Ein Schweizer Start-up mischt die Reisebranche auf

Das in Zürich gegründete Internetunternehmen Get Your Guide gilt als heisser Börsenkandidat. Der Onlinevermittler von Reisetouren wächst rasant.

Auch Rundgänge mit einem Kunstkenner im Louvre hat Get Your Guide im Angebot. Foto: Charles Platiau (Reuters)

Auch Rundgänge mit einem Kunstkenner im Louvre hat Get Your Guide im Angebot. Foto: Charles Platiau (Reuters)

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Sie heissen Airbnb, Booking.com oder Tripadvisor. Auch wenn die drei Internetfirmen verhältnismässig junge Unternehmen sind, so haben sie die Art und Weise, wie wir reisen und Ferien machen, revolutioniert. Nun taucht immer häufiger ein weiteres junges Onlineunternehmen auf, das in hohem Tempo die Tourismusbranche verändert: GetYourGuide – auf Deutsch so viel wie «Hol dir deinen Reiseführer».

Seine Wurzeln hat GetYourGuide in der Schweiz. Gegründet wurde das Start-up 2009 an der ETH Zürich. Fünf Studenten der Hochschule hatten die Idee, ein Onlinenetzwerk zu schaffen, das Reisenden lokale Guides vermittelt. «Die Idee war gut, doch das Geschäft ein Flop», erzählt Johannes Reck. Der 35-jährige Deutsche studierte an der ETH Biochemie und ist einer der Gründer von GetYourGuide. «Wir mussten lernen, dass Reisende zwar an Touren interessiert sind, aber diese nicht bei irgendwelchen lokalen Guides buchen wollen», sagt Reck, der als CEO die Geschicke des Start-ups leitet.

CEO rechnet 2019 mit 35 Millionen Buchungen

Die Jungunternehmer liessen sich vom Misserfolg aber nicht entmutigen. Sie bauten das Angebot um – und wählten jenes Geschäftsmodell, das bis heute für Wachstum sorgt: die Vermittlung von professionellen Touren an Reisende. Auf Getyourguide.com findet man aktuell eine Auswahl von rund 55'000 Touren und Aktivitäten, die online gebucht und bezahlt werden können.

Von der Bootstour vor der malerischen Amalfiküste, einem Rundgang mit einem Kunstkenner im Pariser Louvre bis hin zum Kochkurs in der Toskana – GetYourGuide führt die Angebote der Touranbieter aus aller Welt auf seiner Website auf. Das Unternehmen regelt die Buchungsmodalitäten, übernimmt die Abrechnung und kassiert eine Kommission. Vergleichbar ist das Geschäftsmodell mit jenem von Airbnb oder Booking.com.

Im ersten Geschäftsjahr hat GetYourGuide gerade mal 30 Tickets online verkauft. Sieben Jahre später waren es bereits über 12 Millionen. «In diesem Jahr rechnen wir mit rund 35 Millionen Touren und Erlebnissen, die über unsere Plattform gebucht werden», sagt Johannes Reck. Zahlen zu Umsatz und Rentabilität gibt das Unternehmen keine bekannt.

Kurz bevor uns jeweils das Geld ausging, konnten wir zum Glück neue Geldspritzen von Investoren sichern.Johannes Reck, CEO von GetYourGuide

Klar ist aber, GetYourGuide gehört dank eindrücklichen Wachstumszahlen zu den heissesten Jungfirmen weltweit. Das Unternehmen beschäftigt 500 Mitarbeiter, jeden Monat kommen bis zu 50 Angestellte hinzu – Spezialisten wie Softwareprogrammierer, Marketingexperten, Produktmanager. Während sich seine Gründerkollegen um das Tagesgeschäft und die Weiterentwicklung des Angebots kümmern, konzentriert sich Johannes Reck selbst auf die Finanzierung.

