Ein Freizeitpark ohne Touristen

Erich von Dänikens ehemaliger Mystery Park liegt in der Touristen-Hochburg Interlaken – und läuft schlecht. Gibt es noch Hoffnung?

Dem Traum, einen Erlebnispark ganz für sich alleine zu haben, kommt man im Jungfrau-Park sehr nahe.

Dem Traum, einen Erlebnispark ganz für sich alleine zu haben, kommt man im Jungfrau-Park sehr nahe. Bild: Adrian Moser

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Es ist ein Ort, der für viele Leute errichtet wurde. Es ist jedoch kaum jemand da. Bloss 15 Autos stehen auf dem riesigen Parkplatz vor dem Jungfrau-Park. Unter den hohen Decken der Eingangshalle herrscht Leere.

Wo genug Platz wäre, um lange Anstehschlangen zu bilden, hat man freien Durchgang zur Frau, die die Kasse bedient. Die Tageskarte kostet 40 Franken. Sie gewährt Eintritt zu einer Art Mausoleum einer gescheiterten Idee.

Es ist eine Idee, die einst im ganzen Land für Gesprächsstoff sorgte: ein Freizeitpark, der sich den Ideen des umstrittenen Autors Erich von Däniken verschreibt – mitten in der Bergidylle des Berner Oberlands. Aus der Idee wurde Realität.

Unter Anwesenheit von über 300 Journalisten aus der ganzen Welt wurde 2003 der Mystery Park eröffnet. 86 Millionen Franken wurden in die 100'000 Quadratmeter grosse Fläche investiert, um den Besuchern in verschiedenen Themenpavillons Mysteriöses aus aller Welt zu zeigen.

Stillstand: Die Ausstellung hat sich seit der Eröffnung kaum verändert.

Drei Jahre danach zogen die Betreiber um den lokalen Unternehmer Oskar Schärz die Notbremse. Der Park wurde aufgrund von Besuchermangel geschlossen und für 14 Millionen Franken verkauft. Die neuen Besitzer stiessen das Grundstück jedoch bereits nach vier Monaten wieder ab. Es ging wieder in den Besitz von Schärz’ Bauunternehmen, der GBU AG, über. 2010 wurde unter geändertem Namen ein neuer Anlauf gestartet. Der Jungfraupark feierte Eröffnung.

Von Däniken hegt Hoffnung

Die Sonne brennt auf den menschenleeren Glaskorridor, der die verschiedenen Pavillons in Kreisform verbindet. Auf dem abgetretenen Spannteppich stehen Töpfe mit Plastikpflanzen. Irgendwo wirbt eine grossflächige Tafel für die Tellspiele 2012. Zwischen den Pflastersteinen der Aussenflächen wächst Gras.

Vieles wirkt so, als sei es seit Mystery-Park-Zeiten dem Schicksal überlassen worden. Dieser zeitliche Stillstand bezieht sich auch auf die Vorführungen in den verschiedenen Pavillons. Am deutlichsten wird das, wenn im Maya-Pavillon darüber gerätselt wird, was passiert, wenn der Mayakalender ausläuft. Seit dem 21. Dezember 2012 wissen wir es: nichts.

3000Personen passen in das Eventzentrum, das sich in der Mitte des Parks befindet.

Wie sieht der geistige Vater des Parks dessen Entwicklung? Erich von Däniken empfängt in seinem Büro im Zentrum von Interlaken. Obwohl er sein Leben den Ausserirdischen verschrieben hat, ist er ein Mann von Welt. Innerhalb kurzer Zeit bietet er ausländische Filterzigaretten an, listet auf, welche Hollywood-Regisseure sich auf seine Werke beziehen, berichtet von Vorträgen in Los Angeles vor 3'500 Besuchern und erzählt einen nicht ganz jugendfreien Witz auf Englisch.

Sorgte für Gesprächsstoff: Gründer Erich von Däniken kurz vor der Eröffnung seines Mystery Parks im Mai 2003. Foto: Laurent Gilliéron, Keystone

Auch zum Jungfrau-Park hat von Däniken einiges zu sagen. «Die Namensänderung fand ich sehr, sehr schlecht.» Manche Touristen würden den Park für die Talstation der Jungfraubahn halten. Die Schuld daran gibt er teilweise dem lokalen Tourismusbüro. «Das hat keine Ahnung vom Jungfrau-Park.» Dort würden keine Prospekte oder Empfehlungen aufliegen. «Der Park wird sehr stiefmütterlich behandelt.»

Dieser Ansicht wird von Interlaken Tourismus widersprochen. «Wir behandeln alle Angebote der enorm vielfältigen Ferienregion Interlaken gleich», sagt Sprecher Christoph Leibundgut. So werde der Park auf ihrer Homepage aufgelistet, und Flyer liegen in den Tourismusbüros auf.

Obwohl der Park mit seinem alten Namen Konkurs anmelden musste, wodurch von Däniken rund 800'000 Franken verlor, glaubt er immer noch, dass das extraterrestrische Konzept im Oberland funktionieren kann. «Es müsste etwas investiert und Werbung gemacht werden, dann wäre er ein Renner für Interlaken.»

