Ein modernes Firmenmärchen

Der Film «The Hud­sucker Proxy» (1994) spielt in der skrupellosen Unternehmenswelt der späten Fünf­ziger – ist aber aktueller denn je.

Bis heute einer der unterhaltsamsten und schönsten Filme über die Corporate World made in USA: Trailer zu «The Hudsucker Proxy» von Ethan und Joel Coen.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es gibt Filme, die sind so überzogen, dass man sie nicht ernst nehmen kann. Und es gibt solche, die sind so überzogen, dass man das Gefühl hat, so etwas könne man nicht einfach so erfinden. In letztere Kategorie gehört «The Hud­sucker Proxy» (auf Deutsch verunstaltet als «Hudsucker – der grosse Sprung»). Der frühe Streifen der Brüder Ethan und Joel Coen – entstanden im Jahr 1994 und damit nach «Barton Fink» und vor «Fargo» – spielt in der skrupellosen Unternehmenswelt der späten Fünf­zigerjahre – ist aber gerade aktueller denn je.

Die Handlung ist eigentlich abstrus. Während einer Verwaltungsratssitzung springt Firmenpatron Waring Hud­sucker vor den Augen seiner Kollegen durch die Scheibe des verglasten Konferenzraumes in der 44. Etage des Firmengebäudes und begeht Suizid. Das skrupellose VR-Mitglied Sidney J. Mussburger (grossartig dargestellt von Paul Newman) wittert seine Chance und übernimmt sofort die Führungsrolle. Sein Plan: Einen Idioten als neuen Präsidenten einsetzen, den Aktienkurs von Hudsucker Industries so nach unten treiben und den Traditionskonzern dann zu Schleuderpreisen selber aufkaufen.

Der fiese Plan scheitert

Den vermeintlichen Idioten finden sie im internen Postbüro. Dort arbeitet Norville Barnes (zurückhaltend und ­genau dadurch stark von Tim Robbins interpretiert), ein Landei aus der Kleinstadt Muncie im Bundesstaat Indiana. Er wird der neue Präsident von Hud­sucker Industries. Und er bringt gleich eine Idee für ein neues Produkt mit. Er hat sie auf einen kleinen Fresszettel gekritzelt. Es ist ein simpler Kreis. Ja, einfach nur ein Kreis. «You know, for kids», sagt Barnes dazu bei der Präsentation stets. Die Verwaltungsratskollegen sehen ihre Chance gekommen und glauben, mit diesem Flop werde der Aktienkurs ganz sicher abstürzen. Sie stimmen der Produktion des Kreises zu.

Dumm gelaufen: Das Runde auf dem Zettel («You know, for kids») entpuppt sich als Hula-Hoop-Reifen und wird zum einschlagenden Welterfolg. Hud­sucker Industries schreibt Rekordgewinne, und der Aktienkurs steigt in nie da gewesene Höhen. Selbstverständlich versucht Mussburger das zu ändern und seinen neuen Rivalen loszuwerden. Doch die Regeln des brutalen Spiels, das er so beherrschte, scheinen plötzlich nicht mehr zu gelten. Und so siegt in diesem Kampf zwischen bösen Managern und unterdrückten Mitarbeitenden am Ende das Gute.

Obwohl bereits 23 Jahre alt, bleibt «The Hudsucker Proxy» bis heute einer der unterhaltsamsten und schönsten Filme über die Corporate World made in USA. Dies liegt nicht nur daran, dass es ein modernes Märchen mit Witz ist. Die Coen-Brüder haben ihn auch mit opulenten Bildern umgesetzt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.10.2017, 18:13 Uhr

Collection

Bookmark

Film

Ethan und Joel Coen: The Hudsucker Proxy (1994). Spielfilm, 1 Stunde, 51 Minuten.

Rating

Originalität
Verständlichkeit
Lerneffekt
Sehgenuss
Relevanz

1 Stern = schlecht, 5 Sterne = sehr gut

Artikel zum Thema

Her mit dem Vorhang!

Kritik Wissenschaftlich wäre es längst bewiesen: Durch Massnahmen zur Gleichstellung erhält man die besseren Mitarbeitern. Mehr...

Der ungeliebte Pionier

Kritik Die Biografie über Karl Schweri liest sich leicht – und verhilft dem einsamen Kämpfer zu später Anerkennung. Mehr...

Von Klischees und Karrieren

Kritik Die Netflix-Doku «Miss Representation» untersucht Frauenbilder in US-Medien. Sie macht es sich zu einfach. Mehr...

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

So überholt China alle

Kritik In «Der Masterplan» beschreibt der Korrespondent Stephan Scheuer, wo die Billigfabrik heute schon vorne liegt. Mehr...

Gnadenlos und erfolgreich

Kritik Die Biografie «Michael O'Leary» zeigt, wie der seit 25 Jahren amtierende Chef der Billigfluglinie Ryanair tickt. Mehr...

Wenn die Zukunft im Job ausweglos erscheint

Kritik Nicht Marionette, sondern Regisseur sein: Dies ist die Essenz des Buches «Arbeit – Sinn und Motivation». Mehr...