«Es gibt keine Garantie, dass die Strompreise wieder steigen»

BKW-Chefin Suzanne Thoma forciert das Geschäft mit Dienstleistungen wie Gebäudetechnik und Engineering.

«Auch kleine und mittlere Unternehmen decken sich fleissig mit günstigem Strom ein», sagt Suzanne Thoma. Foto: Adrian Moser

«Auch kleine und mittlere Unternehmen decken sich fleissig mit günstigem Strom ein», sagt Suzanne Thoma. Foto: Adrian Moser

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Sie setzen bei den Bernischen ­Kraftwerken (BKW) auf den Ausbau des Geschäfts mit Dienstleistungen. Sie haben letztes Jahr 15 Firmen gekauft. Wie wählen Sie sie aus?
Die Firma muss mindestens seit fünf Jahren erfolgreich tätig sein – wir sind nicht auf Sanierungsfälle fokussiert. Sehr gerne sehen wir es, wenn sich die Inhaber im Rahmen der BKW-Gruppe weiter engagieren. Wir streben fast immer langfristige Nachfolgeregelungen an.

Die Unternehmen können ihren Namen behalten – weil dieser als Marke bekannt ist?
Ja. Wir ergänzen den Firmennamen aber mehr und mehr mit dem Zusatz «Ein Unternehmen der BKW». Die Unternehmen wünschen dies: Die Marke BKW ist heute viel positiver besetzt als noch vor wenigen Jahren.

Hat auch die Fernsehwerbung zum positiven Image beigetragen?
Vor allem das Sponsoring von Swiss-Ski, aber auch die TV-Werbung. Das gelingt so gut, dass ich in Bern häufiger auf unseren TV-Spot im Umfeld des «Tatorts» angesprochen werde als auf unsere Geschäftspolitik.

Dienstleistungen sollen künftig 130 Millionen Franken zum ­Betriebsergebnis beitragen. Letztes Jahr waren es erst 17 ­Millionen – wann werden Sie das Ziel ­erreichen?
Das Ziel gilt offiziell für 2024, aber wir haben das Tempo deutlich beschleunigt.

Im vergangenen Jahr hat das ­Energiegeschäft den grössten ­Beitrag zum Betriebsgewinn ­geliefert. Malen Sie nicht zu schwarz, wenn Sie schwere ­Defizite prognostizieren?
Das Energiegeschäft umfasst die Belieferung der Endkunden, den Handel, die subventionierte Produktion und die Stromproduktion am Markt: Die Stromproduktion am Markt wird defizitär sein. Das scheint in der Jahresrechnung 2015 noch nicht stark auf, weil wir den Strom immer drei Jahre zum Voraus verkaufen. Aber wir sehen heute, wie die Preise für die kommenden drei Jahre aussehen. Langfristig stellt sich die fundamentale Frage, ob die Stromproduktion in zentralen Grosskraftwerken überhaupt noch Zukunft hat.

Das sind wirklich ganz neue Töne. Noch vor wenigen Jahren plante die BKW ein neues Atomkraftwerk und wollte gross in die Wasserkraft an der Grimsel investieren.
Heute sieht die Welt anders aus: Wir sprechen von dezentraler Produktion, von Prosumern – Haushalten, die Solarenergie produzieren, aber auch Strom aus dem Netz beziehen – von neuen Speichertechnologien und von grossen Investitionen in neue erneuerbare Energien. Vor diesem Hintergrund darf ein Unternehmen wie die BKW nicht am Alten festhalten: Es muss den Veränderungsprozess mitmachen und aus den Chancen, die sich bieten, den bestmöglichen Nutzen ziehen. Unsere Dienstleistungen sind gefragt. Nehmen wir die Gebäudetechnik: Anbieter, welche eine Liegenschaft von A bis Z energetisch optimieren, haben eine Spezialität anzubieten – die BKW kann das.

Bürgerliche Berner Politiker ­fordern die vollständige ­Privatisierung der BKW, weil sie in ­Dienstleistungen expandiert.
Die BKW ist bereits heute eine privatrechtliche AG: Fast 40 Prozent ihrer Aktien sind an der Börse kotiert oder in Wandelanleihen platziert. Das verpflichtet. Der Entscheid, ob er die BKW-Aktien behalten will oder nicht, liegt beim Kanton. Es ist ein Vorteil, dass die BKW mit dem Kanton einen stabilen Ankeraktionär hat, der nicht kurzfristig orientiert ist und täglich auf den Börsenkurs ­achtet. Aber die BKW muss uneingeschränkt unternehmerisch tätig sein können.

Das Gewerbe befürchtet, dass es von der BKW immer stärker ­konkurrenziert wird.
Es ist nicht das gesamte Gewerbe, es sind einzelne Exponenten, die sich äussern, nicht zuletzt aus Eigeninteresse. In der Gebäudetechnik herrscht Konkurrenz und der Markt wird immer mehr von grossen Unternehmen aus der Schweiz und aus dem Ausland bearbeitet. Auch bei diesen Unternehmen ist die öffentliche Hand zum Teil massgeblich beteiligt. Seltsamerweise fokussiert man auf die BKW, das ist schwer zu ver­stehen. Unser Ziel ist, die BKW erfolgreich durch die schwierige Zeit auf dem Strommarkt zu führen. Der Aufbau der Dienstleistungen spielt dabei eine grosse Rolle. Wir tun dies für unsere Aktionäre und die Mitarbeitenden.

