssen ist die Uhrenindustrie. Ihr GAV – dem rund 85 Prozent der Beschäftigten und der Branchenfirmen angehören – enthält solche Zahlungen der Arbeitgeber seit 20 Jahren. «Die Einführung des Krankenversicherungsgesetzes 1996 und die Kosten, die damit verbunden waren, haben eine wichtige Rolle gespielt», sagt Diego Frieden, Zentralsekretär der Gewerkschaft Syna. In dieser Zeitspanne seien die monatlichen Zuschüsse von ursprünglich 60 auf aktuell 175 Franken pro Beschäftigtem angehoben worden; darüber hinaus gibt es einen Kinderbeitrag.


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Gefragt, weshalb der Uhren-GAV als praktisch einziges branchenweites Vertragswerk Arbeitgeberleistungen für die Kassenprämien vorsieht, verweist Frieden auf die «grossen Lohnunterschiede» in der Uhrenindustrie, «vor allem in den Grenzgebieten, wo viele Grenzgänger und Grenzgängerinnen arbeiten».

Ähnlich argumentiert Karin Oberlin, Geschäftsleitungsmitglied des Kaufmännischen Verbands, mit Blick auf die von Swissport und SR Technics geleisteten Prämienzuschüsse: «Sie sind für das Personal sehr wichtig und aus unserer Sicht auch nötig, zumal die Löhne im Luftverkehr eher am unteren Rand liegen, verglichen mit anderen Branchen.» Da die Zuschüsse pro Kopf ausgerichtet werden, ungeachtet der Lohnhöhe, fallen sie für Geringverdienende stärker ins Gewicht als für höhere Lohnklassen.

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Unia-Ökonom Baumann hält Prämienbeiträge der Arbeitgeber noch aus einem weiteren Grund für unverzichtbar: «Ohne sie ist kein vollständiger Teuerungsausgleich gewährleistet.» Denn im Landesindex der Konsumentenpreise (LIK) – er dient bei Lohnverhandlungen als Richtschnur – würden die steigenden Krankenkassenprämien nur zum Teil abgebildet. «Enthalten ist lediglich der Preisanstieg bei Gesundheitsleistungen, also zum Beispiel höhere Tarife», sagt Baumann. Nicht berücksichtigt würden indes der Mengeneffekt – also die Ausweitung der Gesundheitsleistungen – und die politisch gewollte Kostenverlagerung von der öffentlichen Hand zu den Krankenkassen.

Prämien von Löhnen trennen

Für den Schweizerischen Baumeisterverband ist dieser Mehrkonsum im Gesundheitssektor das Schlüsselar­gument gegen Prämienzuschüsse: «Die Kassenprämien steigen nicht wegen höherer Preise», sagt Mediensprecher Matthias Engel. «Deshalb kann es nicht Aufgabe der Arbeitgeber sein, den steigenden Konsum von Gesundheitseistungen über Lohnerhöhungen mitzufinanzieren.»

Davon abgesehen, hat der Schweizerische Arbeitgeberverband grundsätzliche Vorbehalte dagegen, die Kassenprämien stärker in die Lohnverhandlungen einzubeziehen. «Lohnerhöhungen richten sich vornehmlich an betriebswirtschaftlichen Grössen der einzelnen Unternehmen aus», erklärt Daniella Lützelschwab, verantwortlich für das Ressort Arbeitsmarkt. Steigende Prämien seien jedoch keine solche Kennzahl und sollten deshalb keinen Eingang in die Berechnungen der konkreten Lohnerhöhungen finden.

Der St. Galler Arbeitsmarktexperte Andreas Kühn führt die breite Verweigerung von Prämienzuschüssen vor allem darauf zurück, dass «die Unternehmen nicht in die Verantwortung gezogen werden wollen für einen Bereich, in dem die Politiker das Sagen haben». Aus diesem Grund seien die Arbeitgeber bestrebt, Lohnerhöhungen nicht explizit in einen Zusammenhang mit den Krankenkassenprämien zu stellen. Dabei spielt laut Kühn auch eine Rolle, dass es den Kantonen obliege, gezielte Prämienverbilligungen für Personen mit geringen Einkommen auszurichten.

So dürften es etliche Unternehmen wohl handhaben wie Coop in der aktuellen Lohnrunde: Der Detailhändler beabsichtigt, mindestens zwei Drittel seiner Beschäftigten an der beschlossenen Erhöhung der Lohnsumme um 1 Prozent teilhaben zu lassen. Dies in erster Linie mit Blick auf die steigenden Krankenkassenprämien.

Erstellt: 11.12.2017, 22:38 Uhr

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