«Eine Tariferhöhung bei Briefen tut niemandem weh»

Der abtretende Post-Präsident Peter Hasler über Preise, Poststellen, Privatisierung – und die Vorfreude, nicht mehr im Rampenlicht zu stehen.

«Private Briefe sind zu günstig. Eine Erhöhung müsste spürbar sein. Realistisch wären wohl ungefähr 1 Franken und 1.20 Franken»: Post-Präsident Peter Hasler.

«Private Briefe sind zu günstig. Eine Erhöhung müsste spürbar sein. Realistisch wären wohl ungefähr 1 Franken und 1.20 Franken»: Post-Präsident Peter Hasler. Bild: Franziska Rothenbühler

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Als Post-Präsident und davor als Direktor des Arbeitgeberverbands standen Sie über Jahre in der Öffentlichkeit. Macht es Ihnen Sorge, ab nächster Woche keine öffentliche Person mehr zu sein?
Im Gegenteil. Dieser Teil der Arbeit – das Ausgestellt-Sein in der Öffentlichkeit – ist eher unangenehm. Es wird so stark auf Unregelmässigkeiten und Fehltritte geachtet, auch im Privatleben. Während meiner Zeit als Arbeitgebervertreter habe ich Todesdrohungen gegen die Familie erhalten. Es gab Leute, die mich auf der Strasse «Arschloch» genannt haben.

Werden Sie heute auf der Strasse nicht mehr angesprochen?
Nein, das ist vorbei. Bekannt zu sein, hat auch Vorteile, weil die eigene Meinung gefragt ist. Aber irgendwann ist genug.

Sie haben jetzt plötzlich viel Freizeit. Dabei sagen Sie von sich, Sie seien nicht gemacht für das süsse Nichtstun.
Stimmt. Zum Glück habe ich verschiedene Hobbys und bin in einigen Vereinen aktiv. Zudem werde ich die eine oder andere Aufgabe pro bono übernehmen. Nicht zuletzt werde ich noch eine Weile Reka-Präsident bleiben.

Im Rückblick: Was war Ihr grösster Erfolg?
Einer meiner Erfolge waren die flankierenden Massnahmen zu den bilateralen Abkommen. Wobei solche Erfolge immer eine Teamleistung sind; in diesem Fall einer Kommission von Bundesrat Joseph Deiss. Darin waren je drei Arbeitgeber und Arbeitnehmervertreter. Gute Leute. Ich bin bis heute überzeugt davon, dass die Bilateralen ein Schlüssel sind für das Wohlergehen der Schweiz. Das sollte niemand fahrlässig aufs Spiel setzen.

«Ich habe nie alleine entschieden. Nie.»

Und bei der Post?
Da ging es zuerst darum, Ruhe in den Konzern zu bringen. Mein Vorgänger, Claude Béglé, hat ein ziemliches Chaos hinterlassen. Verwaltungsrat und Geschäftsleitung waren nach seinen neun Monaten im Amt komplett deroutiert. Vor allem weil der strategische Kurs unklar war. In einem derart grossen Konzern ist es wichtig, dass die Kommunikation einheitlich und glaubwürdig erfolgt. Das habe ich erreicht. Selbstverständlich ist das nicht, wenn Sie sich etwa die Credit Suisse anschauen. Da herrscht Chaos. Bei einem Staatsbetrieb wären in derselben Situation schon lange Köpfe gerollt.

Gibt es Entscheide, die Sie im Rückblick anders fällen würden?
Da fällt mir keiner ein. Aber ich habe sicher auch Glück gehabt. Auf dieser Ebene sind Entscheide nicht mehr nur logisch herzuleiten. Oft sind es Bauchentscheide, die man aufgrund der Erfahrung fällt. Und in Absprache mit dem Team. Ich habe nie alleine entschieden. Nie.

«Als oberster Chef kann ich mir die Freiheit nehmen, zwischendurch etwas Humor reinzubringen.»

