Raiffeisen-Bericht zur Affäre Vincenz: Fragen über Fragen

Endlich ist sie da, die Untersuchung von Sonderermittler Bruno Gehrig zur Genossenschaftsbank. Und was taugt sie?

Er konnte «schalten und walten, wie er wollte»: Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz.

Er konnte «schalten und walten, wie er wollte»: Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz. Bild: GAETAN BALLY/Keystone

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«Die Erkenntnisse, die ich im Laufe meiner Untersuchung gewonnen habe, sind ernüchternd». So fasst Raiffeisen-Sonderermittler Bruno Gehrig die Analyse der Ära Vincenz zusammen. Zwischen 2012 und 2015 kaufte der frühere Raiffeisen-Chef Beteiligungen von über 1 Milliarde Franken zusammen. Laut Bericht konnte Vincenz dabei schalten und walten, wie er wollte.

Die Compliance und Risikokontrolle oder die interne Revision wurden bei Unternehmenskäufen «nur am Rande einbezogen». Um Kontrollen zu umgehen, liess Vincenz Käufe zum Teil über Töchterfirmen abwickeln. So blieben die Kontrollorgane von Raiffeisen Schweiz aussen vor. Beim – mittlerweile gescheiterten – Versuch, ins Vermögensverwaltungsgeschäft für Grosskunden einzusteigen, wurde auf Bewertungsgutachten verzichtet, eine Wertprüfung (Due Diligence) fand «erst fünf Monate nach Vertragsabschluss statt».

«Die unabhängige Untersuchung hat ergeben, dass für Raiffeisen Schweiz bei einigen untersuchten Beteiligungen rückblickend ein finanzieller Nachteil entstanden ist.» Daher schreibt Raiffeisen nun 300 Millionen Franken auf das Beteiligungsportfolio ab.

Der Gehrig-Bericht enthält interessante Details, wie schlimm es bei Raiffeisen hinter den Kulissen zuging. Doch lässt das 28-seitige Papier auch viele Fragen offen.

Trotz dubioser Anbahnungen von Beteiligungskäufen hat Gehrig keine Hinweise über neues, strafrechtlich relevantes Verhalten von Pierin Vincenz gefunden. Auch fanden sich keine Belege für eine persönliche Bereicherung. Das hatte Gehrig bereits im November bei der Delegiertenversammlung berichtet.

Doch angesichts der Fülle an zweifelhaften Deals und der Art und Weise, wie Vincenz sie intern durchdrückte, überrascht das Ergebnis schon. «Verwaltungsrat und Geschäftsleitung haben die Diversifikationsstrategie schlichtweg unprofessionell gemanagt», sagte Raiffeisens neuer Verwaltungsratspräsident Guy Lachappelle in einer Telefonkonferenz.

Wer ist für die Kontrollmängel verantwortlich?

An einer Stelle macht Gehrig aber Andeutungen, die Zweifel an der offiziellen Version zulassen. So schreibt er, dass «Zahlungsströme nur bis zum Ausgang von der Raiffeisen-Gruppe verfolgt wurden. Über den weiteren Verlauf von Zahlungsströmen bei Drittbanken und insbesondere zur Identität von Endempfängern von Zahlungen konnte das Untersuchungsteam weder Informationen beschaffen noch Analysen vornehmen.» Lachappelle verwies in diesem Punkt auf die laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft.

Der Bericht enthält weitere Lücken. So benennt das Papier nicht, wer für die Kontrollmängel bei den Zukäufen verantwortlich ist. Nach Veröffentlichung des Berichts sind zwar drei weitere Mitglieder der Geschäftsleitung von Raiffeisen Schweiz zurückgetreten, unter anderem Risikochef Beat Hodel. Doch welche persönliche Verantwortung sie tragen, das erfährt man nicht.

Ausser Pierin Vincenz nennt der Bericht überhaupt keine Namen. Vollkommen offen bleibt, welche Rolle und Verantwortung sein Nachfolger Patrik Gisel hat. Er taucht in dem Bericht nicht ein einziges Mal auf. Gisel ist im November zurückgetreten, aber offiziell nicht wegen seiner Mitverantwortung für die Verfehlungen, sondern weil er eine Beziehung zu einer Raiffeisen-Verwaltungsrätin geheim gehalten hat. Nach Lektüre des Berichts ist klar, dass sein Abgang überfällig war.

Lachappelle verteidigt dieses Vorgehen. «Wir dürfen aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes keine Namen veröffentlichen», sagte er. Der Verwaltungsrat wisse aber sehr genau, wer für welche Misstände die Verantwortung trage. Mit den Rücktritten der weiteren Raiffeisen-Manager seien nun alle Beteiligten nicht mehr in der Bankengruppe, versicherte er.

Teilweise «erhebliche Abschreibungen»

Laut Bericht seien gerade beim Aufbau einer eigenen Asset-Management-Sparte Beteiligungen «ohne angemessene Rücksicht auf betriebswirtschaftliche Logik, Preis oder Risiken» forciert worden. Gisel war damals Vize von Vincenz und Verwaltungsratspräsident. Und damit wusste er über den Aufbau der Asset-Management-Sparte sowie die Beteiligungen Bescheid.

Dort seien Beteiligungen «vornehmlich nach den Preisvorstellungen der Verkäufer erworben worden», schreibt Gehrig. Teilweise mussten dann auf diese Zukäufe «erhebliche Abschreibungen vorgenommen werden».

So erwarb Raiffeisen über eine indirekte Tochter eine Gesellschaft, deren Wert intern laut Bericht mit 17 bis 19 Millionen Franken festgesetzt wurde. Ein «externer Berater, der Pierin Vincenz nahestand» – fragt sich, ob das sein Intimus Beat Stocker ist –, habe die Bewertung überarbeitet, um einen Wert von 35 Millionen Franken zu rechtfertigen. Am Ende wurden 30 Millionen Franken bezahlt. 10 Millionen Franken sollten aber erst nach dem Erreichen von gewissen Meilensteinen fliessen. Laut Bericht wurde aber über die Hälfte dieser 10 Millionen ausbezahlt, ohne dass die vereinbarten Meilensteine je erreicht wurden. Da die zugekaufte Gesellschaft nie ihre Ziele erreichte, schrieb Raiffeisen auf das Investment 14,3 Millionen ab – also fast die Hälfte des investierten Betrags.

Angesichts dieses Geschäftsgebarens stellt sich die Frage, ob die neue Raiffeisen-Führung nun Schadenersatzklage gegen die früheren Organe anstrengen wird.

Laut Lachappelle prüft nun eine Anwaltskanzlei, ob die Bank Haftungsansprüche geltend machen kann. «Wir versuchen, den entstandenen Schaden so klein wie möglich zu halten», versprach er. Analysiert werde auch, ob die Prüfgesellschaft PwC Verantwortung trage.

Neben dem Strafprozess gegen Vincenz, der wohl dieses Jahr eröffnet werden dürfte, ist auch für die Raiffeisen-Gruppe selbst die Affäre um ihren Ex-Chef noch lange nicht vorbei. Denn dazu sind zu viele Fragen offen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 22.01.2019, 11:37 Uhr

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