Die Schweizer Maus im Silicon Valley

Bracken Darrell hat Logitech saniert. Das Schweizer Unternehmen will aber noch weiter wachsen.

«Die Leute können ihn an den Strand mitnehmen»: Bracken Darrell mit einem Bluetooth-Lautsprecher von Logitech. Foto: PD

«Die Leute können ihn an den Strand mitnehmen»: Bracken Darrell mit einem Bluetooth-Lautsprecher von Logitech. Foto: PD

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Die historische Rolle als dominierende Herstellerin der Computermaus ist schon lange gesichert. Doch 35 Jahre nach den Anfängen im Waadtland ist die Maus für Bracken Darrell noch immer ein passendes Bild. «Wir sind wie das Mäuschen in einem Zoo und staunen. Wir befinden uns unter diesen grossen Tieren und sind doch mit allen auch gut befreundet. Das ist eine wundervolle Lage.» Der Firmenchef mit Wurzeln im ländlichen Kentucky fühlt sich am richtigen Ort. Logitech sei im Herzen ein Schweizer Unternehmen geblieben, sagt er. Und doch mehr als das: Die Firma arbeitet mit einer in dieser Form einmaligen Kombination von Fertigungs- und Forschungsstandorten in der Schweiz, den USA und China. Die Sanierung hat Logitech also hinter sich, doch das technische Potenzial der Internetwolke kann aus Sicht des Firmenchefs noch weit stärker genutzt werden.

Auf die Frage, wie weit der Turnaround des Unternehmens denn bereits gelungen sei, springt Bracken Darrell aus seinem Sessel auf und geht zur Tür. «Ich war mit zwölf Jahren schon so gross wie heute», erzählt er. «Meine Mutter hat uns Kinder immer am Türrahmen vermessen und die Grössen mit dem Datum vermerkt.» Er markiert eine imaginäre Höhe, fährt mit dem Finger den Rahmen entlang nach unten, stoppt bei etwa 30 Zentimetern. «Logitech ist noch so klein. Ich glaube, dass wir den grössten Schritt noch vor uns haben. In den nächsten Jahren werden praktisch alle Dienstleistungen in die Internetwolke verlagert; und wir werden die ­nötigen Geräte dazu bereitstellen.» Der Optimismus mag übertrieben scheinen. Doch der finanzielle Erfolg gab ihm bisher recht. Die Aktionäre sahen ihre Papiere in der Ära Darrell um mehr als das Vierfache steigen und warten gespannt, ob der Jahresabschluss von dieser Woche den Aufwärtstrend bestätigt.

«Fast unsere Seele verloren»

Wenn er den Zustand von Logitech von Anfang 2013 beschreiben soll, zeichnet Darrell die Umrisse einer orientierungslosen Firma. «Schon drei bis vier Jahre bevor ich anfing, wurde ein grosser Fehler gemacht. Man glaubte, alles in den USA zentralisieren zu müssen. Alles musste global-global sein. Dabei hätten wir fast unsere Seele verloren.» Einer seiner ersten Entscheide war es, zurück zum alten globalen-lokalen Geschäftsmodell zurückzukehren. «Im Herzen waren wir immer eine Schweizer Firma. Darauf gründen unsere Innovationskraft, die Präzision und die Do-it-right-Mentalität.»

Dazu aber mischten die drei Firmengründer rund um Daniel Borel früh schon eine US-Komponente. Als sie die Firma auf die nächste Ebene heben wollten, gingen sie vor 35 Jahren ins Silicon Valley. «Es war wichtig, dass wir uns im Zentrum der Computertechnologie befanden», erinnert sich Giacomo Marini, einer der Gründer, der später eine Venture-Capital-Firma im Silicon Valley startete. «Wenn wir in Europa geblieben wären, hätten wir es nicht geschafft.» Die Gründer mieteten ein unscheinbares Büro­gebäude in Palo Alto, unweit der Stanford-Universität. Damit konnten sie IT-Experten der Weltklassehochschule rekrutieren und von den lockeren Bauvorschriften in Palo Alto profitieren. Als der Raum zu eng wurde, mieteten sie das angrenzende Gebäude dazu, schlugen Löcher in die Mauer und zogen die Leitungen durch. «Wir haben vermutlich die Vorschriften verletzt; aber Glück spielte eben auch eine grosse Rolle für unseren Erfolg», sagte Marini der BBC.

Ein globaler Angriff

Die ersten Computermäuse produzierte Logitech noch in der Schweiz, schnell aber auch in den USA, Thailand und seit 2005 in China. Dieser globale Ausgriff sei heute ein entscheidender Vorteil, sagt Darrell. «In China produzieren wir in eigenen Fabriken. Das erlaubt uns, unsere Geschäftsgeheimnisse zu bewahren. Apple wünschte, sie könnten das auch. Aus den USA beziehen wir den typisch amerikanischen Unternehmergeist und den verbreiteten Willen zur Zusammenarbeit. Diese verrückte Kombination aus der Schweiz, den USA und Asien funktioniert wunderbar für uns.»

