Zum Hauptinhalt springen

«Es ist mir ein Rätsel»

Analysten können keine Vorteile für Swiss Re aus einem Einstieg der japanischen Softbank erkennen. Verlierer wären wohl die bisherigen Aktionäre des Rückversicherers.

Beobachter sehen einen Einstieg von Softbank bei der Swiss Re (mit ihrem neuen Hauptsitz in Zürich) skeptisch. Foto: Reto Oeschger
Beobachter sehen einen Einstieg von Softbank bei der Swiss Re (mit ihrem neuen Hauptsitz in Zürich) skeptisch. Foto: Reto Oeschger

«Es ist mir ein Rätsel. Eine solche Transaktion macht für mich keinen Sinn.» So wie Peter Casanova, Finanzanalyst bei der Bank Julius Bär, ergeht es vielen seiner Kollegen, wenn sie Sinn und Nutzen eines möglichen Einstiegs des japanischen Technologiekonzerns Softbank bei Swiss Re abwägen. Auch mit der Distanz von gut einer Woche, seit der Rückversicherer entsprechende Kontakte mit den Japanern bestätigt hat, überwiegt bei Beobachtern die Skepsis.

Softbank erwägt laut Medienberichten, sich bis zu einem Drittel am Kapital von Swiss Re zu beteiligen; dafür müsste der japanische Konzern rund 10 Milliarden Franken aufwerfen. In den letzten Tagen sei indes von einer geringeren Beteiligung von 20 bis 30 Prozent oder weniger die Rede gewesen, wie der Analyst einer heimischen Privatbank, der anonym bleiben will, anmerkt. «Den beteiligten Parteien wird es aber auch bei ei­nem geringeren Transaktionsvolumen nicht leichtfallen, überzeugende Argumente für eine solche Beteiligung zu finden», sagt er.

Drohende Kapitalverwässerung

Was die Swiss Re anbelangt, sind sich die Analysten darin einig, dass sie kein zusätzliches Kapital benötige. Der Konzern hatte im November ein neues Programm zum Rückkauf eigener Aktien im Volumen von einer Milliarde Franken lanciert – obwohl bis zum damaligen Zeitpunkt bereits rund drei Milliarden Dollar an Kosten für Katastrophenschäden in den Büchern des Rückversicherers aufgelaufen waren.

Den Aktionären von Swiss Re droht hingegen eine Kapitalverwässerung, falls der Rückversicherer für eine Beteiligung von Softbank neue Aktien herausgeben würde. Ebenfalls möglich wäre, die von Swiss Re gehaltenen eigenen Aktien – die annähernd 10 Prozent des Kapitals ausmachen – an die Japaner zu veräussern. «Aber auch eine derartige Transaktion hätte für die übrigen Swiss-Re-Aktionäre den nachteiligen Effekt, dass ihre Anteile verwässert würden», gibt der Analyst zu bedenken.

«Eine echte Kooperation zwischen den zwei Konzernen sehe ich nur ganz am Rande.»

Peter Casanova, Bank Julius Bär

Wie liesse sich die Kapitalverwässerung vermeiden? «Indem Softbank den Swiss-Re-Aktionären ein Angebot zur Übernahme unterbreitet», erläutert der Analyst. «Doch kommt dieses Verfahren nur höchst selten zum Zuge.» Wohl auch deshalb, weil es für den Bieter ziemlich teuer werden könnte. Denn viele Swiss-Re-Aktionäre dürften einen Verkauf ih­rer Papiere an die Japaner nur ins Auge fassen, wenn deren Preis deutlich über dem aktuellen Kurs liege. Mit anderen Worten: Softbank müsste eine saftige Prämie für ihren Einstieg beim weltweit zweitgrössten Rückversicherungskonzern zahlen.

Wenig Berührungspunkte

Als Motiv für einen Schulterschluss von Swiss Re mit Softbank wird angeführt, dass die Japaner dank ihrem breit diversifizierten Beteiligungsgeflecht – das von Mobilfunk und Chipfertigung über Mitfahrdienste und Onlinehandel bis zu künstlicher Intelligenz reicht – als Türöffner zu neuen Kunden- und Marktsegmenten dienen könnten. Bei Peter Casanova kann aber auch dieses Argument nicht überzeugen: «Swiss Re braucht dafür keinen Partner. Der Konzern verfügt über ein langjähriges Netzwerk, das bis in jeden Winkel dieser Welt reicht.» Zudem, so der Bär-Analyst, seien Softbank und ihre Hauptbeteiligungen in Märkten und Kundensegmenten tätig, die für den Rückversicherer nur geringes zusätzliches Potenzial zu bieten hätten.

«Eine echte Kooperation zwischen den zwei Konzernen sehe ich nur ganz am Rande», resümiert Casanova. Als längerfristige Finanzbeteiligung wäre Swiss Re für Softbank aber «höchst attraktiv». Der Rückversicherer sei in einem Wachstumsmarkt tätig und verfüge über eine starke Position, zugleich sei er an der Börse relativ günstig bewertet.

«Beteiligungsnahmen, wie sie aktuell zwischen Softbank und Swiss Re diskutiert werden, sind typisch für eine Börse in der Spätphase eines Aufwärtszyklus», sagt der Analyst einer anderen Schweizer Privatbank, der ebenfalls ungenannt bleiben will. Dies sei für gewöhnlich die Zeit grösserer Übernahme- und Finanztransaktionen im Unternehmenssektor. «Nichtsdestotrotz bin ich schon sehr gespannt, wie die zwei involvierten Gesellschaften die möglichen Vorteile aus diesem Schulterschluss kommunizieren – wenn er denn zustande kommt.»

Werweissen um Gegenofferte

«Nicht überrascht» wäre der Analyst dagegen, wenn noch ein dritter Akteur auftauchen würde. Gebe Swiss Re zu erkennen, dass man für eine grössere Finanzbeteiligung offen sei, könne er sich vorstellen, dass der US-Konzern Berkshire Hathaway «ein Konkurrenzangebot zu Softbank abgibt». Die vom Investor Warren Buffett geführte Holdinggesellschaft ist in einer Vielzahl unterschiedlichster Wirtschaftszweige tätig, hat jedoch – mit Berkshire Hathaway Reinsurance – eine starke Verankerung im Rückversicherungsgeschäft.

«Eine strategische Partnerschaft von Swiss Re mit Berkshire wäre für mich gewiss leichter nachvollziehbar als ein Zusammenrücken mit Softbank», betont der Analyst. Die US-Holding ist für Swiss Re nicht nur als Konkurrentin eine alte Bekannte: Im Februar 2009 erhielt der Zürcher Konzern von Buffett notfallmässig eine Kapitalspritze von 3 Milliarden Franken, nachdem er sich mit spekulativen Finanzprodukten die Finger schwer verbrannt hatte. Knapp zwei Jahre später konnte sich die Swiss Re aus dem für sie kostspieligen Engagement der Amerikaner herauskaufen.

Wie Swiss-Re-Konzernchef Christian Mumenthaler zu einer Softbank-Beteiligung steht, wird er (spätestens) am kommenden Freitag darlegen können, anlässlich der Vorlage der Jahresrechnung für 2017.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch