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Was Trumps Druckversuche bringen

Kein anderer US-Präsident hat schon vor Amtsantritt derart Einfluss auf Investitionsentscheidungen von Konzernen genommen. Kann das gut gehen?

Derzeit die bevorzugte Zielscheibe des künftigen US-Präsidenten Donald Trump: Autowerke in Mexiko (auf unserem Bild eine Montagelinie von Volkswagen in Puebla).
Derzeit die bevorzugte Zielscheibe des künftigen US-Präsidenten Donald Trump: Autowerke in Mexiko (auf unserem Bild eine Montagelinie von Volkswagen in Puebla).
Imelda Medina, Reuters

Während des Wahlkampfs in den USA hatte der Kandidat Donald Trump vor allem zwei heimische Unternehmen ins Visier genommen: die in der Klimatechnik tätige Carrier und den Autobauer Ford, denn beide hatten die Absicht, Produktionskapazitäten und Arbeitsplätze nach Mexiko auszulagern. Im einen wie im anderen Fall verbuchte der spätere Wahlsieger einen werbewirksamen Erfolg. Wie Carrier Anfang Dezember mitteilte, sollen die 1000 betroffenen Jobs im US-Bundesstaat Indiana verbleiben. Die Kehrtwende befördert haben einerseits steuerliche Anreize und andererseits Drohungen aus dem Trump-Lager, an den Carrier-Mutterkonzern United Technologies vergebene öffentliche Aufträge zu streichen. Also die klassische Kombination von Zuckerbrot und Peitsche.

Anfang Januar knickte auch Ford ein und verzichtete auf den Bau einer neuen Produktionsstätte in Mexiko; dafür will der Autokonzern eine bestehende Fabrik im US-Bundesstaat Michigan erweitern und so 700 zusätzliche Stellen schaffen. In diesem Fall wirkte die Drohung Trumps, von Mexiko in die USA importierte Autos mit einem 35-prozentigen Strafzoll zu belegen. Obwohl solche Abgaben klar gegen das Regelwerk der Welthandelsorganisation verstossen und damit einklagbar sind, entschloss sich Ford vorsichtshalber zum Investitionsverzicht jenseits der amerikanischen Südgrenze.

Keine Einbahnstrasse nach Mexiko

Was Wunder, dass sich der künftige US-Präsident in seinem beispiellosen Vorgehen bestärkt fühlt, einzelne Konzerne via Twitter-Meldungen öffentlich an den Pranger zu stellen – oder aber auch zu loben. In den ersten zehn Tagen des neuen Jahres gabs Schelte für General Motors und Toyota wegen ihrer grossen Mexiko-Engagements. Dagegen stiess Fiat Chrysler auf Trumps Wohlwollen nach der Ankündigung von Konzernchef Sergio Marchionne, 1 Milliarde Dollar in Michigan und Ohio zu investieren und 2000 zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen.

Doch auch Fiat Chrysler verfügt über zwei Werke in Mexiko, und von den dort gefertigten gut 500’000 Autos sind im vergangenen Jahr 86 Prozent in die USA und Kanada exportiert worden. Würde die neue US-Administration den 35-Prozent-Zoll einführen, hätte der Konzern laut Marchionne keine andere Wahl, als die beiden Fabriken zu schliessen. Doch davon ebenso betroffen wären in den USA ansässige Industriefirmen, liefern sie doch bis zu 52 Prozent der Bauteile, die Fiat Chrysler in Mexiko montiert. Vergleichbare Wertschöpfungsketten gibt es natürlich auch bei anderen Autobauern.

Dass der Handelsverkehr zwischen Mexiko und den USA alles andere als eine Einbahnstrasse ist, illustrieren Zahlen, die das Peterson Institute for International Economics, eine Denkfabrik in Washington, bereits 2014 vorgelegt hatte. Demnach haben die Einfuhren aus Mexiko den Abbau von 203’000 Jobs pro Jahr in den USA zur Folge gehabt. Doch umgekehrt trugen US-Exporte nach Mexiko zur Schaffung von 188’000 Arbeitsplätzen bei. Per saldo verloren die USA also jährlich 15’000 Stellen an Mexiko – eine überschaubare Zahl, die Trumps Prügelei auf den südlichen Nachbarn nur schwer verständlich macht.

Nadelstiche, mehr nicht

Davon abgesehen hat sich Donald Trump mit Ford den denkbar falschen Sündenbock herausgegriffen. Produzierte doch der Konzern in den ersten elf Monaten 2016 nicht weniger als 95 Prozent aller in den USA verkauften Autos im Land selbst, wie das Fachmagazin «Wards Auto» errechnete. Kein anderer Massenhersteller kommt auf eine so hohe Quote (und einzig der Premiumproduzent BMW exportierte mehr Autos aus den USA, als er dort herstellte). Für General Motors und Fiat Chrysler lagen die entsprechenden Quoten bei über 80 Prozent respektive 70 Prozent, wogegen Volkswagen nur etwa jeden dritten im US-Markt abgesetzten Wagen auch dort fertigte.

Letztlich sind Trumps Twitter-Zensuren aber nichts mehr als Nadelstiche, die den betroffenen Unternehmen unangenehme Publizität bescheren, am grossen Gesamtbild aber nichts ändern können. Der künftige US-Präsident wird kaum zu verhindern wissen, dass die Zahl der Autoproduktionsstätten in Mexiko während seiner vierjährigen Amtszeit von derzeit 17 auf mindestens 20 steigen wird und die dort gefertigten Wagen gleichzeitig von 3,4 Millionen auf 5,1 Millionen zulegen werden, wie «Wards Auto» schätzt. Den angekündigten Rückzieher von Ford dürften Konkurrenten wie Nissan Motor, Daimler, Audi, Honda oder Kia Motors mehr als wettmachen. Sie werden nicht nur durch die tiefen Löhne nach Mexiko gelockt, sondern auch wegen der vielen Freihandelsverträge, die das Land mit Partnern rund um den Globus abgeschlossen hat.

Bärendienst für die US-Wirtschaft

Will Trump solch fundamentale Trends brechen, müsste er die Handelspolitik der USA auf einen durch und durch protektionistischen Kurs ausrichten und regelrechte Handelskriege in Kauf nehmen. Dadurch würde aber auch die US-Wirtschaft schwer in Mitleidenschaft gezogen. Ob der künftige Regent im Weissen Haus ein solch hohes Risiko eingeht, mag man bezweifeln. Wahrscheinlicher ist wohl, dass Trump seine Industriepolitik by Twitter fortsetzen und auf diesem Weg versuchen wird, einzelne Unternehmen zu öffentlichkeitswirksamen Konzessionen zu zwingen. Solange er damit Prestigepunkte einsammeln kann, enthebt ihn dies vom selbst erzeugten Druck, handelspolitisch aufzurüsten und exzessive Strafzölle einzuführen.

Im Vergleich zu einem Handelskrieg erscheint dies immer noch als kleineres Übel. Aber auch so erweist Trump der US-Wirtschaft einen Bärendienst: Mit der willkürlichen Zerstörung etablierter internationaler Wertschöpfungsketten trägt er dazu bei, die gesamtwirtschaftliche Produktivität nachhaltig zu verringern. Und ob es dem Investitionsklima in den USA förderlich ist, wenn sich der US-Präsident in geradezu erpresserischer Manier in einzelunternehmerische Entscheide einmischt, scheint mehr als fraglich.

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