Ein beispielloser Skandal

Die Finma verlangt die Auflösung der Bank BSI. Die Verfehlungen des grössten Tessiner Instituts sind schwerwiegend. 1000 Angestellte bangen um ihre Zukunft.

Die 1MDB-Konten liess die Bank BSI grösstenteils über den Sitz in der Suntec City in Singapur laufen. Foto: Tobias Gerber (Laif)

Die 1MDB-Konten liess die Bank BSI grösstenteils über den Sitz in der Suntec City in Singapur laufen. Foto: Tobias Gerber (Laif)

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«Wir müssen pragmatisch sein, um unseren Kunden echte Antworten auf ihre Bedürfnisse zu liefern», schrieb Stefano Coduri 2011 in den Geschäftsbericht der Tessiner Bank BSI.

Coduri ist gestern als Chef der Bank zurückgetreten. Unter seiner Ägide hat sich das Institut schwerwiegende Verstösse zuschulden kommen lassen. Das gab die Finanzmarktaufsicht Finma gestern bekannt. Die Bank spielt in der Korruptionsaffäre um den malaysischen Staatsfonds 1MDB eine entscheidende Rolle. Hinzu kommt ihre Verstrickung in den brasilianischen Petrobras-Skandal und den US-Steuerstreit.

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Für all diese Verfehlungen wird die Bank von der Finma hart bestraft. Sie wird praktisch aufgelöst, 95 Millionen Franken frühere Gewinne werden ein­gezogen, und es werden zwei Verfahren gegen ehemalige Top-Shots der Bank eröffnet. Ihnen droht ein Berufsverbot von maximal fünf Jahren. Aufgrund der Grösse des Falles, der vielen Vergehen und der besonderen Dreistigkeit spiele er in einer eigenen Kategorie, erklärt Finma-Chef Mark Branson. Das Institut wird nun nach 143 Jahren Geschäftstätigkeit faktisch aufgelöst. BSI geht komplett in der Privatbankengruppe EFG auf, mit der die Bank in Fusionsverhandlungen steht. Zudem gab die Bundesanwaltschaft gestern bekannt, dass sie ein Strafverfahren gegen BSI eröffnet. Einer der grössten Geldwäschereifälle der Schweizer Geschichte ist damit noch lange nicht ausgestanden.

Frühe Warnung der Finma

Seit Monaten steht der malaysische Staatsfonds 1MDB in der Kritik. Gedacht war das Vehikel, um den lokalen Finanzplatz zu stärken. Immer deutlicher zeigt sich aber, dass der Fonds der politischen Elite des Landes zur Bereicherung diente. Für die Tessiner Bank BSI war die Beziehung zum Staatsfonds lukrativ. Es habe sich um die wichtigste Kundengruppe der Bank gehandelt, sagt Finma-Chef Branson. Beim Geschäften mit 1MDB ging die BSI laut Finma äusserst unverfroren vor: Die Margen beim Geschäft mit dem Staatsfonds waren überhöht, der Zweck der Transaktionen dubios. In einem Fall flossen 20 Millionen Dollar am selben Tag über verschiedene Konten innerhalb der Bank, um am Ende wieder an eine andere Bank überwiesen zu werden.

Solche Transaktionen sind laut der Finma anfällig für Geldwäscherei. Das alles geschah laut der Aufsicht unter den Augen der obersten Gremien der Bank. Der Verwaltungsrat der BSI habe klare Hinweise über die Geschäftsrisiken mit dem Kunden aus Malaysia besessen, denn bereits 2013 habe die Finma die Bank gewarnt. Es brauchte fast drei Jahre, bis der Warnschuss Konsequenzen nach sich zog. Die Analyse der Situation war komplex, verteidigte sich Branson an der Medienkonferenz. Und: Noch 2014 habe es bei 1MDB keine Anzeichen von Korruption gegeben. Bei der Warnung sei es nur um die riskante Natur der Kundenbeziehungen gegangen.