Sie mögen markige Worte. Gleichzeitig müsse die Kommunikation einheitlich erfolgen. Musste Ihnen die Post-Kommunikationsabteilung oft auf die Finger klopfen?
Bei den Arbeitgebern konnte ich alleine entscheiden, was ich sagte. Da durfte ich auch mal provozieren. Bei der Post braucht es mehr Gespür. Der Bundesrat gibt der Post strategische Ziele vor, die uns heilig sind. Ich kann also nicht einfach flotte Sprüche klopfen. Sie müssen in der Kommunikation absolut diszipliniert sein. Ich erinnere mich noch an mein erstes Interview; da hat die Kommunikationsabteilung die Hälfte meiner Aussagen gestrichen. Als oberster Chef kann ich mir aber die Freiheit nehmen, zwischendurch etwas Humor reinzubringen.

Sie sind Freisinniger, wehren sich aber gegen die Liberalisierung des Briefmarkts. Widerspricht hier der Post-Präsident Hasler dem Privatmann Hasler?
Auch wenn Sie eine Lebensphilosophie haben, können Sie diese im Beruf nie zu hundert Prozent umsetzen. Wir alle müssen gewisse Abstriche machen. Entscheidend ist: Sind diese Abstriche so gross, dass ich den Job nicht machen will? In der Frage nach dem Restmonopol der Post könnte ich beide Seiten vertreten. Es gibt für beides gute Argumente. Ich rechne damit, dass das Monopol früher oder später fallen wird, aber im Moment soll es noch bleiben.

Braucht es das Monopol noch?
Die Post wäre nicht existenziell bedroht, wenn das Monopol fallen würde. Aber das Monopol ist eine wichtige Säule zur Finanzierung der Grundversorgung. Grundversorgung und distanzunabhängige Tarife sind politische Aufträge für die Post. Private können sich dagegen die Rosinen herauspicken. Dafür gesteht man uns das Restmonopol zu.

«Oder würden Sie Ihre Stimmdaten lieber einem US-Konzern anvertrauen?»

Im Paketgeschäft sind die grossen Innovationen erst nach der Liberalisierung gekommen.
Ich behaupte, im Briefbereich haben wir mindestens so viele Innovationen gehabt. Wir stehen hier nicht mit anderen Unternehmen im Wettbewerb, aber mit dem Mailverkehr. Das zwingt uns, die Digitalisierung voranzutreiben. Man kritisiert uns eher dafür, dass wir zu viel machen. Wenn wir ins E-Health-Geschäft gehen oder ins E-Voting, heisst es oft: Muss die Post das wirklich machen?

Und? Muss sie?
Seit es das eidgenössische Stimm- und Wahlrecht gibt, übermittelt die Post die Stimmzettel. Die Bevölkerung vertraut uns, dass wir die Sendungen pünktlich liefern und das Postgeheimnis wahren. Diese Post ist doch hervorragend qualifiziert, auch elektronisch die Daten zu übermitteln. Oder würden Sie ihre Stimmdaten lieber einem US-Konzern anvertrauen?

Trotzdem: Soll die Post in ihren Filialen Schlafmasken oder im Internet Seifenspender verkaufen?
Dieses Ergänzungsgeschäft gehört seit Jahren zur Post. Damit reduzieren wir das Defizit im Poststellennetz. Der Bundesrat will, dass wir unternehmerisch tätig sind. Wenn wir uns auf den reinen Grundauftrag beschränkten, könnten wir uns nicht mehr weiterentwickeln. Wir sind heute zu 80 Prozent im Wettbewerb.

Dann könnte man die Post doch auch privatisieren.
In dem Fall müsste der Bund die Grundversorgung ausschreiben. Die Post würde anfangs den Auftrag bestimmt erhalten und könnte die Preise diktieren. Dann hiesse es plötzlich: ein Brief ins Safiental? 1.50 Franken. Ein Paket nach Scuol? 15 Franken. Auf einmal würde der Bürger sagen: So haben wir uns das nicht gedacht. Der Bund müsste die distanzunabhängigen Tarife subventionieren. Das wäre zwar marktwirtschaftlich sauber. Aber es entspräche nicht dem Willen der Politik und des Volkes.

Die Privatisierung ist undenkbar?
Mit dem neuen Postgesetz hätte der Bund eigentlich die Möglichkeit, 49 Prozent seiner Post-Aktien zu verkaufen. Aber noch kein Mensch hat danach gefragt. Das erstaunt mich sogar ein bisschen. Das Parlament hat diese Möglichkeit ja bewusst geschaffen.

