Neuer VW statt nachgerüstetem Auto

Die Schweizer Amag erwägt für hiesige Kunden eine Eintauschprämie.

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Eine der grössten Rückrufaktionen in der Automobilindustrie ist am Anrollen. Auch in der Schweiz. Mittlerweile hat der Generalimporteur Amag vom Bundesamt für Strassen (Astra) die Adressen der Besitzer jener Fahrzeuge erhalten, die VW manipulierte, damit sie auf den Prüfständen bessere Abgaswerte erzielten. «Die betroffenen Fahrzeughalter werden in den nächsten Tagen in einem ersten Schreiben von der Amag informiert, dass das Abgasverhalten ihres Fahrzeugs nachgebessert werden muss», sagt Sprecher Livio Piatti.

Wann genau die ersten manipulierten Autos der Marken Audi, Seat, Skoda und VW überholt werden, steht noch nicht fest. Die entsprechenden Gespräche mit dem Astra seien am Laufen. «Wir gehen aber nach heutigem Kenntnisstand davon aus, dass für die ersten Fahrzeuge im Januar 2016 Massnahmen zur Verfügung stehen werden», sagt Piatti.

Weltweit beläuft sich die Zahl der manipulierten Autos auf 11 Millionen; mit 8,5 Millionen davon die überwiegende Zahl in Europa. In der Schweiz sind es 128 802. Laut einer Meldung der Nachrichtenagentur SDA wurden etliche Kunden von ihren Garagisten informiert, dass ihr Auto dazugehöre. Eine Prüfung der Chassisnummer ergab dann jedoch, dass dies nicht der Fall war.

In Deutschland ist eine Eintauschprämie als Alternative zur Nachbesserung in Diskussion, wie über das vergangene Wochenende verschiedene Medien berichteten. In der Schweiz wird laut Piatti ein solcher Schritt ebenfalls erwogen, wenn betroffene Kunden auf ein neues Fahrzeug aus dem Volkswagen-Konzern wechseln wollen. Er präzisiert: «Eine allfällige Eintauschprämie ersetzt die Nachbesserung nicht. Bei betroffenen Fahrzeugen wird das Abgasverhalten in jedem Fall nachgebessert.» Dazu seien Hersteller und Importeur verpflichtet.

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Die Idee einer Eintauschprämie beurteilt der deutsche Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer positiv: «Ein solches Angebot käme VW zwar ein bis zwei Milliarden Euro teurer zu stehen als ein gewöhnlicher Rückruf. Es würde aber gegenüber den Kunden bedeutend mehr Sympathie schaffen», sagt der Leiter des CAR-Center Automotive Re­search der Universität Duisburg-Essen.

Am Hauptsitz von VW in Wolfsburg geht derweil der personelle Umbau an der Spitze des Autokonzerns weiter – mit einem Neuzugang. Thomas Sedran war früher Opel-Chef und bekleidete weitere Managementpositionen bei der Muttergesellschaft General Motors, bis er im Sommer das Unternehmen verliess. Er soll nun bei VW Strategien für die Zukunft entwickeln. Bei Opel hatte er sich einen Namen als Sanierer gemacht. Sedran ist der zweite Neuzugang von einem Konkurrenten innerhalb kurzer Zeit. Bereits vorletzte Woche hatte VW ein Geschäftsleitungsmitglied von Daimler als neue Verantwortliche für «Integrität und Recht» ernannt.

Gestern wurde zudem bekannt, dass Toyota von Januar bis September mehr Autos verkaufte als VW. Experte Dudenhöffer empfiehlt VW, das Ziel der Weltmarktführerschaft aufzugeben: «Das mag wichtig sein für den Stolz älterer Herren im Konzern. Den Kunden und Aktionären bringt dies nichts.»

Weichenstellungen in Brüssel

Die politischen Ausläufer des VW-Abgasskandals debattieren die EU-Mitgliedsstaaten morgen in Brüssel im Technischen Ausschuss Kraftfahrzeuge. Das ­erklärte Ziel: strengere und vor allem realitätsnahe Normwerte beim Abgas. In Ergänzung zum heute gültigen Mess­verfahren auf dem Prüfstand soll der Stickoxidausstoss unter Strassenbedingungen (Real Driving Emissions) vorgeschrieben werden. Können sich die EU-Mitgliedsländer am Mittwoch nicht auf das Vorgehen und die Höchstwerte einigen, werden sich die zuständigen EU-Minister damit befassen müssen.

Dabei waren in Brüssel die Abweichungen der Werte der Messungen im Prüfstand gegenüber der Strasse bereits seit mehr als zwei Jahren bekannt. Der damals amtierende EU-Umweltkommissar, der Slowene Janez Potocnik, hatte seine Kommissionskollegen 2013 gewarnt, dass die Hersteller die Abgastests austricksten, wie die «Financial ­Times» gestern berichtete. In einem Brief an seinen Kommissionskollegen Antonio Tajani schrieb Potocnik von «weitverbreiteten Sorgen», dass die Automobilkonzerne die Leistung der Motoren auf den Testzyklus abstimmten und der Abgasausstoss ansonsten «dramatisch» ansteige. Es sei dafür zu sorgen, dass Autos die EU-Emissionswerte auch unter normalen Fahrbedingungen erreichten. Dazu kam es bis jetzt nicht.

Lesen Sie mehr zum Abgas-Skandal im Dossier.

Erstellt: 27.10.2015, 07:15 Uhr

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