Es steckt der Wurm drin

Der Versicherungsmulti Zurich hat ein schlechtes Quartalsergebnis vorgelegt. Für CEO Martin Senn wird es nun eng.

Steht im Fokus: Martin Senn, CEO der Zurich. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Steht im Fokus: Martin Senn, CEO der Zurich. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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Die Zurich hat enttäuscht. Schon wieder. Seit dem Eklat mit Josef Ackermanns Rücktritt vor zwei Jahren kommt das Versicherungsunternehmen nicht auf Touren. Gestern erfolgte die nächste Hiobsbotschaft. Der Gewinn für die Zeit von Juli bis September brach um fast 80 Prozent ein. Im gesamten Jahresverlauf reduzierte sich der Betriebsgewinn, auf den die Zurich-Spitze besonderes Augenmerk legt, von 3,8 auf 2,5 Milliarden Dollar – ein Minus um 35 Prozent.

Zurich-CEO Martin Senn und sein Finanzchef George Quinn bemühten sich um Schadensbegrenzung. Man sei an der Arbeit; und die Dividende sei gesichert, das Unternehmen werde auch 2015 für die gewohnt hohe Ausschüttung genug zur Seite legen können.

Die Beteuerungen der beiden Aushängeschilder überzeugten nur kurz. Die Zurich-Aktie zeigte nach einem Anstieg gleich wieder nach unten, während die Aktien der übrigen Grossunternehmen an der Schweizer Börse mehrheitlich zulegten.

Ein Problem nach dem anderen

Es ist wie verhext. Kaum hat das Unternehmen einen Rückschlag verdaut, taucht schon das nächste Problem auf. «Wir haben in der Tat eine Häufung von teuren Schadenereignissen verzeichnet», gab Finanzchef Quinn gegenüber der «Finanz und Wirtschaft» zu. «Der Gefahr ungünstiger Kumulierungen» wolle man nun «mehr Augenmerk schenken».

Im Herbst übernahm mit Kristof Terryn ein Neuer den Krisenbereich Sachversicherung. Er will bis Anfang 2016 Ursachen analysieren und Massnahmen vorlegen. Im zweiten Geschäftsbereich, den Lebensversicherungen, geht es Zurich weiterhin gut, dort stiegen Gewinn und Einnahmen. Die US-Tochter Farmers schliesslich gibt ein durchzogenes Bild ab.

Die steten Versprechen, man werde bald liefern, machen allmählich skeptisch. Beim gestern publizierten Quartalsabschluss des Zürcher Assekuranzmultis stach jedenfalls ein neuer Taucher ins Auge. Er liegt wieder im US-Schadengeschäft, wo die Zurich zu den grossen Anbietern zählt. Erneut wurden Prämien zu knapp berechnet, sodass sie Schäden, die bei Pleiten im Baugeschäft entstehen können, nicht abdecken. Die Folge: eine Rückstellung von 140 Millionen Dollar.

Der neuerliche Sonderverlust erfolgt wenige Wochen nach der Gewinnwarnung vom September. Die Zurich hatte damals Verluste und Rückstellungen von mehr als einer halben Milliarde Dollar angekündigt. Explosionen im Frachthafen von Tianjin in China schlugen mit 275 Millionen zu Buche, Schadenfälle im US-Autohaftpflicht­geschäft kosteten die Zurich ­300 Millionen. Die Reserven für das Geschäft erwiesen sich als viel zu klein.

Bei Investoren und Analysten scheint der Geduldsfaden zu reissen. «Es braucht jetzt zwei, drei Quartale ohne negative Überraschung», sagt Stefan Schürmann, Versicherungsanalyst bei der Zürcher Bank Vontobel. Der Spezialist will nicht den Stab über den Verantwortlichen brechen. Es herrsche «keine Akutkrise», meint er. Doch gleichzeitig setzt er grundsätzliche Fragezeichen. «Stimmt die Strategie? Liefert das Management? Das will der Markt nun sehen», meint Schürmann.

Neben CEO Senn ist der Präsident der Zurich, Tom de Swaan, gefordert. Der Holländer, der bei der niederländischen Grossbank ABN Amro Karriere gemacht hatte, übernahm in der Krise um den Abgang von Josef Ackermann das Steuer im Verwaltungsrat. Grund­legende Weichenstellungen blieben darauf aus, worauf die Zurich im Vergleich zurückfiel. Die Swiss-Re-Aktie legte seit September 2013 um 30 Prozent zu, die Zurich um 12 Prozent.

Die Analysten der englischen Barclays-Bank bleiben nach einer Rückstufung von «Kaufen» auf «Halten» für die Zurich-Aktie im Zuge der Gewinnwarnung bei ihrer neutralen Bewertung. Bevor man das Rating wieder positiv setze, müsse Klarheit herrschen, dass die Massnahmen auch wirkten.

Was, wenn nicht? Früher oder später werden die Köpfe an der Spitze zum Thema, auch wenn dies öffentlich niemand sagen will. Im Fokus steht Konzernchef Senn, der nach mehr als fünf Jahren im Amt die Hauptverantwortung trägt. Er genoss bei den Investoren dank seines Know-hows grosses Ansehen.

Nun ist das Vertrauen Zweifeln gewichen. Kann Senn das Steuer noch herumreissen, und wird er der Zurich neues Leben einhauchen? Sein Coup, die englische Versicherung RSA für 8 Milliarden Dollar zu übernehmen, endete mit einem Rückzieher. Die hausgemachten Probleme hätten Priorität, hiess es damals.

So ehrlich die Erklärung: Sie hilft Senn nicht weiter.

Erstellt: 05.11.2015, 20:33 Uhr

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