«Ach, das ist doch nur die Empörung der Konsumentenmagazine.»

1.50 Fr. für einen Brief ins Safiental. Wäre das etwa Ihre Vorstellung, wie teuer Briefe sein müssten?
Im Moment ist das Briefgeschäft der Post insgesamt noch rentabel. Dank Geschäftskunden. Aber private Briefe sind in der Tat zu günstig. Eine Erhöhung müsste spürbar sein. Realistisch wären wohl ungefähr 1 Franken und 1.20 Franken. Eine Erhöhung, die kompensiert, dass die Post seit über zehn Jahren die Tarife nicht angehoben hat. Durchschnittlich bezahlt der Schweizer für Postdienste 5.50 Franken im Monat. Da tut eine Tariferhöhung eigentlich niemandem weh. Aber die Rechnung, wie hoch das Briefporto sein müsste, ist noch nicht gemacht.

Trotzdem würde es zum Aufschrei kommen, wenn die Porti stiegen.
Ich habe nicht festgestellt, dass das ein grosser Aufreger ist. Die SBB heben ihre Preise Jahr für Jahr an.

Und Jahr für Jahr gibt es ein Geschrei darum.
Ach, das ist doch nur die Empörung der Konsumentenmagazine. Aber jeder Bürger akzeptiert das letztlich. Auch wenn manche die illusorische Vorstellung haben, alles Öffentliche müsse günstig oder gratis sein. Die Leute wissen gar nicht, wie viel in einen Bahnbetrieb oder in unsere Briefsortierzentren investiert werden muss. Trotzdem haben wir kaufkraftbereinigt die günstigste Post der Welt. Dafür erwarten wir ein gewisses Verständnis für allfällige Preiserhöhungen.

Ein anders Thema, das regelmässig für Aufregung sorgt, ist das Poststellennetz. Wie geht es da weiter?
Wir gehen davon aus, dass der Rückgang bei den Kundenfrequenzen dramatisch bleiben wird. Der Umbau des Netzes wird deshalb entschieden weitergehen. Wie rasch wir das machen, geben letztlich die Kunden vor.

«Wir bezahlen unterdurchschnittliche, nicht wettbewerbsfähige Löhne.»

Beim Arbeitgeberverband haben Sie hohe Managerlöhne kritisiert. Verdient Post-Chefin Susanne Ruoff nicht zu viel, wenn sie mehr verdient als ihre Chefin, Bundesrätin Doris Leuthard?
(lacht) Nein. Wir stehen mit ausländischen Konzernen im Wettbewerb. Deshalb müssen wir uns mit deren Löhnen vergleichen. Ein Beispiel: Wir suchen im Moment einen neuen Finanzchef. Die ganz grosse Mehrheit der guten Bewerber verdient in ihrer jetzigen Stelle mehr, als wir bieten können. Wir bezahlen unterdurchschnittliche, nicht wettbewerbsfähige Löhne.

Und warum finden Sie dennoch geeignetes Personal?
Weil es Gott sei Dank genügend Leute gibt, für die der Lohn nicht das wichtigste Kriterium ist. Mir wäre es aber nur recht, wenn die Lohnpyramide bei den Managern flacher wäre. Daran, dass sie derart spitz ist, haben auch die Medien ihren Anteil. Die Leistungen einer Firma werden gerne auf eine Person zugespitzt. Als Herr Thiam zur CS kam, hatte man das Gefühl, nun komme der liebe Gott. Der arme Herr Thiam; die Erwartungen an ihn waren viel zu hoch. Zudem hat er über 40'000 Angestellte, die für ihn arbeiten. Da ist es doch völlig überrissen, ihm einen derart hohen Lohn zu bezahlen.

Die Service-public-Initiative möchte den Lohn von Frau Ruoff auf rund 500'000 Franken beschränken.
Hier ist das Initiativkomitee völlig unredlich. Es nennt als Limit den Bundesratslohn von knapp einer halben Million. Dabei verlangt die Vorlage Verwaltungslöhne in den Staatsbetrieben. Ein Bundesrat ist aber keine Verwaltungsperson, sondern eine Magistratsperson. Der Vergleichslohn wäre somit der eines Bundesamtsdirektors: 375'000 Franken. Und damit wären wir weit weg vom Markt.