Vor Logitech arbeitete Darrell für den Konsumartikelkonzern Procter & Gamble, wo er die Aftershave-Marke Old Spice neu belebte, und für den deutschen Rasiergerätehersteller Braun. «Braun war ein Designunternehmen. Design war immer ein grosses Anliegen von mir. Gutes Design geht auf die Kunden zu und gibt ihnen, was sie brauchen. Steve Jobs hat dies genial getan.» Als Beispiel bei Logitech zeigt er auf einen neuen Bluetooth-Lautsprecher. «Wir haben uns überlegt, wie die Leute Musik hören und wo. Deshalb haben wir den Lautsprecher rund gemacht und wasserdicht. So können die Leute ihn an den Strand mitnehmen. Dank der Rundform haben alle die gleiche Musikqualität. Es gibt keine Nummer zwei mit diesem Speaker.»

Video und Gaming

Logitech hatte mehr als 30 Jahre mit ­Peripheriegeräten für den PC so viel ­Erfolg, dass daraus eine gefährliche Abhängigkeit entstand. Der fundamentale Trendwechsel vom PC hin zu mobilen Geräten ging am Unternehmen vorbei: Es fiel in eine Stagnation. Darrell löste dieses Problem, indem er bekannte Designer einstellte und mehrere neue Produktkategorien entwickelte. Heute bilden Tastaturen und Computermäuse nur noch ein Fünftel des Geschäfts. Dafür bietet Logitech Bluetooth-Lautsprecher und -Kopfhörer an und ist in den ­Videokonferenz- und in den Gamingmarkt eingestiegen. «Wir verfolgen gespannt, was im Bereich der Artificial Intelligence und Virtual Reality läuft», sagt Darrell. «Für uns ist es noch zu früh, voll einzusteigen. Wir haben Geduld, aber wird werden dabei sein.»

Der 53-jährige Darrell ist kein Nerd und kein typischer Silicon-Valley-Manager. Zum Interview kommt er in einer gut gealterten Lederjacke, das Hemd hängt aus dem Bund der zerknitterten Hosen heraus. Er spricht mit der rauchigen Stimme eines Leonard Cohen; er ist ständig in Bewegung. Will er etwas verdeutlichen, zeichnet er es mit einem schwarzen Stift an die abwaschbaren Wände. Er ist sich gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen. Und geniesst es. «Ich wollte schon als Jugendlicher in Führungspositionen sein, sei es im Basketball oder im Studentenrat. Ich wuchs in bescheidenen Verhältnissen in West Kentucky auf, echtes Niemandsland. Erst später habe ich gemerkt, dass es ein Vorteil ist, ohne viel Geld aufzuwachsen. Denn viel Geld ist wie viel Erfolg. Es kann träge machen oder ängstlich.»

«Ich sehe mich als Underdog»

Seine Herkunft aus dem ländlichen, konservativen Amerika hat ihn als Manager geprägt. «Bei allem, was ich tue, sehe ich mich als der Underdog. Bis heute.» Diese Haltung erklärt vielleicht, warum er und Logitech zusammenpassen. Logitech ist zwar historisch eine der ersten grossen Arbeitgeberinnen im Silicon Valley, doch stets etwas am Rand geblieben. Das stimmt auch geografisch, ist das Unternehmen doch nach seiner Startphase in Palo Alto auf die Ostseite der San-Francisco-Bucht umgezogen. In unmittelbarer Nähe sind zwar die Tesla-Werke, doch fast alle bekannten Namen finden sich auf der anderen Seite der Bucht. «Wir können es uns nicht leisten, nach drüben zu gehen», witzelt Darrell.

Er meint das auch unternehmerisch. «Ich habe von Anfang an entschieden, von den Grossen Abstand zu halten. Dafür habe ich jede Woche vier bis fünf Start-up-Firmen getroffen. Ich habe gelernt, wie unheimlich schwer es ist, eine neue Firma zu starten. Ich habe von ihren Fehlern gelernt.» Er macht wieder eine Skizze an die Wand. «Das hier sind die Monster, Apple, Google, Alibaba, Tencent und so weiter. Da drüben sind die Start-up-Firmen. Unser Platz ist dazwischen. Wir sind lieber der grosse Fisch in vielen kleinen Teichen als der grosse Fisch in nur einem Teich.»

Erstellt: 26.04.2017, 06:42 Uhr

Der Weg nach oben

Logitech unter Bracken Darrell

Unter der Führung von Bracken Darrell ist der Gewinn von Logitech seit 2013 um das Vierfache gestiegen, und der Unternehmenswert hat von 1,1 auf 4,7 Milliarden Dollar zugenommen. Aus einem um 7 Prozent schrumpfenden Umsatz im Jahr 2013 machte Darrell ein Plus von 12 bis 13 Prozent. Für das Geschäftsjahr 2016 rechnet Logitech mit einem Gewinn von 225 bis 230 Millionen Dollar. Die definitiven Zahlen gibt Logitech heute Mittwoch bekannt. Der Turnaround hat sich auch für die Aktionäre ausbezahlt. Der Preis der Logitech-Aktien ist von 7 auf mehr als 30 Dollar gestiegen. Der Logitech-Chef selbst besitzt inzwischen fast 1,4 Millionen Logitech-Aktien, da er den grössten Teil seines Lohns in Form von Aktien bezieht. Firmengründer Daniel Borel kontrolliert heute noch 5,4 Prozent des Aktienkapitals. (wn)

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