Eine spektakuläre Blamage und die Flucht im Instrumentenkoffer

Der Auftritt des Autozaren Carlos Ghosn in Beirut wurde zur Abrechnung. Und der Mann weiss genau, wie er Gegner schwächen kann.

Carlos Ghosn präsentiert sich bei einer Medienkonferenz in Beirut als Opfer einer grossen japanischen Verschwörung.


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Carlos Ghosn wäre wohl kein echter Manga-Held, wenn er immer noch in seinem Haus in Tokio sitzen würde. Als Gefallener und Geächteter, dem sie Betrug und Veruntreuung vorwerfen, auf Schritt und Tritt beobachtet von Überwachungskameras, Spionen und Aufpassern, nur um darauf zu warten, dass sie ihm irgendwann den Prozess machen und ihn am Ende womöglich wieder in eine dieser kleinen, kalten japanischen Gefängniszellen werfen. Nein, so ein Hausarrest ist nichts für Helden.

Lieber lässt er sich kurz vor Silvester in eine schwarze Kiste mit Atemlöchern schliessen, die als Instrumentenkasten deklariert ist, darin zum Flughafen karren und in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus dem Land fliegen. Von Japan bis in die Türkei und weiter in den Libanon, fast 9000 Kilometer bis nach Beirut.

Die Stunde der Abrechnung

Carlos Ghosn war einmal ein international geachteter Autoboss, Chef der Autoallianz Renault-Nissan, einer der grössten Strippenzieher in der Branche. Vor Jahren hatte er den französischen Autobauer Renault und den japanischen Hersteller Nissan saniert und beide in eine weltweite Zusammenarbeit geführt. Für all das dankten ihm die Japaner, indem sie seine Geschichte in einem Manga-Comic erzählten. So wurde der 65-jährige Managementguru mit brasilianischer, libanesischer und französischer Staatsbürgerschaft auch noch ein Comic-Held.

Nachdem ihn die Japaner im November 2018 am Flughafen in Tokio überraschend verhaftet hatten, warfen sie ihm Verstösse gegen Finanzmarktgesetze und die Veruntreuung von Firmengeldern vor. Aus dem Volkshelden und Nissan-Retter wurde ein Angeklagter. Oder, wie es Ghosn selbst sieht: ein politisch Verfolgter.

An diesem Mittwoch sitzt der Flüchtling in einer Pressekonferenz in Beirut und rechnet mit Japan ab. Mit der Justiz, mit der Politik und vor allem mit den Ex-Kollegen von Nissan. «Heute ist ein wichtiger Tag für mich», sagt er. 400 Tage habe er darauf gewartet, seit er brutal aus seiner Welt genommen wurde. Ghosn sieht sich als Opfer einer grossen japanischen Verschwörung: «Ich war Geisel eines Landes, dem ich 17 Jahre lang gedient habe.» Ein Vorbild und Rollenmodell sei er in Japan gewesen, und dann, am Ende, hätten sie ihn einen «kalten, gierigen Diktator» genannt. Das «unmenschliche System» Japans habe ihn «brechen» sollen.

Hier in Beirut, weit weg von Japan, geht Ghosn in die Offensive, während seine Ehefrau Carole in der ersten Reihe sitzt. Er sagt: «Mein unvorstellbarer Leidensweg ist das Werk skrupelloser und rachsüchtiger Einzelpersonen.» Er sieht wieder besser aus als auf den Bildern der vergangenen Monate, das Gesicht etwas voller und brauner. Er kämpft, ruft, gestikuliert.

Schon am Dienstag hatte sich Ghosns Ehefrau Carole zu Wort gemeldet. Ihr Mann sei das Opfer einer Verschwörung geworden, sagt sie. Sie will nichts von der Flucht ihres Ehemannes gewusst haben. «Ich war mit meinen Kindern in Beirut, um Weihnachten zu feiern, und jemand rief mich an und sagte: ‹Ich habe eine Überraschung für dich.›» Es sei dann die «beste Überraschung» ihres Lebens gewesen, sagte Carole Ghosn der französischen Zeitung «Le Parisien».

Welche Rolle spielte Carole Ghosn?

Am Dienstag hatte die japanische Staatsanwaltschaft auch einen Haftbefehl gegen Carole Ghosn vorgelegt. Sie soll schon im April bei einer Befragung falsche Angaben gemacht haben. Vor allem aber befürchten die Japaner, dass die Gattin ihrem Ehemann bei der Flucht geholfen haben könnte. Nun war dies aber eine der Bedingungen für Ghosns Entlassung aus der Untersuchungshaft gegen eine Kaution von mehr als zwölf Millionen Euro gewesen: dass er Japan nicht verlässt und keinen Kontakt zu seiner Frau hat, zumindest nicht ohne den Segen der Behörden.

Selbst Ghosns Flucht scheint eine perfekt inszenierte und organisierte Managementleistung zu sein.

Zu den Gerüchten, seine Frau habe ihm bei der Flucht geholfen, sagte Ghosn, er allein habe seine «Abreise arrangiert». Natürlich soll es Helfer gegeben haben, in der Türkei wurden Piloten festgenommen. Offenbar gab es ein grösseres Netzwerk, aber das ist typisch für den Mann, der mit Renault, Nissan und Mitsubishi eine der weltweit grössten Autogruppen schmiedete und dabei vieles auf seine Person hin ausrichtete. Selbst seine Flucht scheint eine perfekt inszenierte und organisierte Managementleistung zu sein.

Carlos und Carole Ghosn sind also wieder vereint, und zwar im noblen Beiruter Stadtteil Achrafieh, in dem der Ex-Manager, dessen Vermögen auf 120 Millionen Dollar geschätzt wird, eine Immobilie besitzt. Ein Flüchtling der ganz besonderen Art. Hier in Achrafieh wuchs Ghosn auf, nachdem sein aus dem Libanon stammender Vater 1960 nach Jahren in Brasilien mit der Familie wieder zurück in die Heimat gezogen war.

Neun Millionen Dollar für eine Ruine

Dass Ghosn bei der Wahl seiner Immobilien eine nostalgische Ader hat, deuten auch Erwerbungen in Brasilien und den USA an, Länder, in denen er gelebt und gearbeitet hat. Und da ist eben auch dieses Anwesen 206, rue du Liban, das er offenbar, so der Vorwurf, durch eine Tochtergesellschaft von Nissan erwerben liess. Allerdings nicht für eine Firmenniederlassung, sondern für sich selbst. 8,75 Millionen Dollar soll das Haus gekostet haben, für weitere 6 Millionen wurde aus der Ruine ein Schmuckstück.

Gemäss Recherchen des «Wall Street Journal» war es diese blassrosa Residenz in Beirut-Achrafieh, die Ghosns Fall mit einläutete. Als interne Revisionsermittler bei Nissan darauf stiessen, dass er das Haus und andere Luxusimmobilien auf Firmenkosten erwarb, sei lang aufgestauter Ärger über sein Jetset-Leben und die fragwürdige Finanzierung offen ausgebrochen.

Möglicherweise übersah Ghosn die wackeligen Kräfteverhältnisse und Frustrationen in seinem multikulturellen Konzern.

Wie konnte Ghosn so tief fallen, wo er doch anfangs so beliebt war in Japan? Eine Erklärung ist: Der Architekt des europäisch-asiatischen Bündnisses aus Renault, Nissan und Mitsubishi, aus dem er langfristig einen der grössten Autohersteller der Welt schmieden wollte, war nicht nur Retter in der Not. Er war auch Herrscher über ein Milliardenreich, führte in Personalunion zeitweise zwei Autokonzerne. Er war ein rastloser Machtmensch und Kontrollfreak. Möglicherweise übersah er die wackeligen Kräfteverhältnisse und Frustrationen in diesem multikulturellen Konzern.

