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Ein Ausweg aus der Sika-Krise

Der Besitzerclan von Sika will drei widerspenstige Verwaltungsräte loswerden. Trotz der Eskalation scheint eine Lösung möglich.

Verfahrene Situation: Sika-Präsident Paul Hälg, Firmenchef Jan Jenisch.
Verfahrene Situation: Sika-Präsident Paul Hälg, Firmenchef Jan Jenisch.
Keystone

«Trocken, aber nie langweilig.» So ist der Jubiläumsbericht betitelt, den Sika anlässlich des 100-jährigen Bestehens vor vier Jahren publiziert hat. Dem Leitspruch leistet man beim Bau- und Klebstoffhersteller gerne Folge. So lud die Firma kürzlich auf eine Rennpiste ein. Erst wurde ein Schleuderparcours absolviert, dann fuhr man mit Hochgeschwindigkeit über den Asphalt – in BMW, Jaguar und Tesla, deren Leichtbau-Karosserie von Sika-Klebstoffen zusammengehalten wird.

Auch jüngst war Langeweile nicht an der Tagesordnung. Doch die Firma ist selbst ins Schleudern geraten. Die Gründerfamilie hat den Verkauf ihrer Kontrollmehrheit an die französische Saint-Gobain angekündigt, die neunköpfige Geschäftsleitung und sechs Verwaltungsräte tragen den Entscheid nicht mit. Als Reaktion darauf haben die Familienaktionäre eine ausserordentliche Generalversammlung einberufen. Drei aufmüpfige Verwaltungsräte sollen frühzeitig gehen, darunter Präsident Paul Hälg.

Verhärtete Fronten

Am liebsten hätte man sich wohl gleichzeitig auch der anderen drei renitenten Verwaltungsräte entledigt: Frits van Dijk, Ulrich Suter und Christoph Tobler. Davon hat die Gründerfamilie abgesehen, weil das Vorhaben an einem qualifizierten Mehr scheitern könnte, das die Firmenstatuten für diesen Fall vorschreiben. Dafür soll neu der Wirtschaftsanwalt Max Roesle als Präsident zu Sika stossen, zusätzlich als Verwaltungsrat wurde Chris Tanner nominiert, aktueller Finanzchef bei Cosmo Pharmaceuticals. Unter dem Strich hätten die von der Familie Burkard gewählten Personen damit ab Januar die Mehrheit im Gremium.

Ruhe dürfte damit aber nicht ins Unternehmen einkehren. Die Geschäftsleitung lehnt den Mehrheitseigentümer ab, sie hat bei Abschluss des Verkaufs ihren Rücktritt in Aussicht gestellt. Dies dürfte nicht nur der Stimmung in der Firma, sondern auch der arg gebeutelten Aktie weiter schaden. Der Führungscrew wird ein wesentlicher Anteil am Erfolg der letzten Jahre zugeschrieben. Eine ihrer Stärken ist die langjährige Verbundenheit mit dem Betrieb: Die meisten Divisionsleiter sind schon seit den Achtzigerjahren bei Sika, der aktuelle Firmenchef Jenisch stiess 1998 dazu.

Abtausch von Geschäftseinheiten als Lösung

Ein grösserer Umbruch droht dem Unternehmen aus Baar, das in den letzten Jahren auf einer Welle des Erfolgs ritt. Trotz verhärteter Fronten gibt der amtierende Präsident Paul Hälg die Hoffnung nicht auf. «Ich arbeite weiter an Lösungen für das Unternehmen», sagt er. Ähnlich äussert sich der designierte Verwaltungsrat Chris Tanner. «In nächster Zukunft wird die wichtigste Aufgabe darin bestehen, den Dialog zu fördern und Brücken zwischen allen Involvierten zu bauen.» Tanner, der sich als unabhängiger Verwaltungsrat sieht, ist ein langjähriger Freund von Willi Leimer, der über die Schenker-Winkler-Holding die Interessen der Gründerfamilie bei Sika vertritt.

Während Saint-Gobain von Synergien in Millionenhöhe spricht, stört sich das Management an den Interessenkonflikten, die der Einstieg des Konkurrenten nach sich ziehen würde. Ein möglicher Ausweg aus der Krise könnte der Transfer von sich überschneidenden Geschäftseinheiten zwischen Saint-Gobain und Sika sein, wie unternehmensnahe Quellen sagen. Angesprochen sind die Bereiche Zement- und Mörtelherstellung sowie die Fliesenklebstoffe. Die Überlappungen machen Schätzungen zufolge maximal 10 Prozent des Umsatzes bei Sika und weit weniger bei Saint-Gobain aus. Würden die Franzosen dieses Geschäft abtreten, so stünden die Firmen nicht mehr unmittelbar in Konkurrenz. Ein wichtiger Grund, der gegen die Teilübernahme spricht, wäre damit vom Tisch.

Der vielbeschworene Sika-Spirit

Wie das Sika-Management zu einer solchen Lösung steht, war am heutigen Mittwoch nicht zu erfahren. Laut dem Unternehmensanalysten Martin Hüsler von der Zürcher Kantonalbank stellt der Abtausch gewisser Portfolios durchaus eine Variante dar. «Alles, was die Unabhängigkeit von Sika verbessern würde, trägt zur Minderung von Interessenkonflikten bei.» Dennoch ist laut Hüsler fraglich, ob die neue Konstellation eine wesentliche Änderung bedeuten würde. «Bei strategischen Fragen bliebe Sika von Paris abhängig.» Laut Remo Rosenau von der Neuen Helvetischen Bank entspricht es nicht der Sika-Kultur, Teil eines Grosskonzerns zu sein. «Der einzigartige Firmenspirit wäre für immer verloren, und das nicht nur beim Topmanagement.»

Auch eine Vollübernahme der profitablen Sika dürfte bei Saint-Gobain ein Thema bleiben. Was dies beim Traditionskonzern auslösen würde, lässt sich höchstens erahnen. Einen Hinweis auf das Selbstverständnis liefert der 100-jährige Jubiläumsbericht. «Sika bleibt sich treu», heisst es dort im Schlussabschnitt. Dieser bekräftigt die «Hingabe und Loyalität» der Besitzerfamilie und garantiert in ihrem Namen «Sicherheit, Stabilität und Kontinuität». Die gleichenorts beschworene Pflicht der Mitarbeitenden, «dem Namen Sika Sorge zu tragen» – sie dürfte nach dem Verkauf an Saint-Gobain durchaus Schaden genommen haben.

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