Er bringt die Wildbienen in die Stadt zurück

Biologe Claudio Sedivy beschäftigte sich an der ETH mit Wildbienen. Daraus entstand ein vielversprechendes Unternehmen.

Die Firma von Claudio Sedivy hat bereits 25'000 Niststände für Wildbienen gebaut. Foto: Sabina Bobst

Die Firma von Claudio Sedivy hat bereits 25'000 Niststände für Wildbienen gebaut. Foto: Sabina Bobst

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Einen eigenen Bienenschwarm für den Garten oder den Balkon. Was für viele fremd tönt, könnte dereinst so alltäglich sein wie das Halten von Goldfischen. Möglich macht dies das Start-up Wildbiene + Partner. Das Jungunternehmen hat sich die Förderung der Artenvielfalt zur Geschäftsphilosophie gemacht und setzt auf ein Insekt, das etwas mehr als einen Zentimeter lang ist – die Mauerbiene.

Vor sechs Jahren gegründet, schreibt Wildbiene + Partner 2 Millionen Franken Umsatz und zählt 20 Angestellte. Die Mehrzahl ist am Hauptsitz im Zürcher Steinfelsareal tätig. Das Unternehmen vermehrt zusammen mit Kunden Mauerbienen und vermietet diese in Nistkästen an Obstbauern als Bestäubungsservice. Die Landwirte können so ihre Ernten verbessern. Auch Privatpersonen können die Bienen beziehen und so zum Erhalt der Artenvielfalt beitragen.

Nur wenige in der Schweiz wissen mehr über Wildbienen als Claudio Sedivy.

Nun startete Wildbiene + Partner die Expansion nach Deutschland, Italien und Frankreich. Gewinn schreibt das Start-up, das jährlich rund 25 Prozent wächst, aktuell nicht. Dank Investoren ist der Betrieb gesichert. Zu den Geldgebern, die Anfang Jahr 5 Millionen Franken in Wildbiene + Partner investiert haben, gehört Alfred Gantner. Der Gründer der Beteiligungsgesellschaft Partners Group und einer der reichsten Schweizer sitzt auch im Verwaltungsrat des Start-ups.

Nur wenige in der Schweiz wissen mehr über Wildbienen als Claudio Sedivy. Der Biologe widmete seine Doktorarbeit an der ETH den Insekten. Das brachte ihn 2013 auf die Idee, Wildbiene + Partner zu gründen. «Wildbienen sind wohl das praktischste Haustier der Welt», sagt Claudio Sedivy. Die Insekten können einfach in einem Nistkasten gehalten werden. «Wildbienen sind äusserst fleissig; sie bestäuben die Pflanzen der Nachbarschaft und sorgen für spannende Einblicke ins Reich der Insekten», erklärt der 37-Jährige.

Kein Honig

Über 600 Wildbienenarten gibt es in der Schweiz. Allen gemeinsam ist, dass sie keinen Honig produzieren. Die bekannteste Untergruppe hierzulande sind die Mauerbienen. Sie haben keine Königin, bilden keinen Staat – und sie stechen nicht. Im Frühling schlüpfen sie aus einem Kokon. Auf der Suche nach Pollen und Nektar für den künftigen Nachwuchs bestäubt eine Mauerbiene bis zu 40'000 Blüten. Das Insekt stirbt nach nur drei bis vier Wochen. Vorher legen die Weibchen bis zu 20 Eier in ihre Nester. Daraus schlüpfen Larven, die sich bis zum Herbst zu ausgewachsenen Mauerbienen entwickeln. Im Frühling fliegen sie aus – der Kreislauf geht weiter.

Nicht nur wegen des grossen Arbeitseifers und der Effizienz sind Mauerbienen für Claudio Sedivy und sein Team interessant. «Die einheimische Wildbienenart liebt Obstbäume», sagt Sedivy. Zudem lasse sich das Insekt relativ gut vermehren. Das Jungunternehmen vermehrt die Mauerbienen in der Schweiz und überwintert die Kokons sicher in ihren Räumlichkeiten im Stadtzürcher Kreis 5.

Für die Bauern sind die Niststände von Wildbiene + Partner in erster Linie ein Bestäubungsservice, denn ist das Wetter während der Blütezeit kühl und regnerisch, können die kälteresistenten Mauerbienen trotz Fehlen anderer Insekten die Bestäubung sichern. Zudem können die Mauerbienen genau dann eingesetzt werden, wenn die jeweilige Obstsorte blüht. Das Aufstellen von Nistständen führt nachweislich zu besseren Ernten. «Durchschnittlich können Obstbauern die Erträge dank unseren Bienen um über 15 Prozent steigern», sagt Sedivy.

Auf Balkonen in der Stadt

Die Wildbienen-Häuschen «Bee­Home» von Wildbiene + Partner sieht man vermehrt auch auf Balkonen in der Stadt. Das Unternehmen verkauft die Holzhäuschen, die 25 Kokons enthalten, an Private zum Preis ab 120 Franken. Im Frühling schwirren die Mauerbienen aus und bestäuben die Pflanzenwelt im Umkreis von bis zu 300 Metern.

Seit der Gründung hat das Wildbienen-Start-up rund 25'000 Niststände gebaut und an Kunden verkauft. Damit trägt Wildbiene + Partner auch zur Förderung der Bioversität bei.

Erstellt: 10.05.2019, 21:58 Uhr

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