Schon die Aktienverflechtungen sind kompliziert: Renault hält 43 Prozent der Nissan-Aktien, während die Japaner nur mit 15 Prozent an den Franzosen beteiligt sind. Doch im Gegensatz zu Paris hat Nissan kein Stimmrecht bei Renault. Entsprechend gross sind in Japan seit langem die Widerstände gegen eine komplette Fusion mit Renault. Die Angst vor dem totalen Kontrollverlust unter einem französischen Dach ist gross. Und als hinter den Kulissen der Machtkampf zwischen Renault und Nissan hochkochte, war der flamboyante, umstrittene Ghosn mittendrin.

Und dann war er einfach weg

Der Umzug des Carlos Ghosn von Tokio nach Beirut war ganz grosses Kino. Schon sehr früh war von einem Instrumentenkasten die Rede, in dem sich Ghosn versteckt haben soll. Ein Kontrabasskoffer vielleicht, denn ein Blockflötenköfferchen dürfte es ja kaum gewesen sein. Vermutlich war die grosse schwere Kiste einer jener Behälter, wie sie für grosse Audioanlagen bei Konzerten genutzt werden. Zwei eigens nach Japan angereiste Amerikaner sollen ihm dabei mit einem Privatjet assistiert haben.

Demnach soll die Sache so gelaufen sein: Am 29. Dezember soll Ghosn sein Haus verlassen haben. Er ging weniger als einen Kilometer zu einem benachbarten Hotel, in dem die beiden Amerikaner auf ihn gewartet haben sollen. Laut der «New York Times» soll einer der beiden ein US-Sicherheitsexperte und einer ein früherer Elitesoldat der US-Spezialeinheit Green Berets gewesen sein. Als die Amerikaner wieder abreisten, war von Carlos Ghosn keine Spur mehr. Er war einfach weg.

Dass der japanische Transportminister jetzt grössere Kisten beim Einchecken in Privatflugzeuge durchleuchten will, kommt ein wenig spät.

Was natürlich ein Indiz dafür sein könnte, dass er in jener Kiste steckte, die am Flughafen als Gepäckstück für Musikinstrumente deklariert wurde. Weil sie aber zu gross war für das Gepäckband, hatte man sie dort nicht durchleuchtet, auch der Zoll hatte sie nicht geöffnet.

Niemand schaute nach, und so konnte Ghosn gegen 23.10 Uhr Ortszeit in seiner Kiste Japan in Richtung Türkei verlassen. Dass der japanische Transportminister Kazuyoshi Akaba jetzt alle grösseren Kisten beim Einchecken in Privatflugzeuge durchleuchten will, kommt ein wenig spät.

Bitte um Amtshilfe vom Libanon

Zorn drückt sich in Japan meistens nicht in lauten Reden oder emotionalen Ausbrüchen aus. Sondern in ruhigen Taten der Vergeltung, selbst wenn diese nicht viel bringen. Als Japans Botschafter Takeshi Okubo am Dienstag mit dem libanesischen Präsidenten Michel Aoun sprach, muss seine Bitte um Amtshilfe durchaus eindringlich gewesen sein. In einer Mitteilung des japanischen Aussenministeriums heisst es, Okubo habe «gefordert, dass die Regierung des Libanon jede notwendige Zusammenarbeit gewähre in dieser Angelegenheit, die Japan sehr beunruhigt».

Ghosn war ein Erfolgsmanager, der für eine neue Offenheit der japanischen Wirtschaft stand und mit seinen brutalen Kostenschnitten bei Nissan auch mal gegen die Prinzipien der Harmoniegesellschaft verstiess. Das kostete Jobs, das brach mit Traditionen. Aber dadurch wirkte Japans betuliches Unternehmertum plötzlich offener, beweglicher, formbarer und auch interessanter für ausländische Investoren.

Wenn Ghosn jetzt nachweisen kann, dass der Staat dabei half, genau dieses flexible Management zu verhindern, dürften Investoren wieder zögern – zulasten der Wirtschaft, des Allerheiligsten der japanischen Wohlstandsgesellschaft.

Erstellt: 09.01.2020, 09:37 Uhr

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