Entwickelt sich der Handelskrieg gerade zum Wirtschaftskonflikt?

China verweigert US-Chiphersteller Qualcomm die Übernahme des niederländischen Konkurrenten NXP. Peking zeigt damit den USA seine Muskeln fernab von Strafzöllen.

Der Halbleiterhersteller Qualcomm ist im amerikanisch-chinesischen Handelsstreit zwischen die Fronten geraten (unser Bild zeigt den Hauptsitz in San Diego, Kalifornien).

Der Halbleiterhersteller Qualcomm ist im amerikanisch-chinesischen Handelsstreit zwischen die Fronten geraten (unser Bild zeigt den Hauptsitz in San Diego, Kalifornien). Bild: Mike Blake/Reuters

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Wer dachte, es gehe im Handelskonflikt zwischen den beiden weltgrössten Volkswirtschaften «nur» um Strafzölle auf gewissen Gütern, sieht sich endgültig eines Besseren belehrt. Der kalifornische Halbleiterproduzent Qualcomm wird von den neuen Zöllen in keiner Weise tangiert – und muss dennoch einen schweren Rückschlag hinnehmen: Die angestrebte und mit grossen Hoffnungen verbundene Übernahme des Chipherstellers NXP Semiconductors im Wert von 44 Milliarden Dollar kommt nicht zustande.

NXP ist nicht etwa in China ansässig, sondern in den Niederlanden. Gleichwohl vereitelte Peking die bislang grösste Akquisition in der Halbleiterbranche, die im Oktober 2016 – also kurz vor dem Wahlsieg von Donald Trump – angekündigt worden war. Acht Kartellbehörden weltweit, darunter jene in den USA und Europa, haben bis zum Endtermin am 25. Juli ihr Einverständnis zur Transaktion gegeben. Es fehlte einzig noch das Okay aus China – das kam aber nicht.

Obwohl sich laut Medienberichten in den letzten Tagen und Stunden vor Ablauf der Frist am gestrigen Mittwoch um Mitternacht selbst US-Finanzminister Steven Mnuchin und US-Handelsminister Wilbur Ross mit Telefonaten nach Peking und in die chinesische Botschaft in den USA um eine Zustimmung der Chinesen bemüht hatten, blieb das Einverständnis aus.

Vom Handels- zum Wirtschaftskrieg?

Qualcomm-Chef Steve Mollenkopf hatte bereits gestern Nachmittag eine nochmalige Fristverlängerung für das Übernahmeangebot an NXP ausgeschlossen. Es gebe «keine hohe Wahrscheinlichkeit» für eine baldige Änderung der Umstände im «aktuellen geopolitischen Umfeld», die einen Abschluss der Übernahme erlauben würde. Die Zustimmung der chinesischen Kartellwächter ist erforderlich, wenn einer der Akteure in einem geplanten Zusammenschluss über eine bedeutende Marktpräsenz in China verfügt.

Die Chinesen knüpften ihr Ja zu einem NXP-Kauf an eine Reihe von Bedingungen, wie verschiedene Medien berichteten. So sollte Qualcomm im Gegenzug den chinesischen Kunden günstigere Lizenzierungsbedingungen für die benötigten Halbleiter gewähren und darüber hinaus gewisse Konzernteile veräussern. Berichtet wurde aber auch, dass Chinas Chiphersteller der Kartellbehörde in Peking eine Ablehnung des US-niederländischen Schulterschlusses signalisiert hätten, weil sich andernfalls ihr Rückstand gegenüber Qualcomm noch vergrössert hätte.

Letztlich aber hat sich China verweigert, so die Ansicht vieler Beobachter, um im Ringen mit den USA seine Muskeln zu zeigen. Es handle sich nicht mehr nur um einen Handelskrieg, sagte der frühere China-Chef des Internationalen Währungsfonds, Eswar Prasad, dem «Wall Street Journal»: «Es ist gerade ein umfassenderer wirtschaftlicher Konflikt zwischen den zwei Ländern im Entstehen.» Das Scheitern der Qualcomm-Transaktion ist laut Prasad «ein starkes Signal, dass China gewillt ist, alle verfügbaren Hebel einzusetzen».

Ideales Opfer gefunden

Mit Qualcomm hat die Führung in Peking ein geradezu ideales Opfer gefunden. Der Chiphersteller respektive sein technisches Know-how war von der US-Administration zu einer die nationale Sicherheit des Landes tangierenden Angelegenheit erklärt worden. Mit dieser Begründung hatte US-Präsident Trump persönlich im März eine Übernahme von Qualcomm durch den in Singapur beheimateten Konkurrenten Broadcom verboten.

Die Chips des US-Konzerns sind unverzichtbar beim Aufbau des neuen 5G-Mobilfunkstandards, bei dem sich die USA und China einen Wettlauf um die Vorherrschaft liefern. Wäre Qualcomm in die Hände von Broadcom geraten, so die Befürchtungen in den USA, hätte Letzterer womöglich Teile von Qualcomm an chinesische Chipproduzenten weiterverkauft.

Mit dem beharrlichen Widerstand gegen den Qualcomm/NXP-Deal stösst Peking nicht nur die Trump-Administration vor den Kopf. Vielmehr wird auch der US-Chipkonzern selbst empfindlich getroffen. Zum einen muss dieser seinem Übernahmeziel in den Niederlanden kurzfristig eine Konventionalstrafe von 2 Milliarden Dollar wegen der gescheiterten Transaktion zahlen. Zum andern – dies dürfte noch schwerer wiegen – sieht sich Qualcomm seiner Chance beraubt, mit NXP in neue Absatzmärkte vorzustossen und die starke Abhängigkeit vom Mobilfunkmarkt zu relativieren. Die Holländer liefern ihre Halbleiter unter anderem an die Autoindustrie und Bereiche der Sicherheitstechnik.

Vor allem aber hätte Qualcomm im Verbund mit NXP die Tür zum «Internet der Dinge» und damit zu neuen Märkten mit immensen Absatzchancen aufstossen können. Wenn inskünftig Millionen von Haushaltsgeräten und industriellen Apparaturen mit Smartphones vernetzt werden, braucht es in erster Linie riesige Mengen an hochleistungsfähigen Chips.

In diesem Kampf um die besten Startplätze in der Halbleiterbranche vor dem neuen Internetzeitalter wird der US-Konzern nun empfindlich zurückgeworfen. Qualcomm mag der erste grössere Kollateralschaden im amerikanisch-chinesischen Handelsstreit sein – weitere werden mit Sicherheit dazukommen.

Erstellt: 26.07.2018, 20:19 Uhr

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