Ein anderes Argument gegen die Initiative ist, dass ein Unternehmen ohne Gewinn nicht mehr innovativ sein könne. Ist das Non-Profit-Unternehmen Reka, bei dem Sie ebenfalls Präsident sind, derart uninnovativ?
Eines vorweg: Ich bin einer der wenigen, die zugeben, dass die Initiative kein Gewinnverbot fordert. Im Text steht: Bund und Staatsbetriebe streben nicht nach Gewinn. Ein vernünftiger Gewinn für Innovation und Investitionen ist damit erlaubt. Das Gefährliche an der Forderung «strebt nicht nach Gewinn» ist aber, dass sich bei den Angestellten diese Mentalität durchsetzen könnte. Wenn wie in der Verwaltung der Kostendruck nicht dominiert, besteht die Gefahr, dass die Effizienz leidet. Der grösste Mangel der Initiative ist übrigens, dass sie gar nicht sagt, was konkret zu verbessern wäre. Und zur Reka: Sie schüttet zwar keine Dividenden aus, macht aber Gewinn.

Als Non-Profit-Unternehmen?
Selbstverständlich. Ein Unternehmen, das nicht nach Gewinn strebt, ist tot. Am meisten Gewinn machen wir mit Reka-Geld. Die Kunden kaufen Reka-Checks; das Geld liegt auf unserem Konto, bis die Leute die Checks einlösen – im Moment rund 400 Millionen Franken. Mit den Erträgen daraus vergünstigen wir Aufenthalte in unseren Feriendörfern für Schweizer Familien mit Armutsrisiko.

Funktioniert das angesichts der tiefen Zinsen noch?
Wir brauchten rund 15 Millionen Franken Gewinn pro Jahr. So hoch war der Finanzertrag früher; nun hat er sich halbiert.

«Die Reka-Feriendörfer sind nicht billig.»

Prüfen Sie, die anderthalb Prozent Rabatt auf Reka-Checks zu senken?
Nein. Das bleibt noch Jahre so. Die Reka ist unglaublich gut finanziert. Wir könnten bei den aktuellen Zinsen 20 Jahre lang überleben, ohne den Rabatt anzupassen.

Der Tourismus leidet unter Währungsturbulenzen. Warum hat sich die Reka trotzdem gut geschlagen?
Das Auslandsgeschäft läuft nicht mehr gut. Die Erträge fallen dort in Euro an und sind deshalb in Franken umgerechnet gesunken. Unser Hauptgeschäft sind aber die Feriendörfer in der Schweiz. Die wurden gebaut, um Schweizer Arbeiterfamilien Ferien zu ermöglichen.

Ist der Preis der Grund dafür, dass die Besucherzahlen in den Feriendörfern relativ stabil blieben?
Wir sind nicht billig. Die Leute buchen wieder vermehrt in der Schweiz, weil sie nach Anschlägen wie in Paris verunsichert sind. Zudem bieten Reka-Dörfer Betreuungs- und Unterhaltungsprogramme für die Kinder. Und das Wichtigste ist das Schwimmbad; ohne das können Sie kein Feriendorf führen.

Erstellt: 24.04.2016, 12:12 Uhr

Peter Hasler

Peter Hasler ist seit 2007 Präsident der Reka und seit 2010 Verwaltungsratspräsident der Schweizerischen Post. Vom Amt als Post-­Präsident tritt der 70-Jährige am 26. April altershalber zurück und übergibt an CVP-Politiker Urs Schwaller.

Bekannt wurde der promovierte Jurist vor allem als langjähriger Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbands. Dem Verband stand er zwischen 1993 und 2006 vor. Davor war er elf Jahre lang Direktor des Arbeitgeberverbands der Schweizer Maschinenindustrie. Zudem war er Präsident des Spitalrats des Universitätsspitals Zürich und Stiftungsrat des WWF. Hasler lebt im Zürcher Oberland, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. (stü)

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