In Singapur gilt der BSI-Fall als der schlimmste, den die dortigen Behörden je gesehen haben. Die Bank BSI verliert daher dort die Lizenz und kassiert von der lokalen Aufsicht eine Busse von 9 Millionen Franken. Dort im modernen und pompösen Suntec Tower wurden die Konten des Kunden 1MDB zu einem grossen Teil gebucht. Geleitet wurde das Asiengeschäft lange von Starbanker Hanspeter Brunner. Die Singapurer Niederlassung wurde laut der Finma bewusst an der langen Leine gelassen. Die interne Aufsicht muss nach der Einschätzung von Beobachtern katastrophal funktioniert haben: Es stelle sich die Frage, ob der Verwaltungsrat der BSI-Bank und die externe Revision ihre Aufsichtspflicht erfüllt haben. Das Beratungsunternehmen Ernst & Young hat in dieser Zeit die Bücher der Tessiner Bank geprüft. Die Firma kommentiert eine Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet dazu nicht.

«Die Gier ist noch gleich»

Monika Roth, Professorin für Finanzmarktrecht, kann den gestrigen Entscheid der Finma nachvollziehen: «Es wurde bei der BSI jede Regel missachtet, die es für diese Art der Geschäftstätigkeit gibt.» Dennoch werde dieser Fall kaum ein Umdenken in der Branche auslösen. «Die Gier ist immer noch gleich und das mangelnde Unrechtsbewusstsein auch», so Roth. Für einen Kulturwandel sei es notwendig, dass die Verantwortlichen der Banken selbst happige Verwaltungsbussen bezahlen müssten, wenn sich ein Fehlverhalten nachweisen lasse. Zudem fordert Roth, dass Banken, die sich nicht an die Regeln halten, geschlossen werden können. «Für das Ignorieren von solchen klaren Basisregeln darf es kein Pardon geben, fehlbare Banker müssen lebenslang gesperrt werden», sagt Roth. Kein Verständnis hat Roth dafür, dass die 95 Millionen Franken der eingezogenen BSI-Gewinne der Bundeskasse zufallen: «Das Geld gehörte dem malaysischen Staatsfonds und soll daher dem dortigen Steuer­zahler zurückerstattet werden.»

Angst um Arbeitsplätze

Für Natalia Ferrara vom Schweizerischen Bankpersonalverband drohen in dieser Situation die Mitarbeiter des grössten Arbeitgebers auf dem Tessiner Finanzplatz vergessen zu gehen: «Rund 1000 Mitarbeitende sind im Kanton für die BSI tätig, sie wissen nicht, wie es nun mit der Bank weitergeht.» Sie erwartet daher, dass die neue BSI-Spitze bald die Mitarbeitenden informiert. Bislang sei sie davon überzeugt gewesen, dass EFG einen Grossteil der lokalen Belegschaft übernehme. Die Personalvertreterin hatte den Eindruck, dass die neuen Eigner der BSI vor allem bei der Informatik von BSI sparen wollten, die weiteren Geschäftsbereiche wären aber wohl integriert worden. Ob das noch immer gelte, sei nun unklar. «Wenn die BSI verschwindet, ist das mehr als nur ein Imageschaden für den Tessiner Finanzplatz – es ist ein schwerer Verlust», erklärt Ferrara. Daran seien nur wenige schuld, den Schaden trügen aber viele.

Gestern wurde auch bekannt, dass die Behörden die Übernahme von BSI durch EFG bewilligen. Sie sind wohl froh darüber, dass die BSI auf diese Art und Weise verschwindet – auch wenn EFG dafür viel Kapital aufnehmen musste. EFG wusste vom Verfahren gegen BSI, so Branson. Die Finma ermittelt weiter: Es laufen noch mehrere Verfahren im 1MDB-Skandal und der Petrobras-Affäre.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.05.2016, 23:12 Uhr

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