Der Aufbau zu einem weltweiten Tourismuskonzern benötigt viel Kapital. Mehrmals sei man in den vergangenen Jahren vor der Pleite gestanden, sagt Reck. «Kurz bevor uns jeweils das Geld ausging, konnten wir zum Glück neue Geldspritzen von Investoren sichern.» Fünf Finanzierungsrunden hat GetYourGuide erfolgreich abgeschlossen. Eine der ersten, die dem Start-up vor zehn Jahren Geld zur Verfügung stellte, war die Zürcher Kantonalbank. Sie ist bis heute Investorin geblieben. Für grössere Schlagzeilen sorgte die letzte Finanzierungsrunde. Im Mai wurde bekannt, dass GetYourGuide 500 Millionen Dollar erhält. Ein grosser Teil davon kam von der japanischen Soft Bank, aber auch der Staatsfonds von Singapur investierte in die Tourismusfirma.

Eigene Angebote unterscheiden die Zürcher von der Konkurrenz

Experten schätzen den heutigen Firmenwert von GetYourGuide auf bis 1,8 Milliarden Dollar. Das Unternehmen gilt deshalb als sogenanntes «Einhorn». Als solches werden Jungfirmen bezeichnet, die eine Marktkapitalisierung von 1 Milliarde Dollar erreichen. In der Finanzwelt wird GetYourGuide als aussichtsreichster Kandidat für einen baldigen Börsengang gehandelt. Johannes Reck relativiert. «Das ist derzeit kein Thema. Wir sind glücklich, wie es läuft, und haben fantastische Investoren, die uns unterstützen», sagt er. Vorläufig brauche man kein neues Geld. Hält der Börsenboom an, dürfte es aber wohl trotzdem nicht lange dauern, bis die Investoren den Schritt aufs Parkett wagen. Die Beispiele Uber und Lyft lassen grüssen.

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GetYourGuide profitiert vom wachsenden Reisemarkt, aber auch von der Digitalisierung. Einst galten der «Lonely Planet» und das lokale Tourismusbüro als Quelle für Touren und Ausflüge, heute informieren sich Reisende in erster Linie im Internet – Smartphone und WLAN sei Dank. GetYourGuide hat diesen Trend frühzeitig erkannt und ist heute Marktführer bei der Vermittlung von Reiseerlebnissen. Doch andere Player schlafen nicht, sie drängen ebenfalls in den Wachstumsmarkt. So bauen beispielsweise Airbnb und Tripadvisor ihre Plattformen mit Freizeitaktivitäten und Events aus.

Um der Konkurrenz einen Schritt voraus zu sein, bietet GetYourGuide seit zwei Jahren auch eigene Touren an. So hat das Unternehmen in London beispielsweise eine «Harry-Potter-Führung» zusammengestellt. Johannes Reck ist überzeugt, trotz erstarkter Konkurrenz die Marktführerschaft behaupten zu können. «Innerhalb des wachsenden Reisemarkts nimmt die Nachfrage nach Ausflügen und Erlebnissen überdurchschnittlich zu», sagt er. Zudem stehe die Onlinevermittlung von Freizeitaktivitäten erst am Anfang. «40 Prozent des Hotelmarkts läuft heute über Plattformen wie Booking.com, im Erlebnisbereich beträgt der Anteil erst 5 Prozent», sagt der GetYourGuide-Chef.

Erstellt: 19.08.2019, 22:41 Uhr

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Profitieren von der Berliner Szene

Um von der dynamischen Startup-Szene Europas und dem grossen Pool an qualifizierten Mitarbeitenden zu profitieren, hat GetYourGuide das Hauptquartier nach Berlin verlegt. Rund 370 Angestellte zählt das Unternehmen in der deutschen Hauptstadt, die dank Firmen wie Zalando oder ImmobilienScout24 als Hot-Spot der Gründerszene gilt. In Zürich hat GetYourGuide nach wie vor die Entwicklung und Technik. Knapp 40 Spezialisten arbeiten auf zwei Stockwerken an der Stampfenbachstrasse nahe dem Central. Die restlichen Angestellten der total 500 Mitarbeitenden sind in einer der mittlerweile 14 Niederlassungen weltweit tätig. Das Unternehmen baut sowohl in Berlin als auch in Zürich die Belegschaft stark aus. Zudem sollen weltweit neue Niederlassungen hinzukommen. Laut eigenen Prognosen will GetYourGuide im nächsten Jahr bis zu 800 Angestellte zählen. (eme)

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