Der Zweifler behielt recht

Hansueli Tschiemer war 44 Jahre lang Postautochauffeur. Seine Linie führte ihn auch nach Beatenberg, wo von Däniken wohnt. «Auf meinen Fahrten habe ich ihn dadurch kennen gelernt», sagt Tschiemer. Beide mussten oft in die gleiche Richtung, beim Mystery Park gingen sie jedoch getrennte Wege. «Ich hatte von Anfang an Zweifel am Erfolg des Projekts.»

«Der Park bietet zurzeit kaum Grund, ihn ein zweites Mal zu besuchen.»Monika Bandi Tourismusexpertin, Uni Bern

Deshalb orchestrierte Tschiemer damals in seiner Wohngemeinde Matten, auf dessen Land der Park steht, den Widerstand. Erfolglos. 1998 entschied sich eine Mehrheit der Gemeinde für die Einzonung der für den Erlebnispark gebrauchten Fläche. «Viele, die mich damals für mein Engagement kritisiert haben, geben mir heute recht.» Den Einheimischen sei das Interesse am Park längst vergangen.

Oft sei versprochen worden, die Ausstellungen zu ändern, was aber nie passiert sei. «Vieles ist heute kaputt. Der Park ist einfach nur noch ein Spielplatz für Grossväter mit ihren Enkelkindern.» Als Schandfleck für die Tourismusdestination Interlaken würde Tschiemer den Jungfrau-Park jedoch nicht bezeichnen – noch nicht. «Das ist er erst, wenn die Gebäude beginnen einzustürzen.»

«Kaum auf dem Radar»

Monika Bandi leitet seit 2012 die Forschungsstelle Tourismus an der Universität Bern und beschäftigt sich schwerpunktmässig mit der Regionalentwicklung, der Erlebnisökonomie im Tourismus und dem Kulturtourismus. Letzten Herbst besuchte sie den Jungfrau-Park im Rahmen eines Referates. Die Erinnerungen der Tourismusexpertin an die Räumlichkeiten fallen ernüchternd aus. «Die Hallen wirken in der aktuellen Situation leblos. Der ganze Park scheint wie ein Provisorium.»

Dabei schreibt sie dem Areal grosse touristische Wichtigkeit zu. «Was hier passiert, hat für die Region grosse Bedeutung.» Denn das Entwicklungspotenzial der Seen und Berge sei grösstenteils ausgeschöpft. «Dieses Gelände ist ein strategischer Ort, um zukünftige Entwicklungen im grösseren Bereich anzugehen.»

1200Parkplätze stehen den Besuchern zur Verfügung.

Dem aktuellen Konzept des Parks sagt sie jedoch kaum rosige Zukunft voraus. Zwar sind wie vielerorts auch in Interlaken gerade im Sommer Schlechtwetterprogramm Mangelware. Doch könne der Jungfrau-Park dabei kaum punkten.

Einer der Hauptgründe sieht sie darin, dass die Ausstellungen technisch veraltet sind und kaum weiterentwickelt wurden. «Das kommt einem Stillstand gleich.» Denn solche Attraktionen würden vom Weiterentwicklungspotenzial leben. Nur dadurch könne eine Stammkundschaft geschaffen werden. «Der Park bietet aber zurzeit kaum Grund, ihn ein zweites Mal zu besuchen.»

Dadurch habe sich der Park vermutlich schon länger von der touristischen Landkarte verabschiedet. «Potenzielle Gäste haben den Park wohl kaum auf dem Radar.»

Schattenseite des Erfolgs

Für das Areal liegt seit Jahren eine Baubewilligung für ein Hotel mit bis zu 400 Betten vor. Die Umsetzung lässt jedoch auf sich warten. Bandi sieht darin den Schatten des enormen touristischen Erfolgs von Interlaken. Es fehle an wirtschaftlichem Druck und zugleich auch an Attraktivität bei Investoren. «Interlaken entwickelt sich frequenzmässig seit Jahren positiv. Als Region erscheint es wohl weniger dringlich und möglich, die Weiterentwicklung auf dem Gelände voranzutreiben.»

Wie ein Provisorium: Die Hallen seien leblos», findet Tourismusexpertin Monika Bandi.

In einem Hotelbau würde Bandi einen Fortschritt sehen. Interlaken habe tendenziell in gewissen Bereichen zu wenig Gästebetten. Die Lage ausserhalb des Zentrums könne gerade für Zu- und Wegfahrt ein Gewinn sein, da dadurch das Dorf weniger belastet wird.

Mysteriöse Zukunft

Die Suche nach einem Investor ist am Laufen. Auf der Webseite von Parkbesitzer Schärz’ Firma GBU AG wird der Jungfrau-Park zu «attraktiven Konditionen» zum Verkauf angeboten. Auch an den Park angrenzendes Land, auf dem einst der ehemalige Militärflugplatz stand, wollen die Besitzer loswerden. Als mögliches Investitionsvolumen wird 100 bis 400 Millionen Franken angegeben.

Gleichzeitig wird auf der Webseite indirekt offengelegt, dass der Park in seiner jetzigen Form nicht gewinnbringend ist. So heisst es: «Mit einem geeigneten Investment könnte er wiederbelebt und in ein profitables Objekt verwandelt werden.»

Wie es um den Park und seine Zukunft steht, bleibt jedoch ein Mysterium. Parkbesitzer Schärz wollte sich gegenüber dem «Bund» nicht dazu äussern und verwies auf Geschäftsleiter Bernhard Zysset. Dieser liess sämtliche Anfragen unbeantwortet.

Erstellt: 23.07.2019, 12:38 Uhr

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