Andere Energiefirmen haben ­ebenfalls neue Geschäftsfelder aufgebaut und in die ­Gebäudetechnik ­investiert, aber ­Verluste ­eingefahren. ­Warum sind Sie überzeugt, dass die BKW ­erfolgreicher sein wird?
Zu EWB kann ich mich nicht äussern. Wir verfolgen unsere neue Strategie­ seit drei Jahren. Wir haben vorsichtig ­begonnen und seither gute Resultate ­erzielt. Deshalb haben wir das Tempo erhöht.

Martin Ebner ist Aktionär bei Alpiq. Er kritisiert die Alpiq-Führung, weil sie auf Dienstleistungen setzt und die Wasserkraftwerke ­verkaufen will. Liegt der Financier völlig falsch?
Ich weiss nicht, wie er zu seiner Aussage kommt. Die Zahlen zeigen, dass die Wasser­kraft defizitär ist. Das würde bedeuten, dass die Strombranche einen defizitären Bereich sogar noch ausbauen und auf das lukrative Geschäft mit Dienstleistungen verzichten soll.

Schmerzt es Sie persönlich, dass die Wasserkraft, auch jene an der ­Grimsel, unter den tiefen ­Strompreisen leidet?
Die Frage, ob es schmerzt oder nicht, hilft nicht weiter. Diejenigen, welche es möglicherweise schmerzt, beziehen ihren Strom trotzdem zu den bestmöglichen Konditionen. Auch die kleinen und mittleren Unternehmen decken sich fleissig am Markt mit günstigem Strom ein, was legitim ist. Gemäss unseren Prognosen wird sich der Strompreis in den 2020er-Jahren wieder substanziell erholen – auf ein Niveau, auf dem auch die Wasserkraft wieder rentieren wird. Deshalb hält die BKW bisher an ihren Wasserkraftwerken fest und investiert in den nächsten zehn Jahren auch 800 Millionen Franken in deren Unterhalt. Wir positionieren das Unternehmen so, dass es von einer Erholung der Strompreise profitieren kann, aber nicht von ihnen abhängig ist. Aber Investitionen in die Wasserkraft bergen aus heutiger Sicht das höhere Risiko als Investitionen in Dienstleistungsfirmen.

Wann steigt der Strompreis wieder?
Der Strompreis ist eng verbunden mit den Preisen von Erdöl, Erdgas und Kohle und dem CO2-Preis. Es gibt Grund zur Annahme, dass diese Preise wieder steigen und die Strompreise mitziehen werden. Aber es gibt keine Garantie und der genaue Zeitpunkt ist schwer vorhersehbar. Aber auch wenn der Strompreis steigt, wird die Wasserkraft in Konkurrenz zu andern Technologien stehen. Die Schweizer Pumpspeicherkraftwerke werden im Energiesystem der Zukunft eine Rolle spielen – aber in Konkurrenz zu andern Speichertechnologien.

Die Wasserkraft ist ein Mythos, aber sie produziert auch noch mehr als die Hälfte des Schweizer Stroms, und das erneuerbar.
Das ist richtig. Aber sie wird auch besteuert: Die Hälfte unserer Erlöse aus der Wasserkraft liefern wir derzeit als Wasserzinsen ab: Von 30 Franken je Megawattstunde gehen 15 Franken an die Standortkantone.

Die Wasserzinsen werden auf ­Bundesebene neu ausgehandelt. Ist es wahr, dass die Kraftwerksbetreiber gar nichts mehr bezahlen wollen?
Eine Forderung, nichts zu bezahlen, würde zu weit gehen: Die Kraftwerke benötigen Ressourcen und diese sollen bezahlt werden. Aber im Moment wird zu viel abgeschöpft. Die Wasserkraftwerke verdienen heute mit dem Strom nichts mehr, aber sie müssen immer noch gleich viel Steuern bezahlen – das geht nicht auf.

Speicherseen sind als Reserve ­nötig, aber sie werden nicht richtig ­entschädigt. Kann ein neues ­Marktmodell gefunden werden?
Ich denke schon. Letztlich geht es um eine Art «Versicherung»: Die Pumpspeicherkraftwerke werden nicht mehr pro Kilowattstunde entschädigt, sondern für ihre Reservehaltung. Es gibt verschiedene Ansätze: Tagesversicherung, diese wird weniger gefragt sein, weil Batterien diese Funktion erfüllen, oder Wochenversicherungen. Ungelöst ist die Saisonversicherung, weil im Sommer mehr Strom produziert wird als im Winter. Im Moment gibt es aber auch im Winter in Europa genug Strom, deshalb ist eine solche «Versicherung» wenig gefragt.

Die BKW ist Sponsorin von Swiss-Ski und ein Team hat am Engadiner Skimarathon teilgenommen. Sie selbst mussten verletzungsbedingt Forfait geben. Werden Sie das nächste Mal dabei sein?
Sicher werde ich ins Engadin reisen und unser Team unterstützen. Ob ich starten werde, weiss ich heute noch nicht.

Erstellt: 08.07.2016, 22:19 Uhr

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Suzanne Thoma

Die 54-Jährige ist seit 2013 Konzernchefin der BKW, vorher leitete sie während drei Jahren den Geschäftsbereich Netze. Sie ist Chemieingenieurin ETH mit Zusatz­ausbildung in Wirtschaft. Sie arbeitete in verschiedenen Funktionen für die Ciba Spezialitätenchemie AG. Später leitete sie mit der Rolic Ltd. in Allschwil BL ein Elektronik­unternehmen. Dann wechselte sie als Leiterin der Division Automotive zur Wicor-Gruppe in Rapperswil SG. Sie ist Mutter zweier ­erwachsener Töchter. (-ll-)

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