Es fehlt nur noch das Messer mit Zeckenzange

Der Schwyzer Sackmesserhersteller Victorinox erhält aus der ganzen Welt Vorschläge für Innovationen. Darunter hat es auch viel Kurioses.

Noch ohne das legendäre rote Outfit mit Schweizer Kreuz: Sackmesser-Rohlinge in der Produktion bei Victorinox. Foto: Volker Beinhorn

Noch ohne das legendäre rote Outfit mit Schweizer Kreuz: Sackmesser-Rohlinge in der Produktion bei Victorinox. Foto: Volker Beinhorn

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Das Offiziersmesser von Victorinox ist legendär und unter der Bezeichnung «Swiss Army Knife» weltweit ein Verkaufsschlager. Bereits das allererste Offiziersmesser, das die Schwyzer Messerschmiede 1897 auf den Markt brachte, war mit einem Korkenzieher ausgestattet. Das einfachere Soldatenmesser, acht Jahre vorher lanciert, musste sich mit Messer, Schraubenzieher und Dosen­öffner begnügen. Korken sind etwas für Offiziere.

Während 120 Jahren blieb der Korkenzieher unverändert – gleiche Länge, gleiche Windung. Doch schlicht zu kurz. «Wie die meisten in meinem Alter bin ich gewissermassen mit einem Taschenmesser von Victorinox aufgewachsen», berichtet Philipp Schwander, Weinhändler, Master of Wine und ehemaliger Kolumnist des «Tages-Anzeigers». «Den eingebauten Korkenzieher lernte ich erst später auf meinen Reisen schätzen. Und dabei fiel mir bald schon auf, dass sich die längeren Korken der wertvollen Flaschen damit nur mühsam entfernen liessen.» Schwander meldete sich deshalb bei Victorinox.

«Es gelangten schon vorher immer wieder Kunden an uns und wünschten einen längeren Korkenzieher», erzählt Carl Elsener, der die Firma in vierter Generation führt. Der Korkenzieher ist bei weitem nicht das Einzige, was Kunden beschäftigt. Er stellt eine Schachtel auf den Tisch. Eine Handvoll Offiziersmesser liegt darin. «Alles Prototypen», erklärt Elsener. Diese habe man auf Anregungen von Kunden aus der ganzen Welt angefertigt.

Der Klassiker unter den Sackmessern. Foto: Gaetan Bally/ Keystone

Da ist ein Messer mit Wasserwaage und Haarkamm ausgestattet. Es wurde nicht realisiert, «aus hygienischen Gründen». Ein anderes Messer hat einen Bleistiftspitzer in der Schale eingepasst. Der Prototyp für ein Schülermesser enthält in den Schalen Kugelschreiber und Bleistift. Natürlich wurde schon öfters ein Feuerzeug vorgeschlagen: Das Messer wird senkrecht in die Hand genommen, die Flamme lässt sich am einen Ende entzünden; es wäre realisierbar, aber zu komplex aufgrund der nötigen Bewilligungen. Auch ein Modell mit eingebautem Gäbelchen wurde ausprobiert; ideal für Häppchen-Apéros. Ein ausrollbares Messband klingt schon fast trivial, ebenso ein ausklapp- und faltbarer Elf-Zentimeter mit Knick; beide wurden nicht in Produktion gegeben.

Näher beim Militär ist hingegen wieder das Messer mit Sparschäler, aber auch diesem Prototypen wurden wenig Marktchancen eingeräumt. Ein Glasschneider dürfte bei Einbrechern auf Interesse stossen, ein integrierter Distanzmesser mit Laser impliziert Sicherheitsprobleme. Dafür kann man das Toi­lettenmesser, Resultat eines Designerkurses der Ecole cantonale d’art und von Alco Lausanne, «immer wieder anschauen als Ideensammlung», assortiert neben den üblichen Instrumenten – wie Zahnbürste, Rasiermesser, Nagelschere, Schminkpinsel und, Clou der Geschichte, einer Schale in Form einer roten Bürste mit weissem Schweizer Kreuz.

Trotz eines Kundenpotenzials von über 1 Milliarde Menschen erreichte ein Vorschlag aus China, das Messer mit einem Ohrenlöffelchen zu bereichern, nicht einmal den Prototypstatus. Realisiert wurde hingegen ein Offiziersmesser mit MP3-Player. Elsener: «Das lief ein Jahr lang gut, dann kam das Handy auf. Man sah, wo die Grenzen liegen, auch für Fans von Victorinox.» Als Erfolg erweist sich das Messer mit USB-Stick, «das läuft sehr gut». Dennoch beobachtet Toni Haberthür, Marketing- und Verkaufschef der Messersparte, wegen der allgegenwärtigen Smartphones «eine Tendenz zurück zu den traditionellen Ausstattungen mit weniger Elektronik».

141 Funktionen sind Rekord

Mehr als 400 Modelle mit bis zu 80 verschiedenen Funktionen bietet Victorinox in seinem aktuellen Katalog an, darunter Victorniox@work, ein USB-Taschenmesser mit gut 32 GB Speicherkapazität oder das Rekordmesser Swiss Champ XAVT mit 83 Funktionen – vom Dosenöffner bis zum «Innensechskant- 5-mm» für D-SUB Steckverbinder, Nagelfeile bis Baro- und Thermometer, Mehrzweckhaken bis Uhrenöffner und Digitaluhr. Daneben wirkt Carl Elseners Lieblingsmesser Traveller mit 28 Funktionen direkt asketisch. Neben den üblichen Notwendigkeiten wie lange Klinge, Dosenöffner und Korkenzieher (kurz) zeigt es auf einem digitalen Display unter anderem Zeit, Höhe, Temperatur und Luftdruck an. «Dieses Messer habe ich immer dabei, auf Geschäftsreisen und beim Wandern», so auch auf dem Kilimandscharo.

Schaut man all die komplexen Kombinationen der Offiziersmesser mit zum Teil sonderbaren Funktionen an, mag man kaum glauben, dass der Korkenzieher so lange zu kurz geblieben ist. «Mit Philipp Schwander kam Schwung in die Sache», fährt Elsener fort, «doch zuerst brauchte es den Kauf von Wenger.» Dies geschah 2005.

Der seit Oktober angebotene Wine Master stiess auf so grosses Interesse, dass es zu Lieferengpässen kam.

Wenger SA in Delémont war bekannt für Profiküchenmesser, stellte Uhren her und ebenfalls Sackmesser, darunter das Rekordmesser «Giant» mit 141 Anwendungen. Den Typ Ranger konzipierte Wenger als ein Modell zwischen Taschen- und Jagdmesser. Das klassische Swiss Army Knife misst in der Länge höchstens 9,1 Zentimeter, das Ranger-Messer 13,0 Zentimeter. «Das Offiziersmesser ist zu kurz, um einen längeren Korkenzieher einzupassen», hält Elsener fest. Der Korkenzieher des Wine Master ist 6,2 Zentimeter lang von der Spitze bis zum Anschlag, der eines 8,4 Zentimeter langen Offiziersmessers 3,9 Zentimeter. Mit dem grösseren Messergriff lässt sich eine bessere Hebelwirkung erzielen. Der extra lange, konisch geformte Korkenzieher mit fünf Rillen und einer idealen Windung lässt sich spielend in lange Zapfen drehen und dank der zweistufigen Stütze ohne Geknorze aus der Flasche heben.

Die Zusammenarbeit mit Schwander hat auch zu Verfeinerungen und Verbesserungen wie beim Kapselschneider geführt, der auf der Basis diverser Sommelier-Korkenzieher – Standard in Restaurants – erarbeitet wurde. «Alles in allem werden die Aufgaben eines Korkenziehers, Sommelier- und Brotzeitmessers perfekt vereint», beschreibt Schwander selber das Messer. Der seit Oktober im Angebot stehende Wine Master stiess auf so grosses Interesse, dass es bei Victorinox zu Lieferengpässen kam. Im Moment kann man auf weitere Neukreationen verzichten, und «sollte uns einmal gar nichts mehr einfallen», resümiert Carl Elsener, «produzieren wir ein Messer mit Zeckenzange».

Erstellt: 22.12.2017, 21:35 Uhr

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