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«Es kommen einfach keine Kunden mehr»

Die türkische Wirtschaft schwächelt, und die Türken klagen über die zunehmende Teuerung.

Der hohe Preis für Öl und Nahrungsmittel hat zur Folge, dass sich nur noch die wenigsten Türken teure Hochzeitstorten aus der Bäckerei leisten können. Vier von 15 Angestellten musste die Konditorei Denizati in Ankaras Hosdere-Strasse entlassen, nachdem Zucker und Mehl sich im Preis mehr als verdoppelten. Die Bäckerei ist nur eines von vielen Beispielen für das schwache Konsumklima in der Türkei.

Zehn Geschäfte in einem Radius von fünf Häuserblöcken um die Hosdere-Strasse haben ihre Türen bereits geschlossen oder stehen zum Verkauf. «Es kommen einfach keine Kunden mehr», sagt Hami Baltici, Manager des Kartal Spirituosenhandel. «Jeder hat Schulden und jeder Cent, den die Leute verdienen, wandert direkt zur Bank.»

Türkei droht Stagflation

Nach einem sechs Jahre anhaltenden Wirtschaftsboom droht der Türkei ein Stagflationsszenario. Die Inflationsrate, die im Juli 2007 mit 6,9 Prozent ihren tiefsten Stand seit 37 Jahren erreichte, stieg in den folgenden 12 Monaten auf 12,1 Prozent. Ausschlaggebend waren dabei neben den gestiegenen Rohstoffpreisen vor allem die hohen Staatsausgaben. Bei vielen Türken werden Erinnerungen an die Stagflation von 2000 bis 2001 wach, als das Vertrauen zu Zentralbank-Gouverneur Durmus Yilmaz schwer erschüttert wurde.

«Inflation ist wie hoher Blutdruck: wenn man ihn einmal hat, wird man ihn nur sehr schwer wieder los», sagt Ersin Ozince, Vorstandsvorsitzender der zweitgrössten Bank der Türkei, Turkiye Is Bankasi AS.

Zwei politische Lager

Die Wirtschaft schwächelt, und gleichzeitig ist die Türkei politisch in zwei Lager gespalten – Islamisten und Säkularisten. Seit 1960 hat das Lager der vom Militär angeführten Säkularisten vier Regierungen gestürzt. Sie verdächtigen ihre Gegner, die in der derzeitig regierenden Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei AKP organisierten Islamisten, Religion und Politik zu vermischen und das laizistische System untergraben zu wollen.

Nicht zuletzt, um in der Auseinandersetzung mit den Säkularisten die Wähler auf seine Seite zu ziehen, erhöht Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan die Staatsausgaben. Bis Mai dieses Jahres waren ihm die Hände gebunden, denn er hatte sich 2005 gegenüber dem Internationalen Währungsfonds IWF zur Haushaltsdisziplin verpflichtet – als Gegenleistung für einen Kredit in Höhe von 10 Milliarden Dollar. Das Geld benötigte die Türkei damals, um die Spätfolgen der Finanzkrise von 2001 zu überwinden. Ankara musste sich seinerzeit hoch verschulden, um die Banken des Landes über Wasser zu halten. Mit dem IWF-Kredit bekam der türkische Staat die Schulden in den Griff.

Erdogan erhöht Staatsausgaben

Noch freigiebiger ist Erdogan, seit das Abkommen mit dem IWF ausgelaufen ist. Im Mai kündigte die Regierung ein Ausgabenprogramm für die südöstliche Türkei an, wo im März nächsten Jahren Regionalwahlen anstehen. Dort sollen in den kommenden fünf Jahren 15 Mrd. Dollar in Bewässerungs- und Strassenbauprojekte investiert werden.

Die Folge ist, dass der Überschuss von 1,9 Mrd. Lira, den der Staatshaushalt in der ersten Jahreshälfte aufwies, sich laut Regierungsprognosen bis zum Jahresende in ein Defizit von 15,9 Mrd. Lira verwandelt. «Man geht lockerer mit dem Haushalt um, und das verheisst nichts Gutes für die Inflation», sagt Aslo Savranoglu, Ökonom bei EFG Istanbul Securities.

Notenbank auf dem Prüfstand

Der Anstieg der Inflation stellt die Glaubwürdigkeit der Notenbank in Frage. Die eigentlich seit 2001 von der Regierung unabhängige Institution steht im Verdacht, in Wirklichkeit durchaus empfänglich zu sein für politischen Druck. Das war etwa der Fall, als sie nach lautstarken Forderungen aus Regierung und Industrie zwischen August 2007 und Februar 2008 die Zinsen in fünf Schritten auf 15.25 Prozent senkte. «Die Zentralbank reift noch in ihrer Rolle als unabhängige Institution», sagt Ersin Ozince.

Als im Mai klar wurde, dass Yilmaz im dritten Jahr in Folge sein Inflationsziel verfehlen würde, begann er, die Zinsen wieder anzuheben. Gleichzeitig erhöhte er das Inflationsziel auf 7,5 Prozent.

bloomberg/vin

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